Altern als Chance
Verteilung ökonomischer Ressourcen darstellen
Die demografische Struktur eines Landes beeinflusst maßgeblich die Verteilung ökonomischer Ressourcen über Altersgruppen. Diese Verteilung kann mithilfe einer neu entwickelten Methode, den Nationalen Transferkonten (NTA-National Transfer Accounts) anschaulich dargestellt werden. Die Bevölkerungsökonomin Alexia Fürnkranz-Prskawetz ist Mitglied eines internationalen Teams zur Erstellung international vergleichbarer Nationaler Transferkonten.
Einkommen, Vermögen und Konsum beeinflussen die Fähigkeit andere durch Transfers zu unterstützen. Das gilt für den privaten wie auch für den öffentlichen Bereich. Wie solche Transfers zwischen Generationen abgewickelt werden, hängt von gesellschaftlichen Normen, von ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen ab. Eine weitere wichtige Einflussgröße hat man aber lange Zeit nicht ausreichend differenziert beachtet: Die altersmäßige Strukturierung der Bevölkerung. Die Folgen sind bekannt: Den Sozialsystemen, und in Österreich insbesondere dem Pensionssystem, mangelt es aufgrund der demografischen Entwicklung an Nachhaltigkeit.
Alexia Fürnkranz-Prskawetz vom ÖAW-Institut für Demographie (VID) und Professorin für Wirtschaftsmathematik an der TU Wien, arbeitet an der Quantifizierung von altersabhängigen Transferströmen. Sie leitet die österreichische Forschungsgruppe in einem internationalen Team aus 33 Ländern. Die Wissenschaftler(innen) erarbeiten international vergleichbare länderspezifische Datensätze, welche die Verteilung ökonomischer Ressourcen über das Alter, sowie die Umverteilung der Ressourcen zwischen verschiedenen Altersgruppen abbilden. Dazu werden unter anderem Altersprofile des Konsums, des Einkommens, der Vermögensausstattung, sowie Altersprofile des Zu- und Abgangs an Ressourcen im Rahmen verschiedener Transfersysteme erstellt. "Uns interessiert vor allem die Umverteilung von Ressourcen über die einzelnen Altersgruppen. Die Methode der NTA bildet die in dieser Umverteilung involvierten Mechanismen und Institutionen sowie deren quantitative Bedeutung ab", erklärt Alexia Fürnkranz-Prskawetz. In den NTA werden zwei grundlegende Mechanismen zur Umverteilung über das Alter unterschieden: jene durch Vermögensbildung beziehungsweise jene durch Transfers. Bei den Transfers unterscheidet man zwischen privaten und öffentlichen, zwischen Sach- oder Geldtransfers sowie nach dem Zweck eines Transfers (beispielsweise zur Alterssicherung, Bildung oder Gesundheit).
Der ökonomische Lebenszyklus
Durchschnittliche Altersprofile von Konsum und Arbeitseinkommen bestimmen den ökonomischen Lebenszyklus. In allen modernen Gesellschaften kommt es am Beginn und Ende des Lebens zu Phasen der ökonomischen Abhängigkeit: Es wird mehr konsumiert als erwirtschaftet. Die Differenz wird als Lebenszyklus-Defizit bezeichnet. Dieses muss entweder mithilfe des eigenen Vermögens oder mithilfe von Transfers (staatlich oder privat) finanziert werden. Dabei handelt es sich um beachtliche Summen: Das aggregierte Lebenszyklus-Defizit der Jungen (0-22 Jahre) betrug 2005 19.8 Prozent des gesamten Arbeitseinkommens, jenes der Älteren (ab 59 Jahren) 22.8 Prozent.
Für mehr Generationen-Gerechtigkeit
Derzeit werden auf Basis der Nationalen Transferkonten für Österreich Indikatoren entwickelt, um die Nachhaltigkeit und Generationen-Gerechtigkeit politischer Maßnahmen beurteilen zu können. Zu diesem Zweck gewichtet man demografische Indikatoren mit Ergebnissen der NTA. Ein demografischer Indikator gibt beispielsweise das Verhältnis an, wie viele 20-65jährige die anderen Altersgruppen unterstützen. Ein NTA-basierter ökonomischer Indikator gibt auch Auskunft über das Ausmaß der Unterstützung. Da hierzu altersspezifische Einkommens- und Konsumprofilen einfließen, kann er Aufschluss geben, inwieweit das erwirtschaftete Arbeitseinkommen die Konsumnachfrage abdeckt. NTA-Altersprofile eigenen sich darüber hinaus zur Untersuchung der Nachhaltigkeit der Finanzierungsstruktur bestimmter Transfersysteme. Beispielsweise würden mit der Finanzierungsstruktur der Pensionen aus dem Jahr 2005 die Ausgaben im Jahr 2050 um das 1.8-fache die Einnahmen übersteigen. Das Lebenszyklus-Defizit der Älteren würde dann von 22.8 (2005) auf 45 Prozent des gesamten Arbeitseinkommens (2050) ansteigen.
Österreich differenziert betrachtet
Die staatliche Stützung des Pensionssystems steht somit in Konkurrenz mit Investitionen für junge Menschen, für Bildung, Technologieentwicklung und Innovation. "Diese erstellten Einkommens- und Konsumprofile zeigen uns ganz deutlich, dass es unumgänglich ist, das Pensionsalter anzuheben. Andernfalls verliert man Beitragszahlungen und Wirtschaftsleistung und muss gleichzeitig die Pensionen zahlen. In Summe erhöht das die Lohnnebenkosten der Firmen; das erschwert es für Jüngere ausreichend bezahlte Arbeit zu finden", fasst Alexia Fürnkranz-Prskawetz zusammen.
Mehr über das internationale NTA-Projekt finden Sie unter www.ntaccounts.org.

In der Grafik (Hammer und Prskawetz, 2011) ist die durchschnittliche Ressourcenverteilung pro Kopf über das Alter dargestellt. Die rote Linie zeigt, wie viel - abhängig vom Alter - konsumiert wird. Die Differenz von Konsum und Arbeitseinkommen (gelb) ergibt das Lebenszyklus-Defizit. Es zeigt sich, dass jüngere Altersgruppen vor allem von privaten (hellblau) Transfers abhängig sind. Nur 40 Prozent werden durch öffentliche (schwarz) Transfers (Bildung!) gedeckt. Für Ältere spielen öffentliche Transfers (Pensionen!) mit 85 Prozent des Lebenszyklus-Defizits eine enorm wichtige Rolle. In den mittleren Altersgruppen liegt das Arbeitseinkommen über den Konsumausgaben. Dieser Überschuss wird in Form von Transfers (negativer Bereich in der Grafik) an andere Altersgruppen umverteilt.
Kontakt:
Prof. Dr. Alexia Fürnkranz-Prskawetz
Institut für Demographie (VID)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 6. Stock, 1040 Wien
T +43 1 51581-7706
alexia.fuernkranz@oeaw.ac.at
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