Gemeinschaftsvisionen
Dynamische Motivation zur Gemeinschaftsbildung im Iran
Ein neuer Forschungsansatz am ÖAW-Institut für Iranistik stellt die grundlegenden Werte, die den Menschen im iranischen Mittelalter als Motivation zur Bildung von Gemeinschaften gedient haben, ins Zentrum. Neue Quellen sollen erschlossen werden und auf die historischen Beziehungen zwischen Gemeinschaft, ethnischer Zugehörigkeit, Religion und Herrschaft hin näher untersucht werden.

Der Islam ist für Stadtmenschen und Bewohner der Dörfer ebenso wie für Nomaden im Iran zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert zu einem verbindenden Element geworden: Er stellte ein universalistisches Programm dar, das Menschen unterschiedlicher Abstammung und Tradition zur Stiftung von Gemeinschaft annehmen konnten. Florian Schwarz, Direktor des Instituts für Iranistik, erforscht den Prozess, wie sich die ursprünglich unterschiedlichen Vorstellungen zur Gemeinschaftsbildung verbinden und auf diese Weise den Boden für die spätere Entwicklung zum modernen Iran bereiten.
Erzählweisen schaffen Gemeinschaft
Der Iran wurde in der Spätantike bis zur Islamisierung von ethnisch persischen Herrschern, den Sassaniden, regiert. Diese Einheit wurde aber mit der islamischen Eroberung durch die Araber im siebenten Jahrhundert bedeutungslos. Die Vorstellungen vom Iran als einer Einheit bleiben nur in den Epen erhalten, in der politischen Realität wurde das Kalifat das Gemeinschaft stiftende Element. Später, als mongolische und turkstämmige Dynastien die Vorherrschaft im iranischen Raum übernahmen, brachten auch sie ihre eigenen Vorstellungen von Gemeinschaft ein. Auch ihre Mythen wurden ständig neu erzählt und fanden ebenso wie die persischen Epen Eingang in die säkulare Geschichtsschreibung. Die Geschichte des Iran kann deshalb auch als ein Beziehungsgeflecht zwischen islamischen, persischen und innerasiatischen Traditionen gelesen werden. Viele religiöse Texte (islamische wie auch vorislamische Erzählungen) waren so umfassend bedeutsam für die Gesellschaft, dass sie politische Institutionen, das Recht sowie die ungeschriebenen Spielregeln sozialer Interaktion durchdrangen. In Erzählungen und Texten finden sich charakteristische Motive, die - oft in einem historischen "Kleid" - viel mehr über die intendierte Ausrichtung der iranischen Gesellschaft sagen als dass sie über ein historisches Faktum berichten. Als Beispiel kann die Gemeinschaft stiftende, aber unhistorische Idee eines spezifisch iranischen Islam, der Schia, gelten: In dieser Tradition werden zwölf Imame aus der Zeit der Islamisierung des Iran besonders verehrt, deren Abstammung sowohl auf den Propheten Muhammad als auch auf eine persische ethnische Linie zurückgeführt wird.
Motive aufspüren...
Hagiographien sind der Forschungsschwerpunkt von Florian Schwarz. Er beschäftigt sich vor allem mit handschriftlich überlieferten hagiographischen Texten in persischer Sprache - aufbewahrt in Bibliotheken in der Türkei, im Iran, in Usbekistan oder Tadschikistan. Diese Textgattung wurde bis jetzt - verglichen mit dem großen persischen Epos (Das Buch der Könige) oder dynastischen Chroniken - noch wenig beachtet. "Das Interessante aber ist, dass sich die Erzählmotive jener großen Erzählungen ebenso in anderen Textgattungen, wie eben den Heiligenlegenden, wiederfinden", erklärt Florian Schwarz. Er plant in den nächsten Jahren solche Texte exemplarisch aufzuarbeiten. Er wird Textmotive vergleichen, die die Bildung kleinerer bis hin zu großen Gemeinschaften gefördert haben, beziehungsweise ihr Fortbestehen gestützt haben. Sehr wichtig ist ihm dabei, die Erzählweisen unter die Lupe zu nehmen - auf Zwischentöne zu achten und "zwischen den Zeilen" zu lesen.
...zum Beispiel: Bekehrung
Die Geschichte einer Bekehrung zum Islam wird oft genau so erzählt, wie weit ältere Mythen; mit dem Unterschied, dass etwa der Schamane, der etwas prophezeit, in der islamisierten Konversionserzählung durch einen Sufi ersetzt wird. Ebenso ähneln mythische Abstammungsgeschichten eines Klansführers der Genealogie eines Heiligen, auf den sich islamische Gemeinschaften beziehen.
Politische Relevanz erkennen
Von besonderem Interesse ist die Phase, als die Kalifen als geistliche wie auch weltliche Führungspersönlichkeiten der muslimischen Gemeinschaft während der mongolischen Eroberung im 13. Jahrhundert durch vorwiegend nomadische, kaum islamisierte Stammesherrscher abgelöst wurden. "Damals verbanden sich vorislamische, persische Traditionen mit universalistischen Werten des Islam ebenso wie mit Konzepten, die ursprünglich für kleinere Gemeinschaften bedeutsam waren - beispielsweise die Abstammungsgeschichte einer Gemeinschaft von einem gemeinsamen Ahnen", erklärt Florian Schwarz. In einem dynamischen Prozess haben sich unterschiedlichste Vorstellungen von gemeinsamer Abstammung, Islamisierungslegenden oder religiösen und königlichen Genealogien organisch verbunden und sind zur Grundlage größerer, auch politischer Gemeinschaften bis hin zu den großen iranischen Reichsbildungen des Mittelalters geworden.
Kontakt:
Dr. Florian Schwarz
Institut für Iranistik
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6510
florian.schwarz@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/iran
März 2011

