Lebensraum Stadt
Ökosystem Wien - von der Vogelperspektive bis zum Fundament
Wien bietet Lebensqualität. Für uns Menschen, aber auch für zahlreiche andere Lebewesen. In Wien gibt es verglichen mit anderen Großstädten eine ungewöhnlich hohe Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Wie aber funktioniert der Ausgleich der "bio-diversen" Interessen? Ein neues Buch öffnet uns den Blick auf Wien als Ökosystem: auf die lebendigen Partner - uns Menschen eingeschlossen - , auf die geologischen Grundlagen sowie auf die Energie- und Stoffkreisläufe.

Keine Frage, wir Menschen gestalten die Stadt. Dennoch sind noch andere Kräfte am Werk. Zum einen definiert die Lage Wiens an der Donau sowie zwischen Alpenostrand und Pannonischer Tiefebene die Rahmenbedingungen. Darüber hinaus teilen wir den Lebensraum mit zahlreichen anderen Lebewesen, mit ihnen sind wir direkt oder indirekt verbunden. Es werden Information, Energie und Stoffe ausgetauscht und umgesetzt. In diesem Sinn ist die Stadt Wien ein echtes Ökosystem. Roland Berger und Friedrich Ehrendorfer erschließen uns dieses Ökosystem als Herausgeber des zweiten Bandes der Wiener Umweltstudien mit dem Titel "Ökosystem Wien. Die Naturgeschichte einer Stadt" (Böhlau Verlag). Das ist einzigartig für eine Metropole. Etwa hundert Autor(inn)en, vorwiegend Wissenschaftler(innen), haben dazu beigetragen. Die Fäden sind bei Roland Berger von der ÖAW-Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien zusammengelaufen, der auch die inhaltliche und redaktionelle Betreuung inne hatte. Friedrich Ehrendorfer und Axel Borsdorf haben als maßgebliche Initiatoren und Mentoren das Projekt an der Akademie der Wissenschaften verankert. Die Umsetzung wäre ohne das tiefgehende Interesse und die Unterstützung der Stadt Wien nicht möglich gewesen.
Biotopmonitoring aus der Vogelperspektive
Wien ist zur Hälfte Grün. Das zeigen Infrarot-Bilder aus etwa 2000 Metern Höhe. Das sogenannte "Biotopmonitoring Wien" ist aber bei weitem keine grobe Abschätzung. Die Bilder für die Grünflächenerhebung bilden Details mit einer Auflösung von weniger als 20 Zentimetern ab, sodass kleinste Grünflächen, Sträucher oder Bäume in Innenhöfen erkannt werden können. Im dicht verbauten Gebiet machen neben öffentlichen Gärten und dem Prater die begrünten Innenhöfe den größten Anteil am Stadtgrün aus. An der Peripherie ist Wien mit einem Gürtel von naturnahen Flächen umgeben. Alles in allem gibt es in Wien rund 170.000 Bäume. Und diese Dichte trägt entscheidend zu unserer Lebensqualität bei, indem sie die Funktion einer urbanen Klimaanlage übernimmt. Laubbäume spenden im Sommer Schatten, befeuchten und kühlen die aufgeheizte Luft und filtern sogar den Staub heraus. Als Gegenleistung brauchen sie von uns Menschen nur, "dass wir ihre Lebensansprüche kennen und ihren Wert schätzen", wie es die Herausgeber von "Ökosystem Wien" im Geleitwort formulieren.
Biodiversität in der Stadt
Kaum zu glauben, aber Wien beheimatet mehr als die Hälfte aller in Österreich bekannten Arten auf nur einem halben Prozent der Landesfläche. Dafür ist die Vielfältigkeit der ökologische Nischen in und um Wien und der Grad der Vernetzung zwischen den einzelnen Lebensräumen maßgeblich: Es gibt den Wiener Wald, die Donau und ihre Auen, Trockenrasen und Fettwiesen, Gartenflächen, grüne Balkons und den "Wildwuchs" auf Baugelände, aus Pflasterritzen und Bahntrassen - oft erstaunliche Beispiele für stressresistente Lebenskünstler. "Mit dem Buch wollen wir dazu einladen, die Stadt von einer neuen Seite kennenzulernen. Die Stadt als vielfältig vernetztes, aber auch labiles Ökosystem aufzufassen hilft uns, die Dynamik städtischer Entwicklungen klarer zu sehen", so Roland Berger.
Der Stoffwechsel der Stadt
Ganz allgemein gilt: Ökosysteme werden in erster Linie durch die Zufuhr von Energie angetrieben: Sonnenlicht macht dabei meist den Löwenanteil aus. Aber nur die Pflanzen können Sonnenenergie "einfach" nützen und dezentral als eigene Energiereserve speichern. Wir Menschen bringen ins Stadtökosystem von Wien etwa zehn Prozent der Energie ein. Neben der Energiebilanz sind für die Stadt auch die Bilanzen von Kohlenstoff- und Stickstoff interessant, der Wasserkreislauf sowie der Weg des Abfalls. Die Ökosystemforschung arbeitet daran, solche Stoffflüsse mit fundierten Daten zu belegen und liefert dadurch eine Entscheidungsgrundlage für eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen.
Das Fundament
Der Wiener Raum liegt sowohl geologisch als auch in klimatischer Hinsicht in einem Übergangsbereich. Unterschiedliche Ausgangsgesteine und das Aufeinandertreffen ozeanischer, südlicher und kontinentaler Klimaströmungen haben eine große Vielfalt in Flora, Fauna - und nicht zu vergessen - der Böden zur Folge. Auch letztere entwickeln sich in engem Kontakt mit ihrer Umwelt. Sie sind Lebensraum und geben Auskunft über vergangene Zeiten. Leider bewerten wir sie viel zu oft nur im Hinblick auf ihre mögliche Verbauung und sind bereit, sie durch Flächenversiegelung für unsere belebte Umwelt zu entwerten. Nicht selten handeln wir uns dadurch selbst mehr Lärm und mehr Staub ein.
Ist Wien anders?
Vieles hat Wien mit anderen Großstädten gemein. Als Hotspot der Biodiversität und einer anerkannt hohen Lebensqualität hat Wien aber auch einen besonderen Auftrag, dieses Erbe zu schützen. "Ökosystem Wien" ist ein umfangreiches Nachschlagwerk für Fakten, aber ebenso ein Buch, das Lust macht, Natur in Wien zu jeder Jahreszeit und jedes Jahr aufs Neue zu erkunden.
Das Buch:
Ökosystem Wien. Die Naturgeschichte einer Stadt
Roland Berger, Friedrich Ehrendorfer (Hg.). Böhlau Verlag Wien - Köln - Weimar
Biotopmonitoring:
Laufende Aktualisierungen durch die Wiener Umweltschutzabteilung MA 22
Kontakt:
Dr. Roland Berger
Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Bäckerstraße 5 / 1. Stock, 1010 Wien
T +43 699 1256 4605
roland.berger@oeaw.ac.at
roland.berger@apis-z.at
www.oeaw.ac.at/kioes
April 2011

