Linguistik
Sprache(n) der Wissenschaft
In einem neuen Projekt untersucht das Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT) der ÖAW die Vielfalt und Dynamik der deutschen Wissenschaftssprachen in Österreich seit dem 19. Jahrhundert.
In den letzten Jahrzehnten hat sich Englisch zunehmend als Lingua franca der Wissenschaft etabliert. Die Vorteile einer international gemeinsamen Wissenschaftssprache liegen auf der Hand: Sie ermöglicht uns, Forschungsergebnisse ohne Sprachbarrieren effizient auszutauschen. Das ist insbesondere in den Naturwissenschaften mit ihrem raschen Erkenntnisfortschritt und dem hohen Konkurrenzdruck unabdingbar - gilt es doch, Ergebnisse möglichst schnell innerhalb der Community zu verbreiten. "In einem Zeitalter der Globalisierung ist eine gemeinsame internationale Wissenschaftssprache eine Notwendigkeit", betont auch Gerhard Budin, Direktor des Instituts für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT) der ÖAW.
Dass diese internationale Sprache nun gerade Englisch ist, liegt jedoch nicht an der vergleichsweise einfachen Erlernbarkeit der Sprache. Das Zentrum der Spitzenforschung bestimmt die Sprache der Wissenschaften - und als dieses Zentrum wird heute gemeinhin die USA betrachtet. Das war aber nicht immer so: im Mittelalter war Latein die Sprache der (damaligen) Wissenschaft in Europa, die gesellschaftlichen Umwälzungen der Neuzeit, der Renaissance und der Aufklärung führten zur Herausbildung von nationalen Wissenschaftssprachen (zu Beginn Italienisch, Französisch, Englisch, später Deutsch). War Deutsch noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts eine der weltweit führenden Wissenschaftssprachen, ist seine Bedeutung mit der Machtergreifung Adolf Hitlers schnell gesunken: "Die durch den Nationalsozialismus ausgelöste Emigration zahlreicher jüdischer Wissenschaftler hat dann die zentrale Stellung der deutschsprachigen Wissenschaft und somit die zentrale Stellung von Deutsch als Wissenschaftssprache beendet", sagt Budin. Viele dieser Wissenschaftler gingen damals ins Exil in die USA, publizierten ab dann nur mehr auf Englisch und trugen damit dazu bei, dass die US-amerikanische Wissenschaft ihre heutige wissenschaftliche wie wissenschaftssprachliche Vormachtstellung bekommen konnte.
Deutsche Wissenschaftssprachen im Blick
Am Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT) der ÖAW gehen die Forscherinnen und Forscher im Rahmen eines neuen Projekts den vielfältigen Aspekten von Wissenschaftssprachen in ihrer historischen Entwicklung nach. Im Mittelpunkt stehen dabei die deutschen Wissenschaftssprachen in Österreich seit dem 19. Jahrhundert. Budin: "Wir können hier auf die umfangreichen Textcorpora bedeutender österreichischer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Ernst Mach, Otto Neurath, Hans Kelsen, Lise Meitner, Eduard Suess, Theodor Billroth oder Ludwig Boltzmann des AAC-Austrian Academy Corpus zurückgreifen."
Mit dem Projekt wollen die Forscherinnen und Forscher außerdem einen reflektierten Blick auf den aktuellen Trend zum Englischen als einzige internationale Wissenschaftssprache anregen. "Vor allem aus Sicht der Geisteswissenschaften gibt es gegen diese Entwicklung Bedenken", betont Budin. In diesen wird die erkenntnisstiftende Funktion von Sprache ebenso angeführt wie die gesellschaftspolitische. "Die Argumente reichen von der Gefahr der Schwächung nicht-englischsprachiger Wissenschaftsstandorte bis zu einer durch den Verlust der Sprachenvielfalt befürchteten Verarmung im wissenschaftlichen Diskurs", erklärt Budin.
Darüber hinaus hat sich gerade in den letzten Jahrzehnten mit dem Fortschreiten der technologischen Entwicklung und den immer tiefer in alle Lebensbereiche vordringenden Wissenschaften ein reger öffentlicher und politisch und gesellschaftspolitisch wichtiger Diskurs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ausgeformt. Themen wie die Frage, welche Energieformen genutzt werden sollten, werden und wurden ebenso öffentlich diskutiert wie etwaige gesundheitliche Risiken von Nanotechnologien oder ethische Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen biologischer Forschung - Stichwort Gentechnologie oder Synthetische Biologie. Budin: "In diesen öffentlichen Diskursen geht es nicht nur um die allgemein verständliche Darstellung von Forschungsergebnissen sondern auch um inhaltliche Dialoge, die die Forschungsinteressen ebenso beeinflussen wie die Legitimierung von öffentlichen Ausgaben für die Forschung." Dieser Diskurs könnte Kritikern zufolge durch eine Etablierung des Englischen als einzige Wissenschaftssprache behindert werden. "Als Kritikpunkt wird angeführt, dass ähnlich der Zeit, in der Latein die zentrale Wissenschaftssprache war, die Wissenschaftssprache von der Alltagssprache separiert und ein Teil der Bevölkerung vom direkten Zugang zur Wissenschaft ausgeschlossen wäre", so Budin.
Wissenschaftssprache(n) der Zukunft
Im Rahmen des Projekts wollen die Forscherinnen und Forscher zudem einen Blick in die Zukunft wagen. Denn neue Forschungsgroßmächte wie China klopfen an die Tür und es ist keineswegs gewiss, ob die Wissenschaftssprache der Zukunft nicht aus dem asiatischen Raum kommen wird. Budin: "Es gibt Spekulationen in diese Richtung. Im Moment wahrscheinlicher scheint es aber, dass sich das Wissenschaftsenglisch noch viel weiter als bisher bereits erfolgt ist, vom US-amerikanischen Standard verselbstständigt und einen eigenen internationalen Standard herausbildet - mit einer eigenen Begrifflichkeit, einer eigenen Orthografie." Denn im Endeffekt bestimmt nicht nur die Wissenschaftsmacht die Sprache, sondern auch die Mitglieder der Wissenschafts-Community in ihrem täglichen Gebrauch. Und diese sind zum Großteil keine Native Speaker des Englischen.
Kontakt:
Prof. Dr. Gerhard Budin
Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT)
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Sonnenfelsgasse 19/8, 1010 Wien
T +43 1 51581-2333
gerhard.budin@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/icltt
Juni 2011

