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Planetenforschung

Interview mit Helmut O. Rucker


Wie man sich im Dschungel der zahlreichen Observatorien und Raumsonden zurechtfinden kann und welche Rolle die Amateure für die Planetenforschung spielen, erläutert Helmut O. Rucker im Interview mit Martina Gröschl.

Für die Erforschung von Planeten werden Raumsonden und zahlreiche Observatorien für die Sammlung von Daten eingesetzt. Wie kann man sich in diesem Dschungel zurechtfinden?

Rucker: Hier unterstützende Tools zur Verfügung zu stellen, ist eine der Aufgaben des EU-Projekts Europlanet. Europlanet hat zum Ziel, im Bereich der Planetenforschung die europäische Infrastruktur zu optimieren. Das IWF ist hier an mehreren Working Packages maßgeblich beteiligt - unter anderem zum Beispiel an der Entwicklung einer Datenbank, einer so genannten Matrix, die sämtliche Raumsonden und Observatorien detailliert dokumentiert, welche in Europa und auch darüber hinaus Planetenbeobachtungen durchführen. Wobei nicht die gesammelten Daten selbst in die Datenbank eingespeist werden, sondern infrastrukturelle Angaben, wie etwa die beteiligten Forschungsteams inklusive ihrer Kontaktdaten, ihrer Wissenschaftsgebiete oder mit welchen Instrumenten was beobachtet wird. Hier gibt es ja ein breites Spektrum von Magnetfeldmessungen über Radiobeobachtungen, von optischen Beobachtungen bis zu den Plasmamessungen.

Welchen Vorteil hat eine solche Matrix für die Forschungs-Community?

Rucker: Die Forscherinnen und Forscher können zu einem bestimmten Themengebiet auf einen Blick erkennen, wo bereits Daten gesammelt und analysiert werden bzw. wurden und in Folge welche offenen Fragen es noch gibt. Wenn sich ein Forschungsteam zum Beispiel für die Erforschung so genannter Coronal Mass Ejections, also der massiven Plasmaauswürfe der Sonne, interessiert - wie sich die CMEs durch den interplanetaren Raum bewegen, die Erde treffen, dort Phänomene wie das Nordlicht auslösen, daraufhin weiter in den interplanetaren Raum wandern und vielleicht dann später, wenn gerade die Richtung passt, auf Saturn treffen und auch dort entsprechende Polarlichter auslösen - dann kann diese Gruppe nachsehen, welche Beobachtungen es dazu bereits gibt. Zum Beispiel erforschen die NASA-Raumsonden STEREO A und STEREO B die Coronal Mass Ejections in der Nähe der Sonne, auf der Erde werden in den Aurora-Gebieten die Polarlichter in Bodenstationen mit so genannten All-Sky-Kameras eingefangen, aber auch direkte Sonnenbeobachtungen durchgeführt - wie z.B. durch die Beobachtungsstation Kanzelhöhe in Kärnten von der Universität Graz - und die NASA-Raumsonde Cassini sammelt entsprechende Daten im Orbit um Saturn.

Wie viele Raumsonden und Bodenstationen sollen in die Matrix aufgenommen werden?

Rucker: Derzeit sind etwa dreißig Raummissionen mit entsprechenden Satelliten und Raumsonden in der Matrix, die Zahl der Bodenstationen geht in die Hunderte. Dazu kommt, dass wir nicht nur die professionellen Stationen in die Datenbank aufnehmen, sondern auch die große Anzahl von Amateuren, die für die Planetenforschung von immenser Bedeutung sind. Sie verfügen über Instrumente, die an die professionelle Ausstattung nicht nur herankommt, sondern sie zum Teil sogar übertrifft. Dazu kommt, dass die Amateure über die ganze Welt verteilt sind und daher eine Beobachtung rund um den Globus und rund um die Uhr ermöglichen. Für die Planetenforschung ist die Einbeziehung von Amateuren nicht mehr wegzudenken.

