Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Kulturelles Erbe

Schätze der Vergangenheit


Katalogisierungs- und Editionsprojekte sind die Basis dafür, dass man kulturelles Erbe auch heute noch verstehen und richtig bewerten kann. Die ÖAW übernimmt hierbei eine zentrale Rolle. Sie engagiert sich in der Herausgabe wissenschaftlicher Kataloge zu besonderen, in Österreich aufbewahrten, Kulturgütern. Eines dieser Projekte widmet sich wertvollen Handschriften in der Nationalbibliothek.

Farbenprächtige Handschriften aus dem Spätmittelalter stellen eine ganz besondere Form des kulturellen Erbes dar. Solche Bücher ziehen uns wegen ihrer ungebrochenen Schönheit in Bann, obwohl sie bereits ein halbes Jahrtausend alt sind. Die brillanten Farben, mit denen die Handschriften auf Pergament illuminiert worden sind, haben sich zwischen den hölzernen Buchdeckeln bis heute erhalten. Die wertvollen Codices, wie diese alten Bücher auch genannt werden, sind aus verschiedensten Ländern Europas über die habsburgische Hofbibliothek in den Besitz der Republik Österreich gekommen und werden heute in der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) aufbewahrt. Illuminierte Handschriften waren bereits zur Zeit ihrer Entstehung etwas ganz Besonderes. Sie wurden von Königen, vom hohen Adel oder Klerus in Auftrag gegeben und unterstrichen schon damals die Bedeutung der Auftraggeber oder Besitzer. Diese Funktion erfüllen sie zum Teil noch heute: Die kunstvollsten Bücher dienen auch heute noch der Repräsentation, wenn sie beispielsweise bei Staatsbesuchen gezeigt werden.

Beziehungen aufdecken, den Wert erkennen

Wert und Bedeutung des kulturellen Erbes vergangener Jahrhunderte erschließen sich in ihrer Fülle erst durch ihre genaue Kenntnis. Deshalb ist solch ein Erbe auch ein Auftrag, dem sich die ÖAW-Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters stellt. Maria Theisen ist eine der Wissenschaftler(innen), die an der Weiterführung der kunsthistorischen Katalogreihe "Mitteleuropäische Schulen" zu den mittelalterlichen Handschriften der ÖNB beteiligt sind. In Kooperation mit dem Otto Pächt-Archiv der Universität Wien und unter Einbeziehung einer tschechischen Wissenschaftlerin bearbeitet sie seit einigen Jahren kunsthistorisch wertvolle Handschriften, die vorwiegend aus den Sammlungen der böhmischen Oberschicht des 14. und 15. Jahrhunderts stammen. "Durch die wissenschaftliche Aufarbeitung erschließt sich uns neben der Entwicklung von Malerei und Bildmotiven auch ein umfassendes Bild der Auftraggeber und ihrer Zeit: die Lebenshaltung, handwerkliche Traditionen, Herrschaftsstrukturen sowie gesellschaftliche und wirtschaftliche Vernetzungen", erklärt Maria Theisen.

Die böhmischen Handschriften


Die böhmischen Handschriften stellen in der Sammlung der illuminierten Handschriften der ÖNB einen besonders großen und kunsthistorisch bedeutenden Teil dar. Das liegt daran, dass sich Prag im Spätmittelalter unter Kaiser Karl IV. (aus dem Geschlecht der Luxemburger) zum kulturellen Zentrum Mitteleuropas entwickelte. Hier ermöglichten gebildete, einflussreiche und vor allem finanzkräftige Auftraggeber die Entwicklung einer qualitativ hochrangigen Buchproduktion. Als später die Habsburger an politischem Einfluss gewannen, gelangte das böhmische Erbe - darunter die Prachtbibel König Wenzels IV. - nach Wien. Die kunstvollen königlichen Handschriften aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurden von Maria Theisen und Ulrike Jenni bereits bearbeitet und befinden sich derzeit im Druck (Mitteleuropäische Schulen IV). Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Kristina Klebel widmet sich die Kunsthistorikerin derzeit den Büchern aus der Spätzeit von König Wenzel, aus der Zeit der Hussitenkriege und danach. Es handelt sich um Handschriften des Hofstaates, von Bischöfen und ihren reformatorischen Gegenspielern.

