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Kulturelles Erbe

Österreich und die Türken


Wie das Feindbild "Türke" in Österreich über Jahrhunderte hinweg aufrechterhalten werden konnte, untersucht das Projekt "Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the Turks and Other Enemies".

In der Eurobarometer-Umfrage von 2006 wurde EU-weit gefragt, wie die Bevölkerung zum EU-Beitritt der Türkei steht. Mit einer Zustimmungsquote von nur fünf Prozent war Österreich absolutes Schlusslicht. Warum? Das fragten sich Johannes Feichtinger und Johann Heiss und initiierten ein Forschungsprojekt, um dieser Ablehnung auf den Grund zu gehen.

"Dass die Türken als Feindbild in Österreich leicht aktivierbar sind, zeigt zum Beispiel der Wahlkampf der FPÖ zur Wien-Wahl 2010", sagt Johannes Feichtinger, Kulturwissenschaftler am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. Dabei sticht der damals heftig umstrittene Wahl-Comic "Sagen aus Wien" besonders ins Auge. Denn dort lässt sich ein möglicher Bezugspunkt zur tiefsitzenden Skepsis der Österreicherinnen und Österreicher gegen die Türken finden: eine "Sage" zur Zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683.

Warum die Türken?

Kann ein über 300 Jahre zurückliegendes Ereignis tatsächlich bis in die Gegenwart wirken? "Ja", sagen Feichtinger und Johann Heiss vom ÖAW-Institut für Sozialanthropologie. In ihrem Forschungsprojekt "Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the Turks and Other Enemies" untersuchen sie und ihr Team (Marion Gollner und Simon Hadler) anhand von Denkmälern, wie das Feindbild "Türke" über die Jahrhunderte hinweg erfolgreich gehegt und gepflegt werden konnte.

Dass sich der FPÖ-Comic gerade auf die Zweite Türkenbelagerung bezieht, kommt nicht von ungefähr: Hier hat Österreich einen triumphalen Sieg davongetragen und die Türken tapfer in die Flucht geschlagen, so erzählt es die Geschichte. "Das ist der Grund, warum gerade das Gedächtnis an die Zweite Türkenbelagerung immer wieder reaktiviert wird", erklärt Feichtinger. Dieser Erfolg, eine Bedrohung abgewehrt zu haben, gibt Hoffnung auf die Abwehr neuer Bedrohungen, schafft eine klare Grenze zwischen Innen und Außen und lässt die als seinesgleichen Gesehenen näher zusammenrücken.

"Dazu kommt, dass sich durch das Gegensatzpaar 'christliches Abendland - islamisches Morgenland' der Türke als Feindbild besonders gut abgrenzen lässt", ergänzt Heiss. Es gilt, nicht nur das eigene Volk, sondern gleich die ganze "christliche" Kultur des Abendlandes zu verteidigen. Zur wichtigen Symbolfigur wurde der Kapuzinermönch und "Retter des Christentums" Marco d'Aviano. Er soll im Zuge der Zweiten Türkenbelagerung die christlichen Heeresführer geeint und die Soldaten im Kampf gegen die Türken angefeuert haben. Heiss: "Engelbert Dollfuß inszenierte sich beispielsweise parallel zu d'Aviano als Retter und legitimierte damit den autoritären Ständestaat." Beeindruckendes Zeugnis dieser austrofaschistischen Vereinnahmung ist die von Dollfuß in Auftrag gegebene, überlebensgroße Bronzestatue des Mönches mit erhobenem Kreuz an der Wiener Kapuzinerkirche.

Schablone für auswechselbare Feindbilder

Was denn nun genau die jeweilige Bedrohung ist, lag im Laufe der Jahrhunderte im jeweiligen Auge des Betrachters. Denn die Türken selbst waren es die meiste Zeit nicht. "Sie dienten nur als Stellvertreter für einen jeweils aktuellen Feind", so Heiss. Um diesen "jeweiligen Feind" auszumachen, analysieren die Forscherinnen und Forscher insbesondere diverse Jubiläumsfeierlichkeiten zur Türkenbelagerung von 1683. Denn je länger die Belagerung zurückliegt, desto mehr muss man an sie erinnert werden und Jubiläen sind dafür eine gute Gelegenheit. Heiss: "Bei den Jubiläumsfeierlichkeiten sieht man sehr gut, für welchen Zweck das Feindbild 'Türke' instrumentalisiert wurde." So waren zu den Feierlichkeiten des Jahres 1783 die Aufklärer die "Türken der Zeit". 1883 wurde gegen Liberale und Juden gehetzt, 1933 waren es die Sozialdemokraten, Nationalsozialisten und Bolschewiken, 1983 der Kommunismus. "In allen Fällen wurde der jeweilige politische Gegner als Türke denunziert", betont Feichtinger, "die 'Rückkehr' zum ursprünglichen Feindbild erfolgte erst in der allgemeineren Form der Türken als die Vertreter des Islam durch 9/11 und in Wien durch die FPÖ im Zuge ihrer Anti-Türken-Politik."