Wir arbeiten im Projekt Europlanet gezielt mit Amateuren zusammen, beispielsweise bei der Beobachtung von Exoplaneten. Bei wissenschaftlichen Konferenzen sind sie mittlerweile fixer Bestandteil - auch beim EPSC-DPS Joint Meeting Anfang Oktober in Nantes, Frankreich. Der European Planetary Science Congress (EPSC), findet jährlich im Rahmen von Europlanet und heuer erstmals gemeinsam mit der Jahrestagung der Division for Planetary Sciences (DPS) der American Astronomical Society statt. Weit über eintausend Teilnehmer(innen) werden bei dieser Konferenz erwartet und eine eigene Session wird sich den Amateuren widmen. Wir wollen diskutieren, wie eine weitere wissenschaftliche Einbindung durchgeführt werden kann und wie sich diese am besten koordinieren lässt. Im Zuge des EPSC-DPS Kongresses wollen wir auch der Forschungs-Community erstmals die Gelegenheit geben, unsere Matrix auszuprobieren.

An Europlanet sind über hundert Einrichtungen aus 22 europäischen Ländern beteiligt. Was sind die großen Herausforderungen bei einem derartigen Großprojekt?

Rucker: Die größten Herausforderungen sind Transparenz und die Sicherstellung der Nachhaltigkeit der erreichten Strukturen. Man kann sich ein Großprojekt wie Europlanet als einen Baum mit vielen Ästen und Zweigen vorstellen - und zwischen diesen Ästen und Zweigen fehlen oft die Querverbindungen. Das Paradoxe gerade bei Europlanet ist, dass das am Projektbeginn notwendige Tool, nämlich eine umfassende Service-Plattform, gerade die Lösung dieses Problems darstellt, nämlich die Entwicklung einer umfassenden Service-Plattform. Bei Europlanet heißt diese IDIS. IDIS steht für Integrated and Distributed Information Service und soll für die europäische Planetenforschung relevante Informationen - seien es die neuesten Forschungsergebnisse oder infrastrukturelle Informationen wie vorhandene Labors mit ihren Instrumenten - gebündelt, webbasiert zur Verfügung stellen. Ziel ist eine möglichst effiziente Nutzung vorhandener Ressourcen - und das über das Projektende von Europlanet, das ja 2012 sein wird, hinaus.

IDIS steht daher auch im Mittelpunkt unserer Überlegungen zur Nachhaltigkeit unserer bisherigen Bemühungen im Rahmen von Europlanet. Wir planen für Anfang 2012 ein Sustainability-Meeting, bei dem wir diskutieren wollen, wo wir mit dem Projekt stehen und wie es nach Ende des Projekts weitergehen soll. Das Netzwerk soll sich ja in jedem Fall so weit selbst regulieren, dass es auch ohne EU-Projekt bestehen kann. Zur Nachhaltigkeit gehört auch, sich über das Europlanet-Netzwerk hinaus mit anderen Netzwerken zu verknüpfen. Ich fungiere zum Beispiel seit kurzem als Vertreter Österreichs bei der International Union of Radioscience. Gerade für ein kleines Land wie Österreich ist es im Sinne der Ressourceneffizienz wichtig, sich in internationalen Netzwerken zu etablieren.

Zur Person:
Helmut O. Rucker ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Weltraumforschung der ÖAW und Leiter der Abteilung "Physik des erdnahen Weltraums". Er studierte Mathematik, Physik und Chemie an der Karl-Franzens-Universität Graz und erwarb sein Doktorat in Geophysik. Nach seinem Studium absolvierte er einen Forschungsaufenthalt am NASA/Goddard Space Flight Center, Greenbelt, MD, USA. Mehrere Gastaufenthalte führten ihn nach Frankreich (Observatoire de Paris-Meudon) und Deutschland (AIP Potsdam). Rucker ist u.a. Co-Investigator im NASA/ESA Cassini-Projekt und im NASA/STEREO/WAVES Experiment. Er ist Koordinator im EU-Projekt Europlanet. Seit 2011 vertritt er Österreich in der International Union of Radioscience (Union Radio-Scientifique Internationale - URSI).







Kontakt:
Univ.-Prof. Helmut O. Rucker
Institut für Weltraumforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Schmiedlstraße 6, 8042 Graz
T +43 316 4120-601
M +43 676 6423770
rucker@oeaw.ac.at
www.iwf.oeaw.ac.at


Oktober 2011