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Linguistik

Der Wortschatz der Wienerinnen und Wiener


An der ÖAW-Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung steht die gesprochene Wiener Stadtsprache im Zentrum der Untersuchungen. Wortschatz und Ausdrucksweise der Wienerinnen und Wiener unterscheiden sich je nach Altersgruppe, nach sozialer Schicht, sowie bei sprachgesunden oder sprachbeeinträchtigten Personen. Jacqueline Stark und ihr Team an der ÖAW analysieren und quantifizieren diese Unterschiede und schaffen eine Referenz für Diagnose und Sprachtherapie.

Sprache ist immer im Fluss. Ganz deutlich merken wir das, wenn wir Texte vergangener Jahrhunderte lesen. Wir müssen aber gar nicht so weit zurückgehen. Die Sprache jedes Menschen ändert sich im Lauf seines Lebens. Sie ist eng mit seiner sich entfaltenden Identität verbunden und steht in Verbindung mit seiner sozialen Zughörigkeit. Sie ändert sich mit dem Alter, mit Bildung und Training; oder anders ausgedrückt: mit dem Aus-, Um- und Abbau von kognitiven Fähigkeiten. Über Kindersprache und Sprachentwicklung wurde bereits sehr viel geforscht. Über die Sprechweisen im Alter hingegen ist viel weniger bekannt. Dieses mangelnde Wissen wird Sprachtherapeut(inn)en bei der Diagnose von Sprachschwierigkeiten und später bei der Bewertung von Therapieerfolgen beispielsweise nach Sprachverlust schmerzlich bewusst.

Sprachvarietäten erforschen

Die Unterschiede in der Ausdrucksweise bestimmter sozialer oder Altersgruppen nennt man Sprachvarietäten. Als Abgrenzung zum Dialekt treten zwischen den Varietäten geringere Unterschiede beziehungsweise feinere Abstufungen in den einzelnen Ausprägungen hervor. Zwischen den Sprecher(inne)n einer Varietät gibt es keine grundsätzlichen Verständigungsprobleme. Sehr wohl unterscheiden sie sich aber in der Wortwahl, bei bevorzugten grammatikalischen Wendungen und im Satzbau. Jacqueline Stark und ihr Team an der ÖAW-Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung beschäftigen sich unter anderem mit den Ausprägungen der gesprochenen Wiener Stadtsprache. Sie erheben die Ausdrucksweisen systematisch für verschiedene Altersgruppen der Gesellschaft und dokumentieren wie die Menschen ihre Gedanken ausdrücken. Zu diesem Zweck verwendet sie etwa 400 Bilder, die normierte Alltagssituationen (ELA - Everyday Life Activities) zeigen.

Die Bilder als Stimuli für die Sprachproduktion wurden von Jacqueline Stark ursprünglich zur Therapie von Personen mit Aphasie entwickelt. Nun entwickeln die Wissenschaftler(innen) im Rahmen des von der ÖAW gemeinsam mit der Gemeinde Wien finanzierten Projekts "Normierung der ELA-Bildstimuli bei WienerInnen 4 bis 90 Jahre alt" die ELA-Fotoserie weiter, um die altersspezifischen Ausdrucksweisen von Kindern (viereinhalb bis sechs Jahre), von Jugendlichen (17 bis 19) und Personen ab 60 Jahren zu erforschen. "Zusätzlich zu den gruppenspezifischen Erhebungen wollen wir in longitudinalen Studien die sprachliche Entwicklung eines Menschen im Lauf eines Lebens dokumentieren", gibt Jacqueline Stark als langfristiges Ziel an.

Bei der Auswertung der durch die Bilder stimulierten Äußerungen werden einzelne Wörter die Wortarten, der Satzbau und die Grammatik, aber auch die Einbettung in einen einfachen oder komplexen Sinnzusammenhang analysiert. Ebenso wird erfasst, wie treffend formuliert wird und ob zu den Fakten beispielsweise noch Emotionen ausgedrückt werden. All das wird schließlich in einer Sprachdatenbank verfügbar gemacht.

Was ist "normale" Sprache?

Die Tests zeigen, dass sich Menschen verschiedener Altersgruppen im Sprachverhalten deutlich unterscheiden. Jüngere Personen beschreiben eine abgebildete Tätigkeit genauer, aber in einfacheren Sätzen. Ältere Personen hingegen legen mehr Wert auf die Herstellung eines Kontextes und tendieren dazu, anhand eines Bildes eine ganze Geschichte anstatt eines Satzes zu produzieren. Sie schreiben den abgebildeten Personen Emotionen zu und erstellen eine Rangordnung zwischen den Handelnden. Auch bei den gesunden Probanden fällt es den älteren gelegentlich schwerer die Sätze grammatikalisch richtig zu formulieren. Satzglieder werden ausgelassen, falsche Artikel werden gesetzt und Fallfehler begangen.

Aus diesem Grund ist es oft auch schwierig, den Abbau von sprachlichen Fähigkeiten einerseits, beziehungsweise einen Therapieerfolg andererseits, richtig zu diagnostizieren. Wenn in etwa zwei Jahren die Datenbank mit den Sprachgewohnheiten sprachgesunder Wiener(innen) fertig sein wird, steht eine umfassende Referenz für die Suche nach sprachlichen Merkmalen zur Verfügung, die mit neurologischen Defiziten in Zusammenhang stehen. "Solche Merkmale könnten die sprachliche Wendigkeit oder die verbale Flüssigkeit sein. Die Testpersonen müssen beispielsweise möglichst viele Worte finden, die mit 'M' beginnen oder Synonyme für einen Begriff nennen", erklärt Jacqueline Stark. "Eine fundierte Vergleichsbasis ist daher nicht nur theoretisch interessant, sondern findet auch Anwendung im Klinikalltag, in der Schule bei Personen mit Sprachauffälligkeiten verschiedener Genese und sogar für den Fremdsprachenunterricht", so Stark.

Das Bild ist Teil einer normierten Serie (ELA-Fotoserie; ©Jacqueline Stark, ÖAW) zur Erhebung von Varietäten der gesprochenen Wiener Stadtsprache. In den Äußerungen zeigt sich die typische Struktur altersabhängiger Sprachproduktion:
Kleinkind: Das ist ein Mann und tut surfbretten.
Jugendliche(r): Der Vater surft.
Senior(in): Der Vater ist auf einem // ja, ich weiß den Ausdruck für dieses // Brett mit dem Segel drauf. Ja, der Vater betä// tut sich sportlich betätigen mit einem // äh ich weiß nicht // Windsurfer. Und reagiert auf den Wind, nicht.

Publikation:
J. Stark (2010). Gesprochene Wiener Stadtsprache. Erhebung des Alltagswortschatzes von Wiener(innen) verschiedener Altersgruppen mittels der ELA-Fotoserie. In: H. Bergmann, M. Glauninger, E. Wandl-Vogt, S. Winterstein (Hg.) Fokus Dialekt. Analysieren - Dokumentieren - Kommunizieren. Festschrift für Ingeborg Geyer zum 60. Geburtstag. Hildesheim: Georg Olms Verlag (= Germanistische Linguistik 199 - 201), 376-391.

Siehe auch:



Kontakt:
Dr. Jacqueline Stark
Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Kegelgasse 27, 1030 Wien
T +43 1 51581-2682
jacqueline.stark@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ling


Juni 2011