Kulturelles Erbe
Interview mit Sigrid Jalkotzy-Deger
Wenn ein Kulturgut nicht im kulturellen Erbe verbleibt, ist es für immer verloren, warnt Sigrid Jalkotzy-Deger, Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW im Gespräch mit Martina Gröschl.
Die ÖAW sieht es als eine ihrer wesentlichen Aufgaben, Kulturgüter aufzuarbeiten und als Teil des kulturellen Erbes zu bewahren. Was versteht man eigentlich unter einem Kulturgut?
Jalkotzy-Deger: In der üblichen öffentlichen Auffassung wird "Kulturgut" im Wesentlichen mit "Kulturdenkmal" gleichgesetzt. Zum Kulturgut gehören demnach als erhaltenswert betrachtete Gebäude, archäologische Funde oder andere physische Zeugnisse der Kultur wie sie in Archiven, Bibliotheken oder Museen bewahrt werden. Bewahren heißt in diesem Fall physisch Erhalten.
Kulturelles Erbe bedeutet jedoch weit mehr als eine Ansammlung von Kulturdenkmälern. Dahinter stehen Jahrtausende dessen, was der Mensch gedacht, was er sich gewünscht hat, was er zu erreichen oder zu vermeiden versucht hat. Damit meine ich jenes kollektive geistige Vermächtnis, das Jan und Aleida Assmann unter den Begriff "kulturelles Gedächtnis" gestellt haben und das schriftlich oder mündlich, in Form von Erzählungen oder Vorschriften - denken Sie zum Beispiel an religiöse Gebote - weitergegeben, tradiert wird. Erworben wird das kulturelle Erbe durch das, was wir als Bildung bezeichnen.
Dieser zweite Aspekt des Begriffs Kulturgut/kulturelles Erbe wird meiner Ansicht nach zurzeit nicht genügend berücksichtigt, ja eigentlich sogar vernachlässigt.
Und welche Konsequenzen hat diese Vernachlässigung?
Jalkotzy-Deger: In der Öffentlichkeit ist das Bild entstanden, es würde reichen, großen finanziellen Aufwand und Fachexpertise in die Restauration und die Erhaltung zu stecken statt in die Erforschung des geistigen Hintergrunds. Das zeigt sich unter anderem in der Ökonomisierung der Kulturgüter. Es geht zunehmend darum, aus der Erhaltung von Kulturgütern Kapital zu schlagen - bei archäologischen Fundstätten vor allem durch den Tourismus - und das wider besseres Wissen, dass die Funde darunter leiden. Um ein Beispiel zu nennen: Selbst wenn man in ägyptische Grabstätten nur kleine Besuchergruppen hineinlässt, nehmen Architektur und Malereien allein durch die Atemluft Schaden. Desgleichen werden wertvolle Kunstgegenstände quer durch die Welt zu Ausstellungen verschickt, weil die Museen und Sammlungen letztendlich gezwungen sind, Geld einzunehmen.
Die Erhaltung von Kulturgut muss sich heute also einfach "rechnen". Diese merkantile Haltung gegenüber dem kulturellen Erbe bekommen natürlich die Geistes- und Kulturwissenschaften deutlich zu spüren. Trotz zahlreicher Lippenbekenntnisse bleibt die finanzielle Förderung entsprechender Projekte weit hinter dem Notwendigen zurück. An der aktuellen Bildungsdiskussion lässt sich ebenfalls sehen, dass das Verständnis für die Bedeutung des kulturellen Erbes und seiner Weitergabe an künftige Generationen immer mehr ins Hintertreffen gerät.
Was sehen Sie im Zusammenhang mit dem kulturellen Gedächtnis als die Aufgabe der Forschung?
Jalkotzy-Deger: Es wird sehr gerne aus Goethes Faust zitiert: "Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Das Zitat geht jedoch weiter: "Was man nicht nützt, ist eine schwere Last." Eine wichtige Aufgabe der Forschung im Umgang mit dem kulturellen Erbe ist es, zu sichten, was notwendig und sinnstiftend für das Leben, eine Orientierungshilfe, ist und daher an die nächste Generation weitergegeben werden muss, und was als überholt gelten kann und folglich aufzugeben ist.