Besondere Highlights des in Arbeit befindlichen Katalogs (Mitteleuropäische Schule VIII) sind ein prächtig illuminiertes Messbuch des Prager Erzbischofs, eine Bibel des Kochs von König Wenzel und eine reich verzierte tschechische Bibel eines Hauptmanns, der einer radikalen hussitischen Gruppe (den Taboriten) angehörte. Jene Bibel sowie Manuskripte von Jan Hus und John Wyclif, die für die Universität von Prag angefertigt wurden, sind insofern bedeutsam, weil sie zeigen, dass sogar von der Amtskirche als "häretisch" eingestufte Texte kunstvoll illuminiert wurden und damit die angebliche Kunstfeindlichkeit der Hussiten widerlegen. "Solche Widersprüchlichkeiten geben Einblick in die angespannte politische und religiöse Situation dieser Zeit, die schließlich in den Hussitenkriegen kulminierten", erläutert Maria Theisen.

Kunsthistorische Kataloge

Bei der aktuellen Katalogisierung der illuminierten Handschriften steht im Gegensatz zu den üblichen Textkatalogen der kunsthistorische Aspekt im Vordergrund. Das illuminierte Buch wird dabei als Denkmal mit kunsthistorischer Relevanz verstanden. Nach Erfassung der Metadaten werden Querbezüge hergestellt, die beispielsweise die Person des Auftraggebers, die Künstler und ihre Werkstätten, den Stil, aber auch die Sprache, in der das Buch verfasst wurde, betreffen. Zusätzlich zur figürlichen, farbenprächtigen Malerei in den Initialen und in Bildtafeln gibt es mit der Feder gezeichnete Verzierungen, die Fleuronnée genannt werden und große Teile der Randbereiche bedecken können. Die Malereien erläutern einerseits bestimmte Textpassagen, verweisen aber stets auch auf die Ansichten und Wertvorstellungen der Auftraggeber. "Man darf ja nicht vergessen, wie teuer jene Werke schon zur Zeit ihrer Herstellung waren: kleinere Kunstwerke hatten den Wert eines Hauses, große Bibeln aber durchaus den eines Palastes. Dementsprechend verständlich ist es, dass in den Buchschmuck gerne Familienwappen oder persönliche Wahlsprüche der Auftraggeber eingearbeitet wurden", erklärt Maria Theisen. So wurde in den Büchern König Wenzels häufig die ewige Verbundenheit des Königs mit seiner Krone symbolisiert. König und Krone galten im Mittelalter als "das hohe Paar" von Gottes Gnaden, waren aber in der politischen Praxis vor Trennung keineswegs gefeit. Das Bild des Eisvogels für diese Verbindung geht auf eine Sage Ovids zurück, in der er die untrennbare eheliche Liebe über den Tod hinaus symbolisiert.

Einen Überblick über die Katalogreihen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters finden Sie hier. Maria Theisen ist an der Reihe 1 (Bd 12, 13 und 18) sowie an der Reihe 4 beteiligt.

Weitere Editions- und Katalogisierungsprojekte an der ÖAW

Viele Forschungseinrichtungen der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW sind an Editions- oder Katalogisierungsprojekten beteiligt. Dabei werden die formalen Grunddaten von historischen Ressourcen erfasst, identifiziert und inhaltlich erschlossen. Es werden Texte transkribiert, kommentiert und veröffentlicht, um sie einer internationalen Forschergemeinschaft zugänglich zu machen. Der zeitliche Rahmen des von der ÖAW zu bearbeitenden Kulturerbes erstreckt sich von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Inhaltlich geht es neben den mittelalterlichen Handschriften um sehr Vielfältiges: um Notizen auf Papyrus, um Inschriften, Urkunden und alte Landkarten, um Gesetzestexte und Ministerprotokolle. Wichtige Editionsprojekte betreffen auch die Texte der Kirchenväter sowie Gesamtausgaben österreichischer Musiker. Gemeinsam ist den Dokumenten vergangener Zeiten, dass wir den unmittelbaren Zugang zu ihnen verloren haben. Die Forschungsarbeiten, die der Herausgabe von Print- und Online-Editionen und Katalogen vorausgehen, tragen dazu bei, entscheidende Details, Anspielungen und Verweise auch heute noch richtig zu verstehen. Damit sind sie eine unverzichtbare Basis für weiterführende Forschungen unterschiedlichster Disziplinen.


Kontakt:
Dr. Maria Theisen
Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Zentrum Mittelalterforschung
Wohllebengasse 12-14/5. Stock
T +43 1 51581-7251 bis 7261 oder +43 14277-41467
maria.theisen@oeaw.ac.at
www.ksbm.oeaw.ac.at


September 2011