Lebensraum Stadt
Kreativ und initiativ - Kultur am Rand der Stadt
Im vergangenen Jahrzehnt haben zahlreiche Kulturinitiativen in den Randbezirken europäischer Großstädte Einzug gehalten. Am Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW untersucht Walter Rohn den Einfluss dieser Initiativen auf die Entwicklung der jeweiligen Bezirke und identifiziert Maßnahmen zur optimalen Förderung.

Yppenplatz, Ottakring, Wien 16, 2011. Ein schickes Lokal reiht sich an das andere. Das war nicht immer so: "Noch vor zehn Jahren war der Club International das einzige Szenelokal am Platz", erinnert sich Walter Rohn vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW. Alte, verfallene Häuser prägten das Bild. Die Gegend war verrufen und galt als gefährlich. Heute zeigen sich der Yppenplatz und der benachbarte Brunnenmarkt ganz anders: jung, modern, urban und mit mediterranem Flair.
Kulturinitiativen als Treiber der Bezirksentwicklung
Eine Entwicklung, die Stadtforscher hellhörig macht: Wie konnte sich ein derartiger Wandel vollziehen? Durch Kunst und Kultur, lautet die Antwort. In Ottakring hat sich - beginnend mit dem Festival "SOHO in Ottakring" - in den vergangenen Jahren eine rege Kreativszene etabliert. Wobei dieses Phänomen weder auf den 16. Bezirk noch auf Wien beschränkt ist: Ob Berlin, Paris oder Zagreb - seit Anfang des Jahrtausends boomen neue Kulturinitiativen wie Theater, Kinos, Galerien, Musikclubs usw. an den Rändern der europäischen Städte.
"In den zumeist ärmeren städtischen Randbezirken sind auch die Mieten günstiger. Künstlerinnen und Künstler siedeln sich an und machen mit ihrer Arbeit die Bezirke für die kulturinteressierte Mittelschicht attraktiv", erklärt Walter Rohn den dahinter liegenden Prozess. Der Stadtforscher untersucht im Rahmen eines vom Kulturamt der Stadt Wien geförderten Projekts wie diese Initiativen entstehen und welchen Einfluss sie auf die Bezirksentwicklung haben.
Dieser Einfluss lässt sich besonders prägnant am Beispiel des 16. Bezirks nachvollziehen. "Die Bezirkvorstehung erkannte rasch, welches Potenzial für einen Imagewandel des Bezirks in den Kulturinitiativen steckt und unterstützte diese", betont Rohn. Begleitend zu den Initiativen wurden bauliche Maßnahmen gesetzt: Alte Häuser wurden abgerissen oder renoviert, der Brunnenmarkt grundlegend saniert. Der Yppenplatz wurde ebenso rundum erneuert und lockt nun mit viel Grün und einem Kinderspielplatz mit birnenförmiger Rutsche und anderer "marktgerechter" Spielgerätschaft. Investitionen, die sich bezahlt machten: Der Bezirk florierte von einem der ärmsten Bezirke Wiens zu einem beliebten Tummelplatz für die urbane Mittelschicht.
Von der Aufwertung zur Verdrängung
So positiv eine derartige Entwicklung auf den ersten Blick wirkt, es gibt auch eine Schattenseite: Denn die Aufwertung einer Wohngegend bedeutet steigende Mietpreise. Im besten Fall führt das zu einer Durchmischung des Bezirks mit Bewohnern unterschiedlicher Einkommensschichten. In schlimmsten Fall werden die ärmeren Bevölkerungsschichten verdrängt und müssen abwandern, weil sie sich das Wohnen in ihrem Bezirk nicht mehr leisten können. Rohn: "Die Stadt Wien versucht hier zwar gegen zu steuern, aber wie die Beispiele Spittelberg im 7. oder aktuell das Karmeliterviertel im 2. Bezirk zeigen, findet dieser Verdrängungsprozess zwar abgeschwächt, aber doch statt." Auch in Ottakring gibt es schon Anzeichen: Darauf weist ein Graffiti am Yppenplatz mit den Worten "Warum steigen die Mieten bloß SOHOch?" hin.
Der Vergleich macht den Unterschied
Wie die Forschungsarbeiten von Walter Rohn zeigen, kann die Rolle, die Kulturinitiativen für die Bezirksentwicklung spielen, nicht über einen Kamm geschoren werden. Neben Ottakring analysiert er noch Floridsdorf, den 21. und flächenmäßig zweitgrößten Bezirk Wiens, sowie - als Kontrast zu den beiden "Arbeiterbezirken" - Döbling, einen der Wiener Bezirke für die besser situierte Bevölkerung. "In Floridsdorf sind schon allein durch die Größe des Bezirks die Initiativen viel weiter verstreut als in Ottakring und ihre Wirkung daher weniger deutlich", so Rohn. Döbling, der 19. Bezirk, zeigt einen Aspekt lokaler Kulturinitiativen besonders klar: dazu beizutragen, dass sich die Bewohner eines Stadtteils - unter dem Motto "Das Dorf in der Stadt" - mit diesem identifizieren.
Dieser identitätsstiftende Aspekt kommt besonders in Städten zum Tragen, die noch ein Stück größer sind als Wien - wie beispielsweise Paris, dessen 20. Stadtbezirk Rohn im Rahmen seines Projekts mit den drei Wiener Bezirken vergleicht. Paris ist Wien hier ein paar Nasenlängen voraus: "Der im Osten der Stadt gelegene 20. Pariser Bezirk hat eine deutlich weiter entwickelte Kulturszene, auch weil die Stadt Paris Kulturinitiativen in Randbezirken gezielter fördert, als das zur Zeit noch in Wien der Fall ist."
Best-Practice-Modell für Wien
Und wie sieht es in anderen europäischen Großstädten aus? Die Kulturpolitik von Berlin und Zagreb in Bezug auf ihre Randzonen wird von Rohn ebenfalls genau durchleuchtet. Wien will von den Erfahrungen anderer Städte profitieren. Daher sind der Entwurf eines Best-Practice-Modells sowie die Formulierung kulturpolitischer Empfehlungen wesentliche Aufträge des Projekts: "Es gilt, durch gezielte Förderpolitik das Potenzial kultureller Initiativen am Rand der Stadt für eine positive Entwicklung der Stadt zu nutzen", unterstreicht Rohn.
Kontakt:
Dr. Walter Rohn
Institut für Stadt- und Regionalforschung
Zentrum Sozialwissenschaften
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7/4/2, 1010 Wien
T + 43 51581-3523
walter.rohn@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/isr
April 2011

