Kulturelles Erbe
Jenseits von Afrika
Am Phonogrammarchiv erforscht Clemens Gütl Gründe und Umstände von Afrikaexpeditionen sowie der Tonaufnahmen, die dabei entstanden sind.

Wien/Uganda, 1911/12: Nach monatelangen Vorbereitungen startete unter der Leitung des Wiener Baumeisters Rudolf Kmunke (1866-1918) eine von der Treitlstiftung der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften (heute ÖAW) mitfinanzierte, wissenschaftliche Expedition nach Ostafrika. Neben dem Sammeln von Ethnologika, Pflanzen und Tieren sowie der Erstellung von Landkarten hatten die Expeditionsteilnehmer noch einen weiteren Auftrag: die Herstellung von Tonaufnahmen der einheimischen Bevölkerung für das Phonogrammarchiv der Akademie. Der afrikanische Diener des Rassenphysiologen Robert Stigler (1878-1975) während der Expedition, ein Dholuo-Sprecher, wurde wegen seiner Körpergröße "Kilimandscharo" genannt. Als der für die Tonaufnahmen mitgeführte Phonograph zu Bruch ging, zögerten die Expeditionsteilnehmer nicht lange und nahmen "Kilimandscharo" Mori Duise und einen weiteren Ugandesen, den Luganda-Sprecher Simon Kasajja, kurzerhand mit nach Österreich. Ihre Stimmen wurden zwischen 1912 und 1914 am Phonogrammarchiv in Wien in Wachsplatten verewigt. An den Aufnahmen waren neben Robert Stigler der renommierte Anthropologe und Ethnograph Rudolf Pöch (1870-1921) sowie der Philologe Hans Pollak (1885-1976) beteiligt.
Aufnahmen afrikanischer Sprachen kontextualisieren
Doch wie erging es Mori Duise und Simon Kasajja dabei? Sind sie freiwillig mit nach Österreich gekommen? Wie ist ihr weiteres Schicksal nach den Aufnahmen verlaufen? Das sind nur drei der Fragen, die Clemens Gütl, Afrikahistoriker am Phonogrammarchiv der ÖAW, im Rahmen seines Forschungsprojekts "Das Phonogrammarchiv in Wien - Spiegel österreichischer Afrikaforschung: Kontextualisierung von Tondokumenten in afrikanischen Sprachen", beantworten will. "Tonaufnahmen gelten gemeinhin als 'authentisch' - was man mit eigenen Ohren hört, wird gefühlsmäßig unreflektiert als getreues Abbild der Realität akzeptiert", sagt Gütl. Doch das muss dem Afrikahistoriker zufolge hinterfragt werden: "Ohne eine quellenkritische Untersuchung der Inhalte auf den Tondokumenten, die eingebettet in den jeweiligen historischen Kontext erfolgen muss, bleibt das Bild unvollständig und können die Bedeutungen der Texte auch nur beschränkt entschlüsselt werden."
Beweggründe und Begleitumstände im Mittelpunkt
Im Rahmen seines wissenschaftsgeschichtlichen Projekts erforscht Clemens Gütl unter anderem Motive und die ursprünglichen "Triebfedern" für Afrikaexpeditionen, bei denen (auch) Tonaufnahmen gemacht wurden, sowie die Umstände, unter denen sie entstanden. Dabei liegt der Fokus zunächst auf historischen Aufnahmeserien afrikanischer Sprachen aus dem Phonogrammarchiv der ÖAW, die noch vor dem 1. Weltkrieg gemacht wurden. Ziel ist die lückenlose Erschließung der beforschten Audioquellen durch eine möglichst detaillierte Kontextualisierung und die wissenschaftliche Auswertung ihrer Inhalte in Zusammenarbeit mit afrikanischen und europäischen Fachleuten. Neben der genannten Expedition in das heutige Uganda und Kenia analysiert Gütl eine Aufnahmeserie von Hermann Junker (1877-1962), der im Winter 1911 eine Forschungsreise der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften nach Unternubien leitete. Der berühmte Ägyptologe und Afrikanist, später selbst jahrzehntelang Mitglied der Akademie in Wien, wollte die durch den damaligen Ausbau des Assuan-Staudammes und der damit verbundenen Umsiedlung der Bevölkerung bedrohte Kenzi-Sprache noch rechtzeitig vor ihrem Verschwinden dokumentieren. "Dieser 'Rettungsgedanke' ist damals wie heute eine starke Triebfeder vieler Forschungen", erläutert Gütl.