In diesem Zusammenhang müssen sich Geistes- und Kulturwissenschaften ferner mit dem Phänomen des "kollektiven Erinnerns" auseinandersetzen, das sich vorwiegend an geschichtlichen Geschehnissen, Personen und Orten festsetzt und von Subjektivität und Emotionalität geprägt ist. Hier muss man sich bewusst sein, dass kollektives Erinnern auch falsches Erinnern sein und für verschiedene partikulare Interessen instrumentalisiert werden kann, so etwa von politischen Gruppierungen. Dies insbesondere dann, wenn Gedenkstätten, Gedenktage, Denkmäler und Narrative über die Erinnerungsfunktion hinaus auch der Konstituierung von Identität dienen sollen.
Wie kann die Wissenschaft dem entgegenwirken?
Jalkotzy-Deger: Die Geistes- und Kulturwissenschaften können dem entgegenwirken, indem sie immer wieder in neue Methoden und Erkenntnisgebiete vorstoßen, einen differenzierten Blick auf die Vergangenheit werfen und innovative Ansätze für die Zukunft schaffen. Dazu kommt, dass es auch im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften häufig Entdeckungen und Neufunde gibt, die neue Erkenntnisse schaffen und eine neue Sicht auf Vergangenheit und Zukunft eröffnen. Man darf darüber hinaus nicht vergessen, dass Kultur wesentlich zur Identitätsstiftung beiträgt. Wo und wie sich ein Mensch einem Kollektiv zugehörig betrachtet ist eine sehr emotionale und oft nicht hinterfragte Angelegenheit. Der Umgang mit dem kulturellen Erbe ist hierfür entscheidend. Wie bereits erwähnt kann das kulturelle Gedächtnis negativ instrumentalisiert werden, aber es bietet ebenso große Chancen für die Zukunft: Es liefert die Basis für ein europäisches Denken, ein europäisches Kulturbewusstsein, eine europäische Identität. Darin sieht die ÖAW eine ihrer wesentlichen Aufgaben.
Die philosophisch-historische Klasse der ÖAW bereitet diesbezüglich gerade ein Gesamtprojekt zum Thema "Das Eigene und das Fremde" vor. Ich kann nicht die eigene kulturelle Identität betrachten, ohne gleichzeitig jene der Anderen zu sehen beziehungsweise das eigene, kulturelle Gedächtnis, die eigene Erinnerungskultur zu hinterfragen und wo notwendig zu korrigieren.
Wie lässt sich entscheiden, was Teil des kulturellen Gedächtnisses werden soll?
Jalkotzy-Deger: Das ist eine schwere Entscheidung, denn man muss sich bewusst sein: Jeder Teil des kulturellen Erbes, der aufgegeben wird, ist verloren und kann nicht, oder nur schwer wieder gewonnen werden.
Für die ÖAW ist hier im Moment besonders bitter, dass diese Entscheidung zunehmend unter finanziellem Druck getroffen werden muss. Die ÖAW ist derzeit in einer ausgesprochen prekären finanziellen Situation. Sie hat de facto mit einer harten Reduktion ihres Budgets zu rechnen, die sie zwingen wird, das eine oder andere Forschungsgebiet aufzugeben. Eine Erweiterung der Forschung zum kulturellen Erbe oder die Bearbeitung neuer Felder wird unter diesen Umständen nahezu unmöglich. Das ist ein Zustand, der einer Akademie der Wissenschaften unwürdig ist.

Zur Person:
Sigrid Jalkotzy-Deger studierte Alte Geschichte und Klassische Philologie, sowie Geschichte und Klassische Archäologie an der Universität Wien und absolvierte auch ein Studium an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Sie wurde 1979 an der Universität Wien habilitiert und war von 1. November 1986 bis zur Emeritierung 2008 o. Professorin am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde der Universität Salzburg. Von 1995 bis 1999 war sie Prodekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg. Von 1988 bis 2011 war Sigrid Jalkotzy-Deger Obfrau der Mykenischen Kommission der ÖAW. 2009 wurde sie zur Vizepräsidentin der ÖAW gewählt. Seit 16. Februar 2011 (mit Inkrafttreten der neuen Geschäftsordnung) ist sie Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW. Mehr zur Sigrid Jalkotzy-Deger finden Sie hier.
Kontakt:
Prof. Dr. Sigrid Jalkotzy-Deger
Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse
der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 51581-1233
sigrid.jalkotzy-deger@oeaw.ac.at
September 2011

