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Lebensraum Stadt

Interview mit Friedrich Ehrendorfer


Im März 2011 wurde ein umfassendes Werk zur Natur- und Kulturlandschaft in und um Wien präsentiert. Das Buch "Ökosystem Wien - Naturgeschichte einer Stadt" erschließt die naturkundliche Vielfalt Wiens, ihr Eingebundensein in große Stoffkreisläufe und ihre Vernetzung mit menschlichem Handeln. Waltraud Niel sprach darüber mit einem der beiden Herausgeber, dem Botaniker und Mitglied der ÖAW, Friedrich Ehrendorfer.

Ihr persönlicher Forschungsschwerpunkt betrifft Grundlagenforschung zur Evolution und Systematik der Blütenpflanzen. Warum ist es für Sie interessant, sich mit einem großstädtischen Ökosystem auseinanderzusetzen?

Ehrendorfer: Wien ist für mich nicht zuletzt deshalb so interessant, weil ich ein (Ur)Wiener bin, einer der Wenigen, dessen vier Großeltern in Wien geboren wurden! Als Professor für Botanik an der Universität Wien habe ich auf zahlreichen Exkursionen im Wiener Raum versucht, den Studierenden nicht nur die Flora zu erklären sondern sie auch im ökosystemaren Denken zu schulen. Mir ging es darum, umfassende naturkundliche Zusammenhänge, aber auch die Vernetzung mit der Kultur zu vermitteln. Das Werden des Wiener Raumes kann man ja nicht verstehen ohne über seine geografische Grenzlage zwischen West und Ost, Nord und Süd Bescheid zu wissen - in geologischer und klimatischer Hinsicht, im Hinblick auf die Herkunft seiner Pflanzen- und Tierwelt, aber auch hinsichtlich seiner Entwicklung von der Keltensiedlung bis zur heutigen Millionenstadt an der Kreuzung der Handelswege Donau und Bernsteinstraße.

Meine Motivation war natürlich auch deshalb so groß, weil Wien ein Hotspot der Biodiversität ist - und das nicht nur am Stadtrand mit seinen zahlreichen naturnahen Biotopen sondern auch im stärker verbauten Gebiet. Mehr als die Hälfte aller für Österreich bekannter Pflanzen-, Pilz- und Tierarten findet sich auch innerhalb der Stadtgrenzen. Unser Buch ist nicht der erste Versuch dieser Tatsache gerecht zu werden: Bereits in den 1970er Jahren war ich an der Herausgabe einer vierbändigen "Naturgeschichte Wiens" beteiligt. Viele neue Erkenntnisse haben es aber notwendig gemacht, das Thema neu zu bearbeiten. Mit dem vorliegenden Band versuchen wir erstmals weltweit und in umfassender Weise, eine Metropole wie Wien als Ökosystem darzustellen.

"Ökosystem Wien - Naturgeschichte einer Stadt" wurde lange erwartet. War die Synthese des angesammelten Wissens das Schwierige, oder war es verlockend auf immer neuere Daten zu warten?

Ehrendorfer: Beides. Seit 1970 haben die Naturwissenschaften ungeheure Forschritte gemacht. Die ökosystemare Analytik hat dazu beigetragen, dass wir nach und nach in kleineren Lebensgemeinschaften aber auch in Großstädten sehr komplexe Zusammenhänge und Stoffflüsse (zum Beispiel Kohlenstoff, Stickstoff oder Wasser) mit fundierten Daten belegen konnten. Fachbegriffe wie Ökosystem oder Nachhaltigkeit waren in den 1970er Jahren noch kein Thema. Und die engen Beziehungen zwischen der Nutzung von Landschaften und ihrer Flora und Fauna wurde erst aufgrund von dramatischen Veränderungen Teil wissenschaftlicher Fragestellungen.

Mit welchen Partnern konnte das Buch verwirklicht werden?