Wien, Wien nur du allein

Wie und welches Türkengedächtnis reaktiviert werden kann, ist stark vom jeweiligen Ort und seiner Geschichte geprägt. "Man kann in Wien jederzeit Plakate mit 'Abendland in Christenhand' aufhängen, und jeder versteht sofort, was damit gemeint ist, in anderen Gegenden - auch in Österreich - wäre das nicht so", erläutert Heiss. "Der Wahl-Comic der FPÖ inklusive der Botschaft 'wir können die Türken einfach hinausschmeißen' war ebenso nur vor dem Hintergrund der in Wien leicht aktivierbaren Erinnerung an die Zweite Türkenbelagerung möglich", ergänzt Feichtinger.

Andere Orte, andere Erinnerungen

Rund 200 Denkmäler, von Gedenktafeln über Inschriften bis zu Statuen, konnten die Forscherinnen und Forscher allein in Wien aufspüren. An anderen Orten mit einem historischen Bezug zur Zweiten Türkenbelagerung wurden sie ebenfalls fündig. Ihre Denkmal-Sammlung umfasst mittlerweile Exemplare aus Wien und Umgebung, wo zum Beispiel Klosterneuburg bei der Türkenbelagerung von 1683 eine entscheidende Rolle gespielt hat, und aus Polen, das seinerzeit ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen die Osmanen war. Aber auch Denkmäler aus Gegenden mit einer anderen Türkenvergangenheit wurden für den Vergleich aufgenommen wie aus der Steiermark, aus dem Burgenland oder aus Ungarn. "Gerade Ungarn ist ein gutes Beispiel um zu untersuchen, wie die jeweilige Vergangenheit sich auf das Türkengedächtnis auswirkt", sagt Feichtinger, "Ungarn war 150 Jahre lang von den Osmanen besetzt, die Ungarn verbinden mit der Erinnerung an die Türken keinen Sieg, sondern Niederlagen."

Die Ergebnisse der Forschung werden der Öffentlichkeit über die Website www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at zugänglich gemacht und laufend ergänzt. Dort können die Denkmäler nach Entstehungszeit oder alphabetisch bzw. auf einem Stadtplan oder anhand einer Zeitleiste gesucht werden. "Ein entscheidender Aspekt unseres Projekts ist es, auf unsere Gegenwart Bezug zu nehmen - das wird erst durch die transdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den historischen Kulturwissenschaften und der mehr auf die Gegenwart ausgerichteten Sozialanthropologie möglich", betonen Feichtinger und Heiss. Die Forscher denken bereits über ein Folgeprojekt nach, bei dem sie genauer untersuchen wollen, wie sich ein Sieg oder eine Niederlage in der Vergangenheit auf das Gedächtnis eines Landes auswirkt sowie was getan werden kann, um einmal etablierte Feindbilder wieder abzubauen.

Die Rolle der Schule

Wer in der Grundschule das Lied "C-A-F-F-E-E" gelernt hat, weiß, dass das Feindbild "Türke" auf äußerst heimtückischem Weg ins Klassenzimmer finden kann. Umso wichtiger ist es, für das Thema im Rahmen des Geschichtsunterrichts zu sensibilisieren. Auch hierzu wird an der ÖAW geforscht: Johanna Witzeling, ÖAW-DOC-team Stipendiatin (DOC-team Projekt gemeinsam mit Silvia Dallinger und Judith Pfeifer: "Die Türken vor (und in) Wien". Zur Vermittlung und Vergegenwärtigung von Geschichtsbildern der "osmanischen Bedrohung" in Österreich), untersucht im Rahmen ihres Dissertationsvorhabens, wie im Wiener Pflichtschulunterricht die Türkenvergangenheit vermittelt wird: "Die sogenannten Türkenbelagerungen gehören nach wie vor zum Standardprogramm im Wiener Volksschulunterricht." Trotz kultureller Vielfalt in den Schulklassen werden dabei häufig nationalstaatlich geprägte Geschichtsbilder über 1529 und 1683 tradiert. "Einige Lehrende sind sich dieser Problematik durchaus bewusst, für viele gehört das Thema als Teil 'unserer Geschichte' einfach zum 'Geschichtspaket' dazu", so Johanna Witzeling.

Das Projekt "Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the Turks and Other Enemies" ist ein Kooperationsprojekt des ÖAW-Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte und des ÖAW-Instituts für Sozialanthropologie. Es wird vom FWF im Rahmen des Translational-Research-Programms gefördert und läuft noch bis Ende 2011. Die Abschlusskonferenz "Erinnern & erinnert werden. Das Türkengedächtnis und seine Funktion in Zentral- und Osteuropa" findet vom 28. bis 29. September 2011 an der Pädagogischen Universität Krakau statt. Das Projekt baut auf dem ebenfalls in Kooperation der beiden Institute durchgeführten und von der Kulturabteilung der Stadt Wien geförderten Projekt "'der Türkische Säbel ist vor der Thür...'. Zur Neubewertung von Türkenbildern in Wien" auf.


Kontakt:
Dr. Johannes Feichtinger
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 51581-3315
johannes.feichtinger@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt

Dr. Johann Heiss
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 51581-6450
johann.heiss@oeaw.ac.at


September 2011