Historische und jüngere Tonaufnahmen im Vergleich
Die Tonaufnahmen von Junker und der Ostafrika-Expedition gehören zu den so genannten historischen Beständen des Phonogrammarchivs. Diese wurden von der UNESCO 1999 anlässlich des 100. Geburtstages des ältesten Schallarchivs der Welt als "Dokumente universaler Bedeutung" in das Weltregister des Memory of the World Programme eingetragen. Im Rahmen seines Projekts untersucht Gütl jedoch erstmals vergleichend auch neuere Aufnahmeserien aus den 1950er Jahren und somit einer Zeit unmittelbar vor der Unabhängigkeit zahlreicher afrikanischer Staaten von den jeweiligen europäischen Kolonialregierungen. Dazu zählen Länder, die von der "Österreichischen Transafrika-Expedition" unter der Leitung von Max Lersch in den Jahren 1957 bis 1959 bereist worden waren. Und auch der kürzlich ins Phonogrammarchiv übernommene umfangreiche Nachlass des Afrikanisten und Missionars Anton Vorbichler (1921-1999) wird ausgewertet. Er hatte im Rahmen seiner Missionarstätigkeit in der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo intensiv unter anderem zu den Sprachen der Efe, Balese und zu Mamvu gearbeitet. Erstere sind heute massiv bedrohte Jäger und Sammler, die zurückgezogen im Ituri-Regenwald leben. Sie wurden früher nicht ganz vorurteilsfrei "Pygmäen" genannt. Ihre Erzählungen, Märchen, Mythen oder Lieder hatte Vorbichler in den Jahren 1958 bis 1960 auf zahlreichen Tonaufnahmen festgehalten.

Gütl: "Mit der Entwicklung der Magnetbandtechnik und feldtauglicher, leicht transportierbarer Tonbandgeräte stieg ab Mitte der 1950er Jahre die Zahl der Tonaufnahmen im Phonogrammarchiv rasant an." Doch nicht nur die Fülle an Material erfordert und ermöglicht eine detaillierte Kontextualisierung: "Bei den jüngeren Forschungsreisen lassen sich noch direkt beteiligte Zeitzeugen befragen." Im Fall der Transafrika-Expedition ist Gütl mit dem verantwortlichen Tontechniker Herbert Prasch im Kontakt und hofft über Interviews noch Wissenslücken zu schließen. Je weiter eine Expedition zeitlich zurück liegt, desto aufwändiger ist die Rekonstruktion ihrer Umstände. Hier sind umfangreiche Recherchen in Archiven und Bibliotheken notwendig und man ist mitunter auf glückliche Zufälle angewiesen. "So tauchten inzwischen in der Tschechischen Republik zirka 100 Original-Fotografien der Ostafrika-Expedition von 1911/12 und in Deutschland im Privatbesitz befindliche Fotografien zur Sprachenexpedition Junkers nach Ägypten auf", so Gütl. "Wenn wir Glück haben ist auch eine Fotografie von Mori Duise und anderen Gewährspersonen dabei, deren Stimmen wir heute im Phonogrammarchiv aufbewahren."
Mit Blick auf die Vergangenheit in die Zukunft
Die Erschließung und Kontextualisierung der Aufnahmen muss immer mit Blick auf die Zukunft geschehen. "Wir wissen heute nicht, was für die Forschung morgen interessant sein wird", betont Gütl. So waren die zwischen den Sprachaufnahmen von Anton Vorbichler immer wieder spontan eingebauten Gesänge für die wissenschaftliche Fragestellung des Linguisten Vorbichler uninteressant, wurden aber dennoch archiviert: "Für die musikethnologische Forschung sind heute gerade diese Teile von größtem Interesse."
