Altern als Chance
Interview mit Alexia Fürnkranz-Prskawetz
Alexia Fürnkranz-Prskawetz erklärt im Interview mit Waltraud Niel, warum es für relevante Prognosen der ökonomischen Auswirkungen demografischer Veränderung unerlässlich ist, die individuellen Entscheidungsprozesse im Kontext makroökonomischer, struktureller und institutioneller Rahmenbedingungen zu analysieren.
Wie sind Sie als Wirtschaftsmathematikerin zur Demografie gekommen?
Fürnkranz-Prskawetz: Ich fand es spannend, die komplexe Interaktion zweier dynamischer Prozesse, der Wirtschaftsentwicklung und der sich verändernden Bevölkerungsstruktur, gemeinsam und über lange Zeiträume zu erforschen. Dabei ist es notwendig, ökonomische Modelle um realistische demografische Strukturen zu erweitern! Darüber hinaus interessiert mich, wie man sogenannte Non-Market-Forces (soziale Interaktion, Werte, Normen) in ökonomische und demografische Modelle einbauen kann. Denn auch solche Kräfte beeinflussen wesentlich das Verhalten der Menschen.
Welche Ansätze gibt es, derart komplexe Zusammenhänge zu erfassen?
Fürnkranz-Prskawetz: Ziel ist es, die dynamische Wechselbeziehung demografischer und ökonomischer Entscheidungsprozesse auf der individuellen (der Mikroebene) und deren Interaktion mit der Makroebene zu erfassen. Die Menschen treffen individuelle Entscheidungen - ob sie sparen oder investieren sollen, wie viele Kinder sie bekommen, ob sie in Gesundheit investieren, etc. - ja nicht unabhängig voneinander und ebenso nicht losgelöst vom institutionellen Rahmen, von der Wirtschaftslage oder von gesellschaftlichen Normen und Werten.
Mit welchen Methoden kann man Mikro- und Makroebene verbinden?
Fürnkranz-Prskawetz: Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Modellstrategien: analytische, formale Modelle und Simulationsmodelle. Analytische Modelle eignen sich besonders gut um grundlegende Mechanismen - zum Beispiel den Effekt einer längeren Lebenserwartung auf das Sparverhalten - unter vereinfachenden Annahmen der Modellstruktur zu studieren. Hierzu zählen etwa die Modelle überlappender Generationen, in welchen man im einfachsten Fall von nur zwei Generationen ausgehen kann. Dieser Modellrahmen erlaubt es, den individuellen Entscheidungsprozess über den Lebenszyklus und die daraus resultierenden Änderungen auf der Makroebene, sowie deren Wechselbeziehung zu erfassen.
Komplexere Modelle, welche eine detailliertere Altersstruktur (z.B. nach Einzeljahren), sowie die Heterogenität der Individuen nach unterschiedlichen Charakteristiken wie beispielsweise Bildung oder Einkommen berücksichtigen, erfordern numerische Simulationen. Zur Betrachtung sozialer Interaktionsmechanismen (peer group effects), sowie zur Untersuchung der Evolution gesellschaftlicher Normen und Werten und deren Rückwirkung auf individuelle Entscheidungsprozesse, eignen sich insbesondere Agenten Basierte Simulationsmodelle (ABM). Hier werden einzelne Agenten mit Verhaltens- und Interaktionsmustern ausgestattet, welche im Aggregat das Makroverhalten bestimmen und die Entwicklung über die Zeit simuliert. Diese Modelle erlauben es, die Rückwirkungen zwischen Mikro- und Makroebene sowie soziale Interaktionsmechanismen einzubauen.
Welche ökonomischen Aspekte der alternden Bevölkerung interessieren Sie besonders?
Fürnkranz-Prskawetz: Eines meiner aktuellen Forschungsprojekte befasst sich mit der Produktivität alternder Gesellschaften. Es hat sich in Analysen auf Firmenebene klar gezeigt, dass die Produktivität älterer Arbeitnehmer(innen) stark vom Arbeitsumfeld abhängt. Wenn es passt, können sie Schwächen kompensieren und Stärken wirksam werden lassen. Und ich meine, dass wir dieses Potential nicht ungenutzt lassen können, wenn bald ein Drittel der Bevölkerung älter als 60 Jahre sein wird!
Ein anderer Aspekt ist die Heterogenität, die in alternden Gesellschaften zunimmt. Insgesamt werden die Menschen zwar bei besserer Gesundheit immer älter, es gibt aber große individuelle Unterschiede. Diese Heterogenität gilt es in der Modellierung zu berücksichtigen. Ziel ist es auf individueller Ebene zu verstehen, wie sich eine längere - und vor allem auch länger in Gesundheit verbrachte - Lebensdauer, auf Entscheidungsprozesse auswirkt und welche Anreizsysteme notwendig sind, um zum Beispiel länger im Arbeitsprozess zu verbleiben.
Was ist Ihre Rolle als Wissenschaftlerin in der Diskussion um Pensionsalter und -finanzierung?
Fürnkranz-Prskawetz: Wichtig ist es, die individuelle Alterung und ihre Chancen stärker in die Debatte um die Herausforderungen einer alternden Bevölkerung zu integrieren. Ein längeres Leben muss als Chance und nicht als Belastung für die Gesellschaft erkannt werden. Es gilt jedoch institutionelle Rahmenbedingungen der sich ändernden Bevölkerungsstruktur anzupassen. Unsere Modelle zeigen auf wie Anreize gesetzt werden können, um das Potential eines längeren Lebens zu nützen. An der Politik liegt es dann, die institutionellen Rahmenbedingungen zu gestaltet.

Zur Person:
Alexia Fürnkranz-Prskawetz hat Technische Mathematik an der TU Wien studiert und sich dann auf Wirtschaftsmathematik und später auf die Bevölkerungsökonomie spezialisiert. Nach internationalen Forschungsaufenthalten in Chicago, Berkeley und Rostock (in Leitungsfunktion) hat sie sich an der TU Wien habilitiert hat. Alexia Fürnkranz-Prskawetz ist seit 2003 stellvertretende Direktorin am Institut für Demographie und seit 2008 Professorin für mathematische Ökonomie an der TU Wien. Weitere Informationen zu Alexia Fürnkranz-Prskawetz finden Sie hier.
Kontakt:
Prof. Dr. Alexia Fürnkranz-Prskawetz
Institut für Demographie (VID)
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 6. Stock, 1040 Wien
T +43 1 51581-7706
alexia.fuernkranz@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/vid
Mai 2011

