Kulturelles Erbe
Aus der Geschichte lernen
In Europa ist Lernen aus der Geschichte heute zentral an das negative kulturelle Erbe einer Gesellschaft gekoppelt. Am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte arbeitet Heidemarie Uhl an zeitgemäßen Konzepten des Erinnerns.

Wie kann so etwas in einer fortschrittlichen Gesellschaft geschehen? Der Holocaust ist längst kein Thema für die an ihm beteiligten Staaten alleine mehr. Er ist global zu einem Referenzpunkt für das negative Erbe der europäischen Geschichte geworden, "zur Metapher für alles Böse, das in einer modernen Gesellschaft möglich ist", sagt Heidemarie Uhl, Historikerin am ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte.
Um diesen Referenzpunkt verortet sich die Diskussion um das "Andere" unserer Gesellschaft, das wir gerne zeitlich wie örtlich in die Ferne schieben: um Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, um menschenverachtende Regime, Völkermord und Verletzung von Menschenrechten. Dieses "Andere" der Gesellschaft an die Oberfläche zu holen und dort zu halten ist wichtige Aufgabe des kulturellen Erinnerns.
Dieses begann bereits wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der europaweiten Errichtung von Gedenkstätten. Jahrzehntelang waren sie jedoch nahezu ausschließlich Orte der Erinnerung für ehemalige Häftlinge. Der Rest der Gesellschaft gab sich dem Mythos hin, selbst Opfer des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Mit den 1980er Jahren begann die bewusste Aufarbeitung der Rolle, die die einzelnen europäischen Länder im Nationalsozialismus gespielt haben. Die Funktion der Gedenkstätten veränderte sich, sie wurden zu Orten, die Wissen über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen vermittelten.
Die Geschichte, die zum Heute führt
In den letzten Jahren hat sich ein weiterer Wandel vollzogen. "Im Gegensatz zu früher müssen wir nicht mehr über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufklären - das Wissen darüber ist längst Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden", so Uhl, "ich brauche Mauthausen nicht mehr, um die Geschichte des Nationalsozialismus zu erzählen". Die Historikerin leitet das Projekt "Mauthausen Seminar. Geschichte ausstellen / darstellen in KZ-Gedenkstätten" im Rahmen des BM.W_F/Förderprogramms "forMuse Forschung an Museen". Ihre Ergebnisse fließen in die Neugestaltung des Mauthausen Memorials ein, die im Vorjahr begonnen hat.
Erzählt werden muss die Geschichte, die zum Heute führt. Es gilt zu identifizieren und bewusst zu machen, wo die Bruchstellen unserer Gesellschaften liegen, die derartige Verbrechen möglich machen. Die Gedenkstätten spielen dabei eine entscheidende Rolle, sie sind in den vergangenen Jahren zu den zentralen Orten des kulturellen Erinnerns geworden. "Die Erfahrungsgeneration findet ihr biologisches Ende - die Erinnerung kann bald nicht mehr über die Erzählungen der Zeitzeugen weitergegeben werden", erklärt Uhl. Die Gedenkstätten werden zu den Ankerpunkten, an denen diese Erzählungen weitergetragen werden können - und mehr: Sie werden zu den steinernen Zeitzeugen ihrer eigenen Vergangenheit. "Man muss die Gedenkstätten aus ihrer eigenen Geschichte heraus erzählen", so Uhl. Denn Konzentrationslager wie Mauthausen waren eingebettet in die örtliche Infrastruktur, eine wirtschaftliche Belebung der Region, schafften Arbeitsplätze, mit der lokalen Bevölkerung fanden vielfältige Interaktionen statt.
Das Andere ist das Eigene
Dieser Blick in die kleinen Vernetzungen, die zusammen das große Netz der nationalsozialistischen Verbrechen knüpften, macht Geschichte nacherlebbar. Durch die Verknüpfung mit den Alltäglichkeiten einer modernen und uns eigentlich wohlvertrauten Gesellschaft stellt er auf erschreckend natürliche Weise eine Verbindung zum Eigenen her.
Die Erkenntnis, dass die damalige Gesellschaft der unseren gar nicht so fern war, tut weh. "Es geht hier nicht mehr um eine positive Bezugnahme auf die eigene Geschichte, wie sie noch bis in die 1980er Jahre hinein Jahre gepflegt worden war", betont Uhl. "Der deutsche Historiker Volkhard Knigge spricht in diesem Zusammenhang vom 'negativen Gedenken' im Gegensatz zu einem 'positiven Gedenken', das sich selbst als Opfer des Nationalsozialismus sieht und die Mitverantwortung für die Verbrechen ablehnt", so Uhl weiter.
Für die Historikerin ist in Europa Lernen aus der Geschichte heute zentral an das negative kulturelle Erbe einer Gesellschaft gekoppelt. Uhl: "Heute geht es um ein Potenzial, das in einer Gesellschaft da war in deren Kontinuität wir sind - und dieses Potenzial steht als Gefährdungspotenzial am Horizont".
Tagung: Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten
Vom 15. bis 17. September 2011 findet an der ÖAW die Tagung "Diesseits und jenseits des Holocaust Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten" statt, bei der aktuelle Konzepte der Gedenkstättenpädagogik diskutiert werden. Sie wurde von Heidemarie Uhl gemeinsam mit Thomas Lutz von der Stiftung "Topographie des Terrors", Berlin, sowie Bertrand Perz vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien konzipiert und wird in Zusammenarbeit mit dem Verein "Gedenkdienst" organisiert.
- Weitere Informationen zur Tagung
- Die Gegenwart der Vergangenheit
- www.formuse.at
- www.gedenkdienst.at
- www.topographie.de
Kontakt:
Dr. Heidemarie Uhl
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7, 1010 Wien
T +43 1 51581-3317
heidemarie.uhl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt
September 2011