Aber auch der kritische Blick auf die Vergangenheit ist wichtiger Teil des Projekts. "Wie die aufgenommenen Personen, die Aufnahmen und deren Umstände wahrgenommen haben, lässt sich heute nur schwer rekonstruieren", erklärt Gütl. Dass einiges im europäisch-afrikanischen Kontakt damals wohl nicht freiwillig war, lässt sich selten und meist aus europäischer Perspektive verfassten Quellen nur indirekt schließen. "Unsere Tondokumente stellen mitunter die einzigen erhaltenen Quellen dar, auf denen Afrikanerinnen und Afrikaner direkt ihre Meinung artikulierten, sie sind bedauerlicherweise aber seit 1912 weder abgehört, noch übersetzt worden und daher bisher ungehört geblieben, was mit dem aktuellen Projekt geändert werden soll. So sprach "Kilimandscharo" Mori Duise auf der Aufnahme Ph 1287 von einer tödlichen Krankheit, die "vom Meer herkam". Gütl: "Für uns nicht unmittelbar verständlich, interpretierten unabhängig voneinander mehrere meiner afrikanischen Kollegen diese Textpassage sofort als Metapher für die von außen nach Uganda eindringenden europäischen Kolonisatoren und die Folgen für die afrikanische Bevölkerung". Dokumente aus der Kontextforschung zu den Aufnahmeserien weisen die Degradierung Mori Duises zum reinen Forschungsobjekt nach: "Für den Rassenphysiologen und später überzeugten Nationalsozialisten Robert Stigler diente der Afrikaner nämlich auch als 'Versuchsperson' in einem Wiener öffentlichen Bad, wo ihn Stigler auf seine Widerstandsfähigkeit 'bei Arbeit in überhitzten Räumen' testete", erläutert Gütl.
"Den Menschen zurückbringen, was man ihnen einst weggenommen hat"
"Bei unseren Forschungen und Publikationen schwingt immer auch ein weiterer Gedanke mit: den Menschen zurückzubringen, was man ihnen einst weggenommen hat", unterstreicht Gütl. Im Rahmen seines Projekts arbeitet er eng mit afrikanischen Forscher(inne)n und Fachleuten in Europa zusammen. Die Ergebnisse werden unter anderem in Form wissenschaftlich kommentierter CDs veröffentlicht, die dann natürlich auch in afrikanischen Archiven für die Forschung, aber auch für interessierte Personen in den Herkunftsgebieten der Aufnahmen physisch vor Ort zur Verfügung gestellt werden. Darüber hinaus ist über Leben und Werk des Ägyptologen und Afrikanisten Hermann Junker aktuell ein Sammelband in Vorbereitung.
Das Projekt "Phonogrammarchiv in Wien - Spiegel österreichischer Afrikaforschung: Kontextualisierung von Tondokumenten in afrikanischen Sprachen" wird von der Kulturabteilung (MA7) der Stadt Wien gefördert.
Hörproben (Originale im Phonogrammarchiv der ÖAW):
"Freie Rede" aufgenommen mit "Kilimandjaro" Mori Duise, Phonogrammarchiv der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 3. März 1913 (Sprachen: Dholuo und Kiswahili; Aufnahme: Robert Stigler), © Phonogrammarchiv.
Erzählung "Die Abenteuer eines Pygmäen mit den in Baumratten verwandelten Menschen" gesprochen von Ramazani Apacidi mit einer Liedeinlage gesungen von Uboitedu, Biasa (Belgisch-Kongo), April 1959 (Sprache: Lese; Aufnahme: Anton Vorbichler), © Phonogrammarchiv.
Stimmporträt Seiner Majestät Haile Selassie I., Kaiser von Äthiopien, Addis Abeba (Äthiopien), April 1958 (Sprache: Amharisch; Aufnahme: Herbert Prasch), © Phonogrammarchiv.
Kontakt:
Dr. Clemens Gütl
Phonogrammarchiv
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 4277-29632
clemens.guetl@oeaw.ac.at
www.phonogrammarchiv.at
September 2011