Ehrendorfer: "Ökosystem Wien" ist der zweite Band der "Wiener Umweltstudien", die von Axel Borsdorf herausgegeben werden. Im aktuellen Band, den Roland Berger und ich herausgegeben haben, konnten wir knapp hundert Autor(inn)en von Universität Wien, Universität für Bodenkultur, der Technischen Universität Wien, der ÖAW sowie von Magistratsabteilungen der Gemeinde Wien (beispielsweise für das Biomonitoring) zur Zusammenarbeit gewinnen. Die Finanzierung teilten sich ÖAW und Stadt Wien.

Die Forschung geht weiter. Welche Fragen zu Stadt-Ökosystemen stehen an?

Ehrendorfer: Die Erforschung der biologischen Vielfalt ist und bleibt ein zentrales Thema der Ökosystemforschung. Ureinheimische und zugewanderte Arten stehen in Konkurrenz zueinander und prägen die verfügbaren Lebensräume. Dabei ändert sich die Artenzusammensetzung oft viel stärker, als wir angenommen haben. Das sieht man ganz besonders deutlich im pannonischen Raum: Die Kanadische Goldrute oder Ambrosia (Ragweed) sind sehr erfolgreiche Neophyten, die auch wirtschaftliche Auswirkungen haben. Biolog(inn)en wollen die Ausbreitungsdynamik solcher Arten besser verstehen. Es gilt also, unser Wissen über Genetik, Stoffwechsel, ökologische Ansprüche, Plastizität und Wechselwirkungen der Organismen zu vermehren und besser zu integrieren. Da ist auch für die Lebensgemeinschaften der Stadt noch vieles offen.

Was soll das Buch "Ökosystem Wien" bewirken?

Ehrendorfer: Das Hauptanliegen ist es, das Verständnis für die uns in Wien umgebende Lebenswelt zu vertiefen. Denn: Erst was wir ausreichend kennen und verstehen, werden wir auch schützen wollen!

Welchen Herausforderungen kommen auf Wien zu?

Ehrendorfer: Um die Lebensqualität in Wien zu bewahren, müssen unbedingt größere Bereiche innerhalb der Stadtgrenzen naturnah erhalten bleiben. Dafür sollten wir uns einsetzen, und davon sollten wir Politiker(innen) überzeugen. Die auf Gewinn hin orientierte Wirtschaft darf man nicht allein agieren lassen. Denn was an Natur einmal verloren ist, lässt sich kaum wieder rekonstruieren. In der Praxis heißt das auch, eine Balance zwischen Expansion und Konzentration zu finden. Das betrifft unsere Vorliebe fürs Wohnen am Stadtrand ebenso wie unsere Mobilitätsprobleme.

Zur Person:
Friedrich Ehrendorfer (geb. 1927) studierte Biologie mit Schwerpunkt Botanik und Paläontologie an der Universität Wien. 1952 ging er mit einem Fulbright-Stipendium in die USA. Seit damals gilt sein Interesse dem Prozess der Artbildung sowie der Phylogenie und Evolution bei Blütenpflanzen wobei cytogenetische und raum-zeitliche, später auch DNA-analytische Aspekte im Vordergrund standen. 1965 erhielt Ehrendorfer eine Professur in Graz und wurde 1970 als Vorstand des Instituts für Botanik und als Direktor des Botanischen Gartens an die Universität Wien berufen. Er verbindet in seiner bis heute andauernden Forscherkarriere moderne Evolutionsforschung, klassische Pflanzensystematik und Geobotanik. Friedrich Ehrendorfer ist nicht nur ein herausragender Wissenschaftler; er kann das Wissen auch vermitteln und seine Begeisterung für die Natur weitergeben.







Kontakt:
emer. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Ehrendorfer
Kommission für Interdisziplinäre Ökologische Studien (KIÖS)
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Bäckerstraße 5 / 1. Stock, 1010 Wien
T +43 1 51581-3200
friedrich.ehrendorfer@univie.ac.at
www.oeaw.ac.at/kioes


April 2011