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Lebensraum Stadt

Carnuntum - neue Ansichten einer alten Stadt


Am 16. April 2011 startet die diesjährige NÖ Landesausstellung "Erobern - Entdecken - Erleben im Römerland Carnuntum". Einer der Höhepunkte ist ein Gesamtmodell der Römerstadt Carnuntum auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis. Das Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW hat dessen Entwicklung archäologisch betreut.

Seit fast 20 Jahren ziert ein Holzmodell der Römerstadt Carnuntum den Stiegenaufgang des Museums Carnuntinum in Bad Deutsch-Altenburg, Niederösterreich. Es war das erste Gesamtmodell Carnuntums. Nun soll es durch ein neues ersetzt werden: ein Außenmodell aus Kunststoff, doppelt so groß und auf dem neuesten Stand der archäologischen Erkenntnis.

Größtes Modell einer römischen Doppelstadt

Mit seinen rund 345 Quadratmetern ist das neue Modell das größte bisher angefertigte Modell einer römischen Doppelstadt. Konzipiert wurde es anlässlich der Niederösterreichischen Landesausstellung 2011, welche am 16. April unter dem Motto "Erobern - Entdecken - Erleben im Römerland Carnuntum" startet. Platziert neben dem neuen Besucherzentrum des Freilichtmuseums Petronell soll es den Besucher(inne)n einen ersten Überblick über die Römersiedlung zur Zeit der Severer geben - von der bei Petronell gelegenen Zivilstadt, über die Militärstadt rund um das Legionslager in Richtung Bad Deutsch-Altenburg bis zum Heiligtum auf dem Pfaffenberg im Osten. Eine Zeit, die nicht zufällig gewählt wurde: Um 200 n. Ch. war Carnuntum eine Stadt von Welt. Septimius Severus, der Statthalter der Provinz Oberpannonien, wurde dort zum Kaiser ausgerufen. Die oberpannonische Provinzhauptstadt bekam unter seiner Regentschaft den Rang einer Kolonie. Zahlreiche Funde zeugen von dieser Hochblüte.

Zerstörungsfreie Archäologie im Vormarsch

Für das neue Modell wurden sowohl neueste Erkenntnisse aus der Luftbildarchäologie als auch aus geophysikalischen Messungen berücksichtigt. Methoden, die wie diese eine zerstörungsfreie archäologische Erforschung ermöglichen, werden unter dem Begriff "Prospektion" zusammengefasst. "Mit ihrer Hilfe lassen sich große Siedlungsflächen untersuchen und die unter der Oberfläche liegenden Strukturen in ihrer Lage und Ausdehnung sehr präzise dokumentieren, ohne dass sie ausgegraben werden müssen", erklärt Christian Gugl vom Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW, der sich in seiner Forschungsarbeit bereits seit fast zehn Jahren mit Carnuntum beschäftigt.

Bei der Luftbildarchäologie wird eine archäologische Fundstätte aus einem Flugzeug heraus fotografiert. Dieser Blick aus großer Höhe ermöglicht das Aufspüren sonst nicht erkennbarer archäologischer Strukturen zum Beispiel anhand der Verfärbung des Bewuchses: Dieser trocknet aus, wenn im Untergrund Mauerwerk vorhanden ist oder gedeiht besonders üppig, wenn sich unter der Oberfläche Gräben oder Gruben befinden. Geophysikalische Methoden wie die Messung des Bodenwiderstands oder die Suche nach magnetischen Anomalien helfen ebenso beim Aufspüren von unter dem Erdreich verborgenen Strukturen.

Die Methoden der zerstörungsfreien Archäologie haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren als wesentliche archäologische Forschungswerkzeuge etabliert: "Unsere Kenntnisse über die Struktur und Ausdehnung der Carnuntiner Militärstadt fußen mittlerweile größtenteils auf luftbildarchäologischen Aufschlüssen, die eine ideale Ergänzung zu den Grabungsergebnissen darstellen", betont Gugl, "und mit Hilfe geophysikalischer Messungen konnte man im Zentrum der Zivilstadt das Forum lokalisieren." Das Forum einer römischen Stadt war der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens und beherbergte prächtige Bauten von Verwaltungsgebäuden bis zu Markthallen.

Ausgrabungen nicht ausgedient

Luftbildarchäologie oder geophysikalische Messungen, helfen zwar Strukturen zu lokalisieren, über ihr tatsächliches Alter verraten sie jedoch nichts. Dafür bedarf es nach wie vor der altbewährten archäologischen Ausgrabung beziehungsweise systematischer Feldbegehungen, bei denen vorrangig Keramikmaterial aufgesammelt wird, das viel über Zeit und Nutzung verrät. Carnuntum ist hier noch lange nicht "abgegrast": "Durch die landwirtschaftliche Nutzung kommt immer wieder neues Material an die Oberfläche - allein in den letzten zwei Jahren konnten wir knapp 27.000 Funde aufsammeln", sagt Gugl.

Virtuelle Rekonstruktion

Sowohl die Gebäude wie auch das Gelände wurden zuerst virtuell rekonstruiert, bevor das Modell gebaut wurde. Gugl: "Das hat den Vorteil, dass man zuerst verschiedene Modelle durchsimulieren und auf ihre Schlüssigkeit untersuchen kann, bevor man sich für jenes entscheidet, welches dann tatsächlich gebaut wird." Denn auch wenn zum Beispiel der Grundriss des Forums der Carnuntiner Zivilstadt nun bekannt ist, weiß man wenig über dessen tatsächliches Aussehen in der Severzeit. Hier gilt es nach Analogien in Italien und anderen römischen Provinzen zu suchen und diese als Vorlage zu verwenden. "Bei Details wie zum Beispiel die Dachgestaltung von Gebäuden bleiben mehrere Möglichkeiten, aus denen letztendlich der Modellbauer eine auswählen muss", so Gugl.

