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Linguistik

Die Digitalisierung der Geisteswissenschaft


Informations- und Kommunikationstechnologien führen zu tiefgreifenden Veränderungen in Arbeits- wie Publikationskultur der Geisteswissenschaften. Über eine weltweite Vernetzung sollen geisteswissenschaftliche Ressourcen nun international nutzbar gemacht werden.

Der vor Bücherregalen bis an die Decke posierende Denker war lange Zeit das charakteristische Sujet der Geisteswissenschaft. Dieses Bild entspricht heute nur mehr bedingt der Realität. Denn die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien spielen in der geisteswissenschaftlichen Forschung eine zunehmend grundlegende Rolle, die weit über die Verwendung des Computers als Arbeitswerkzeug hinausgeht.

Eine neue Kultur der Forschung

Vor allem, dass große Mengen an Text-, Bild-, Ton- oder Videodokumenten digitalisiert und im Internet zugänglich gemacht werden können, hat zu tiefgreifenden Veränderungen in Arbeits- wie Publikationskultur geführt. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche geisteswissenschaftliche Ressourcen ihren Weg in die digitale Welt gefunden. Editionen werden im Web publiziert, multimediales Material über Online-Datenbanken zugänglich gemacht. Wobei es für die geisteswissenschaftliche Nutzbarmachung natürlich nicht reicht, Forschungsmaterialien einfach nur im großen Stil zu digitalisieren und online zu stellen. Die Zusammenarbeit mit der Informatik wurde intensiviert, ausgeklügelte Abfrageroutinen und benutzeroptimierte Oberflächen entwickelt.

Doch damit sind die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien für die geisteswissenschaftliche Forschung jedoch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Über die weltweite Vernetzung der Ressourcen lassen sie sich um ein Vielfaches erweitern. Ressourcen und Technologien können ausgetauscht und geteilt, alte Forschungsfragen in einem anderen Licht betrachtet werden, neue Forschungsfragen und -kooperationen entstehen. Auch andere Wissenschaften wie die Sozialwissenschaften können von einer solchen Vernetzung profitieren und neue Quellen und Tools für ihre Forschungsarbeit erschließen, so der Plan.

Gemeinsame Infrastrukturen schaffen

Das stellt die Wirklichkeit vor große Herausforderungen. Denn die Vielzahl an unterschiedlichen Entwicklungen lassen sich nicht einfach so unter einem Dach zusammenführen. Für eine gemeinsame Nutzung müssen die verschiedenen Systeme untereinander kompatibel sein. Webbasierte Plattformen und sinnvolle Schnittstellen - kurz: geeignete Infrastrukturen - müssen geschaffen werden (siehe dazu auch das Interview mit Gerhard Budin). Dabei müssen rechtliche Aspekte wie Nutzungsrechte ebenso berücksichtigt werden wie das Problem der langfristigen Speicherung von Daten.

Der Aufbau solcher Infrastrukturen ist das Ziel zweier großangelegter und eng miteinander verflochtener Projekte im 7. Rahmenprogramm der EU: CLARIN (Common Language Resources and Technology Infrastructure) und DARIAH (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities). Während CLARIN auf die Vernetzung und Bereitstellung von Sprachressourcen und -technologien fokussiert, steht bei DARIAH die IT-basierte geisteswissenschaftliche Forschung innerhalb von traditionellen Fächergrenzen aber auch zunehmend interdisziplinär im Mittelpunkt des Interesses.

Die Ressourceneffizienz im Blick

Dabei steht nicht nur der globale, rechtlich abgesicherte Zugang zu den Ressourcen im Vordergrund. Ein weiterer wichtiger Punkt ist deren effiziente Nutzung: "Oft werden ähnliche Forschungstools ohne Wissen voneinander entwickelt - Infrastrukturen wie CLARIN oder DARIAH erlauben nicht nur eine Mehrfach-Verwertung von Ressourcen, sondern vermeiden auch Mehrgleisigkeiten bei deren Entwicklung", betont Gerhard Budin, Direktor des Instituts für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT), das an beiden EU-Projekten beteiligt ist.

Auch für Industrie, Wirtschaft oder Verwaltung bieten Forschungsinfrastrukturen wie CLARIN oder DARIAH interessante Nutzungsoptionen: "Das reicht von speziellen Dienstleistungen und Software -wie 'web-services', die gleichzeitig auf mehrere, verteilte Datenbanken und Corpora zugreifen und Abfrageergebnisse in integrierter Weise darstellen - bis hin zur praktischen Verwendung von Sprachressourcen beispielsweise durch Übersetzungsdienste", erklärt Budin. Um die Nachhaltigkeit dieser Entwicklungen zu gewährleisten, werden auch neue Geschäftsmodelle für die universelle Zugänglichkeit dieser Technologien und Ressourcen für die internationale Forschergemeinschaft entwickelt.

Projekte wie CLARIN und DARIAH sind langfristige Vorhaben für die Forschung zur Entwicklung von Forschungsinfrastrukturen, deren Finanzierung über viele Jahre sichergestellt sein muss. Die beiden Großprojekte CLARIN und DARIAH starten nach einer mehrjährigen Aufbauphase - in der nationale Ressourcen identifiziert, Netzwerke etabliert und erste Prototypen entwickelt wurden - nun in die Umsetzungsphase. Bis Ende 2011 werden für beide Projekte jeweils ein sogenanntes ERIC (European Research Infrastructure Consortium) gegründet, dessen Finanzierung durch die beteiligten Mitgliedsstaaten für die nächsten Jahre sichergestellt ist. "Wir freuen uns, dass Österreich mit dem BMWF aktiv beteiligt ist und dass dabei die ÖAW neben der Universität Wien und anderen Universitäten in Österreich eine wichtige Rolle spielt", so Budin. Zu den wichtigsten Arbeitsbereichen der beiden Projekte gehören die Schaffung und Vernetzung technischer Infrastrukturen und Daten (Corpora, Datenbanken), die Analyse bestehender und Entwicklung innovativer Forschungsszenarien und -methoden oder die Analyse und Lösung der Copyright-Problematik für digitale Inhalte.

In der derzeitigen Vorbereitungsphase sind neben dem ICLTT seitens der ÖAW das Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika sowie die Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung beteiligt. Budin: "Ab 2012 besteht die Möglichkeit, die Beteiligung der ÖAW an CLARIN und DARIAH massiv zu erweitern und mit den sozialwissenschaftlich orientierten Forschungsinfrastrukturprojekten zu verknüpfen."



Kontakt:
Prof. Dr. Gerhard Budin
Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie (ICLTT)
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Sonnenfelsgasse 19/8, 1010 Wien
T +43 1 51581-2333
gerhard.budin@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/icltt


Juni 2011