Seen und Lacken
Im Kühlen schwärmen
Reinanken lieben das wirklich kühle Nass. Die Fische aus der Verwandtschaft von Lachs und Forelle gleiten in silbrigen Schwärmen durch die Tiefen der Voralpenseen. Josef Wanzenböck und Rainer Kurmayer vom ÖAW-Institut für Limnologie erforschen, welche Gefahren der Klimawandel für diese Temperatur empfindlichen Fische birgt.

Wenn Wissenschaftler Reinanken und Maränen, beides Arten der Gattung Coregonus, in ihrem natürlich Lebensraum beobachten wollen, müssen sie sich in die Tiefe kühler Seen oder ihrer Zuflüsse wagen. Dort können sie die silbrigen Schwärme beobachten. "Sie wirken wie Feen in ihrem unterirdischen Reich", beschreibt sie Josef Wanzenböck vom ÖAW-Institut für Limnologie. Coregonen brauchen es kühl und sind daher hauptsächlich zirkumpolar verbreitet. Weiter im Süden sind sie auf die Voralpenseen beschränkt und gelten dort als Relikte der Eiszeit. Sie leben von Zooplankton (winzige Krebstierchen), das sie mit ihrem feinen Kiemensieb aus dem Seewasser filtrieren. Sie leben in Schwärmen und erkennen Angehörige der eigenen Gruppe über den Sehsinn (trotz Dämmerlicht in 20 - 30 m Tiefe) und über den Geruch, der für sie ein wichtiges Kommunikationsmedium ist.
Erwärmung stört
Josef Wanzenböcks wissenschaftliche Neugier gilt der Entwicklung der Fische vom befruchten Ei über die Larve bis zum Jungfisch. Zu diesem Zweck hält er sie in Becken, die vom Seewasser des Mondsees durchströmt werden, nach Altersklassen getrennt. Er will klären, wie sich Temperatur und Futterqualität auf die kleinen, zunächst fast durchsichtigen Schwärmer auswirken. Beide Faktoren ändern sich mit dem aktuellen Klimawandel. Befruchtete Coregonen-Eier aber sind auf Kälte angewiesen. Sie entwickeln sich nur, wenn der See durchgehend kälter als sieben Grad und - damit in Zusammenhang stehend - mit frischem Sauerstoff angereichert ist. Und auch die Qualität der Nahrung für Reinanken und Maränen hängt von der Temperatur ab: Die Zusammensetzung des Seenplanktons ändert sich mit der Temperatur und mit dem Gehalt an mineralischen Nährstoffen im See. Letzterer hängt indirekt mit der Klimaerwärmung zusammen, weil häufigere Starkregenereignisse und Muren bewirken, dass mehr Nährstoffe in die Voralpenseen gespült werden. Davon profitieren Plankton-Blaualgen in jedem Fall, Fische nur dann, so lange nicht die Toxin bildenden Blaualgen überhand nehmen. Generell haben Algen nämlich ein wichtige ökologische Funktion indem sie die für alle höheren Lebewesen essentiellen Omega-3-Fettsäuren liefern: je mehr nicht giftige Blaualgen, desto besser fürs Zooplankton und in der Folge für die Fische. Problematisch wird es, wenn die Temperaturerhöhung eine giftige Algenblüte verursacht. Dann vermehren sich nämlich Toxin bildende Blaualgen, die es auch im Mondsee gibt, massenhaft.
RADICAL für junge Fische
Mit Thema der Toxinbildung in Bakterien setzt sich Rainer Kurmayer, Mikrobiologe am Institut in Mondsee auseinander. Nach der Aufklärung der genetisch und physiologisch aktiven Komponenten untersucht er nun die Temperaturabhängigkeit sowie die Dynamik der giftigen Algenblüte. Und hier treffen seine Interessen auf die von Josef Wanzenböck. Wie kommen junge Reinanken und Maränen mit dem Bakteriengift Microcystin im sich erwärmenden Seewasser zurecht? Gemeinsam erforschen sie in einem vom Klima- und Energiefonds geförderten Projekt (abgekürzt RADICAL) zusammen mit Wissenschaftlern der Veterinärmedizinischen Universität und Kollegen aus Deutschland und Großbritannien die Folgen und Risiken der Klimaerwärmung für die Coregonen im Mondsee und Hallstättersee. Besonderes Augenmerk gilt den verschiedenen Entwicklungsstadien der Fische, sowie der Futterqualität für Larven und Jugendstadien - in natura und in Laborexperimenten. Die Forscher prüfen die Hypothese, dass im wärmeren und nährstoffreicheren Mondsee die toxischen Blaualgen mehr profitieren, und deshalb junge Reinanken und Maränen höheren Giftkonzentrationen ausgesetzt sein werden. Spannend wird sein, wie sich die Situation im nährstoffärmere Hallstättersee entwickelt, der mit dem vergletscherten Dachsteinmassivs in engerer Verbindung steht. Modellrechnungen, vergleichbar mit demografischen Modellen für menschliche Gesellschaften, die auf umfangreichen Datenerhebungen beruhen, bilden einerseits die aktuellen Verhältnisse ab, erlauben aber auch Prognosen bezüglich der dominanten Einflussfaktoren.
Coregonen - Kongress in Mondsee
Coregonen geben den Wissenschaftlern noch so manche grundsätzliche Rätsel auf: Fragen zum Wechselspiel Genotyp und Phänotyp, der Entwicklungsbiologie, der Verbreitung, oder zum Verhalten. Die Spezialist(inn)en treffen einander alle drei Jahre - diesmal in Mondsee. "Für uns ist es eine große Ehre, Gastgeber für den Coregonen-Kongress 2011 sein zu dürfen", freut sich Josef Wanzenböck. "Wir erwarten etwa hundert internationale Expert(inn)en aus der Grundlagenforschung wie auch aus Fischzucht und Aquakultur", so Wanzenböck.
Josef Wanzenböck, selbst einer der Spezialisten, konnte in einem kürzlich abgeschlossenen Projekt zusammen mit Grazer Kollegen Fragen zur Koexistenz und zur Hybridisierung nahe verwandter Coregonen-Arten im Mondsee und Hallstättersee klären. Er entwickelte genetische Marker für die Unterscheidung der drei vorkommenden Arten: die einheimischen Reinanken Coregonus renke und C. atterensis sowie die aus Ostpreußen stammende Maränen (C. maraena), die zunächst in der böhmischen Teichwirtschaft und seit etwa 70 Jahren auch in den Voralpenseen eingesetzt werden. Es galt zu klären, warum es Hybride gab, obwohl sich Laichzeit und Laichplätze von Reinanken und Maränen unterschieden, und ob die einheimischen Bestände durch Hybridisierungen gefährdet seien. "Die Gefahr ist gering, denn Hybridisierung kommt in natura kaum vor. In Zukunft aber sollten im Zuge von Aufzuchtprogrammen der Berufsfischerei die Arten beim Laichsammeln klarer auseinander gehalten werden", resümiert Wanzenböck.
Kontakt:
Doz. Dr. Josef Wanzenböck
Institut für Limnologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Herzog Odilostraße 101, 5310 Mondsee
T +43 6232 3125 19
josef.wanzenboeck@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/limno
Juli 2011