Die für die virtuelle Rekonstruktion benötigten Daten wurden von einem archäologischen Informationssystem geliefert, das am Institut für Kulturgeschichte der Antike mit finanzieller Unterstützung des Landes Niederösterreich entwickelt wurde und laufend aktualisiert wird. "Wir haben ein GIS-taugliches Ordnungsschema erarbeitet, das sämtliche archäologische Tätigkeiten österreichischer Einrichtungen in Carnuntum erfasst, klassifiziert und geografisch verortet", erläutert Gugl. Hier hat sich im Laufe der Zeit eine große Datenmenge angesammelt: Carnuntum wird in Österreich seit etwa 150 Jahren erforscht, an der ÖAW seit über 100 Jahren.

Götterbilder - Menschenbilder

Das Institut für Kulturgeschichte der Antike stellte der NÖ Landesausstellung 2011 seine archäologische Expertise nicht nur für die Entwicklung des neuen Carnuntum-Modells zur Verfügung. Im Rahmen eines FWF-Projekts, das in Kooperation mit dem Land Niederösterreich durchgeführt wurde, erforschten Christian Gugl und Gabrielle Kremer Carnuntiner Steindenkmäler: "Im Mittelpunkt dieses Projektes stand die Erfassung und Auswertung der Götter- und Weihedenkmäler, die gerade in den letzten Jahrzehnten beachtliche Fundzuwächse zu verzeichnen hatten", sagt Gabrielle Kremer. "Wir können erstmals eine 'sakrale Topographie' Carnuntums anhand der Steindenkmäler erstellen." Diese wissenschaftliche Grundlage kommt nun der Ausstellung "Götterbilder - Menschenbilder" im Zuge der Niederösterreichischen Landesausstellung 2011 im Archäologischen Museum Carnuntinum in Bad Deutsch-Altenburg zugute, die von Gabrielle Kremer kuratiert wird. "Wenige Aspekte der römischen Antike ermöglichen einen Einblick in derart vielfältige und unterschiedliche Bereiche der damaligen Gesellschaft wie das Thema Religion und Kult", unterstreicht Kremer. Was von den religiösen Handlungen der alten Römer geblieben ist, sind vor allem Bilder, die in haltbarem Material geschaffen wurden und so die Jahrhunderte überdauert haben. Kremer: "Diese Darstellungen vor ihren historischen Hintergrund zu stellen und mit Leben zu erfüllen, ist eines der Ziele der Ausstellung. Es ist uns ein Anliegen, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit in die Präsentation der Objekte einfließen zu lassen."

Erstmals der Öffentlichkeit präsentiert

Die Ausstellung ist in einzelne Themenbereiche gegliedert, die verschiedene Aspekte religiöser Praxis in Carnuntum beleuchten. Eine wichtige Rolle spielen die am Donaulimes stark vertretenen Mysterienkulte orientalischer Herkunft, die sich in Carnuntum in beeindruckender Vielfalt manifestieren. Das Heiligtum für Iuppiter und den Kaiserkult auf dem Pfaffenberg wird in einem eigenen Ausstellungsbereich präsentiert. "Dieses Fundmaterial hat aufwändige Restaurierungsmaßnahmen und eine ausgeklügelte Präsentationstechnik erfordert und wird nun erstmals der Öffentlichkeit präsentiert", betont Kremer.

Weitere Themenbereiche betreffen die offizielle Staatsreligion, den privaten Bereich, die Opfer- und Weiherituale, die magischen Praktiken, den Totenkult, die Bilderwelt des Alltags oder das Ende der "heidnischen" Kulte. Mit einem Blick auf die frühen jüdischen und christlichen Funde aus Carnuntum endet der Rundgang und eröffnet eine Perspektive auf die Epoche der großen monotheistischen Religionen. Virtuelle Rekonstruktionen, Animationen und verschiedene Sinneserlebnisse sollen die Besucherinnen und Besucher bei der Erfahrung der antiken Götterwelt unterstützen. Eine eigene Kinderschiene begleitet die jungen Gäste und regt zur aktiven Teilnahme am Geschehen am.

Apropos Kult: Wer das Heidentor, das Wahrzeichen Carnuntums, auf dem neuen Modell finden will, wird es vergeblich suchen. Der Triumphalbau wurde erst weit nach der Severzeit, in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts, errichtet und konnte daher nicht berücksichtigt werden. Gugl: "Im Modell wird die topografische Lage des Monuments zwar angegeben, das Heidentor dient aber nur als Orientierungspunkt und wurde nicht wie die anderen antiken Gebäude als bereits bestehendes Objekt im Modell nachgebildet."


Projekte des Instituts für Kulturgeschichte der Antike zu Carnuntum:


Weitere Links:



Kontakt:
Institut für Kulturgeschichte der Antike
Zentrum Archäologie und Altertumswissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Bäckerstraße 13, 1010 Wien
www.oeaw.ac.at/antike
Dr. Christian Gugl, M.A., MSc (GIS)
T +43 1 51581-3482
christian.gugl@oeaw.ac.at
Mag. Dr. Gabrielle Kremer
T +43 1 51581-3488
gabrielle.kremer@oeaw.ac.at


April 2011