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Altern als Chance

Die medizinische Versorgung gewährleisten


Stark ländlich geprägte Gebiete sind medizinisch meist weniger gut versorgt als Städte. Welchen Einfluss dabei die Bevölkerungsstruktur und Region haben, haben Bevölkerungsökonomen anhand von umfangreichem Datenmaterial aus Deutschland analysiert. Die gefundenen Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen deuten auf ein differenziertes Zusammenspiel von demographischen und regionalen Einflussfaktoren auf die ärztliche Versorgung hin, das in realistischen Prognose- und Planungsrechnungen berücksichtigt werden sollte.

Seit den 1990er Jahren zeigte sich in Deutschland, dass sich Ärztinnen und Ärzte bevorzugt in bestimmten Regionen ansiedeln, andere aber offensichtlich meiden. Vor allem in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands mangelt es oft an Medizinern, obwohl dort - aufgrund der stärkeren Alterung der Bevölkerung - die Nachfrage eigentlich größer sein sollte. Diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis hat Michael Kuhn, Bevölkerungsökonom am ÖAW-Instituts für Demographie und Carsten Ochsen (damals: Universität Rostock) animiert, sich die Zusammenhänge zwischen regionalen Charakteristika, der Bevölkerungsstruktur und der ärztlichen Versorgung näher anzusehen.

Michael Kuhn und Carsten Ochsen werteten in einer umfassenden Panelstudie über ganz Deutschland Daten aus den einzelnen Landkreisen über zehn Jahre hinweg (1994 - 2004) sehr differenziert aus. Ihnen standen Daten aus 439 Kreisen zur Altersstruktur der Bevölkerung, Geburts- und Sterbedaten, Netto-Migration, Anzahl der niedergelassenen Ärzte, das regionale Pro-Kopf-Einkommen, das Ausmaß von Tourismus und Arbeitslosigkeit sowie die Bildungsstruktur der Bevölkerung zur Verfügung.

Demografische und regionale Einflüsse interagieren

"Wir wollten eine Erklärung finden und diese mit Evidenz basierten Daten stützen, welche Einflussfaktoren die ärztliche Versorgung auf dem Land erschweren. Man könnte ja annehmen, dass auf dem Land mit einem höheren Anteil an Kindern und alten Menschen eine verstärkte Nachfrage nach Ärzten die Ansiedlung der Mediziner fördern würde", beschreibt Michael Kuhn die Ausgangslage. Tatsache ist, dass sich auf dem Land im großen Durchschnitt weniger Ärzte ansiedeln - unabhängig von der Nachfrage. Das bedeutet aber, dass Charakteristika der Region die demografischen Einflüsse überlagern. "Es könnte zum Beispiel an den Hausbesuchen liegen, die in dünn besiedelten Gebieten mehr persönlichen Einsatz verlangen, der in der Regel unzureichend vergütet wird", resümiert Michael Kuhn. Hausbesuche werden vor allem für Kinder und alte Menschen nachgefragt. Je ländlicher aber eine Gegend ist, desto schwieriger ist es üblicherweise von Seiten der Ärzte diesem Bedarf nachzukommen. In der Stadt hingegen ist es genau umgekehrt. Dort führt die verstärkte Nachfrage alter und junger Altersgruppen zu höherem Profit und somit zu einem Anreiz sich in der Stadt anzusiedeln.

Leistbare Gesundheitsversorgung

Die Menschen werden immer älter, und das meist bei deutlich besserer Gesundheit als noch ein oder zwei Generationen früher. Allerdings hat die Gesundheit ihren Preis. Er wird üblicherweise über das von der aktuell erwerbstätigen Bevölkerung finanzierte Krankenkassensystem gezahlt. Mit dem anteilsmäßigen Rückgang der erwerbstätigen Bevölkerung und der immer aufwändigeren Versorgung in den letzten Lebensmonaten sind Engpässe in der Finanzierung bereits in naher Zukunft absehbar. Hinzu werden aber für Gemeinden auf dem Land zusätzliche Kosten kommen, wenn sie die verstärkte Nachfrage nach Gesundheitsversorgung ihrer alternden Bevölkerung befriedigen wollen. Denn ab einem Alter von etwa 40 Jahren nehmen Menschen üblicherweise vermehrt ärztliche Betreuung in Anspruch. Ob die Gemeinden diesem Bedarf nachkommen können, wird von einer vorausschauenden Planung abhängen: ob sie beispielsweise ein Anreizsystem entwickeln, das es angehenden Gemeindeärzten erleichtert, auch auf dem Land eine profitable Ordination einzurichten.

Die Studie "Demographic and Geographic Determinants of Regional Physician Supply" wurde im Juli 2009 publiziert und ist hier abrufbar.






Die Abbildung zeigt die Änderung der ärztlichen Versorgung in Deutschland zwischen 1994 und 2004. Die roten Bereiche zeigen eine Abnahme; in den hellbraunen Regionen gab es kaum Änderungen und in den grünen Bereichen nahm die Versorgung leicht (hell) bis stark (dunkel) zu. (Copyright Kuhn & Ochsen)


Kontakt:

Prof. Dr. Michael Kuhn
Institut für Demographie (VID)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 6. Stock, 1040 Wien
T +43 1 51581-7742
michael.kuhn@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/vid


Mai 2011