Gemeinschaftsvisionen
Politik und Religion im mittelalterlichen Tibet
Asienwissenschafter und Sozialanthropologen der ÖAW gehen am Beispiel des mittelalterlichen Tibet der Frage nach, welchen Einfluss die Übernahme des Buddhismus auf die Gesellschaft und ihr Selbstverständnis hatte. Sie wählen die unterschiedlichen Vorstellungen über das Gemeinwesen als zentrale Perspektive, weil religiös beeinflusste "Visions of Community" bis heute eine wirksame Motivation für Herrschaft und Legitimation von Macht sind.

Das tibetische Hochland wurde im siebten bis neunten Jahrhundert unserer Zeitrechnung von Königen regiert. Diese Könige galten als heilig, mussten aber von den untergebenen Klans regelmäßig bestätigt werden. Für die Klans, die sich einer lokalen Dynastie unterordneten, brachte dies militärische und wirtschaftliche Vorteile. Auf diese Weise konnten sie an den Märkten der Seidenstraße teilhaben und sie letztlich auch kontrollieren. Solche Umstände begünstigten vielseitige kulturelle Kontakte zwischen Tibetischem Hochland und China, Indien oder zentralasiatischen Stadtstaaten. Sie schwächten aber lokale Traditionen, insbesondere die Autorität der älteren (vorbuddhistischen) Religionen. Man war nun offen für medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse, für eine neue Architektur, eine Schrift und für eine neue, universalistische Religion, den Buddhismus. Davon zeugen die ersten buddhistischen Tempel im tibetischen Hochland entlang der Transitrouten einer militärisch betriebenen Ausdehnung. Die neue, buddhistische Ordnung schien den Machthabern als ein geeignetes Mittel um die Gesellschaft nach innen zu einen, sie zu "zähmen" und zu zivilisieren. Im achten Jahrhundert wurde der Buddhismus als Staatsreligion übernommen, stieß aber in der Bevölkerung noch auf Widerstand. Der tatsächliche Assimilationsprozess fand erst nach dem Niedergang des Königsreiches im Zuge einer Wiederbesinnung auf das zivilisatorische Potential des Buddhismus vom 11. Jahrhundert an statt. Im Unterschied zu vorher, wurde die Übernahme der neuen Religion jetzt nicht von einer zentralen Macht betrieben, sondern ging mit dem Aufbau von regionalen, religiös dominierten Machtzentren im Umkreis von Klöstern einher. Diese regionalen Herrschaften hielten sich - trotz mongolischer Vorherrschaft - bis in 17. Jahrhundert, bis zum Aufbau einer überregionalen Theokratie der Dalai Lamas.
Politik und Religion im Wechselspiel
Die ÖAW-Wissenschaftler Helmut Krasser (Philologe am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens, Projektleiter) und Guntram Hazod (Anthropologe am Instituts für Sozialanthropologie), beschäftigen sich mit beiden Phasen der Übernahme des Buddhismus im Tibetischen Hochland und in den Randgebieten des Himalayaraumes. Ihnen geht es darum, die Dynamiken der tibetisch-mittelalterlichen Gesellschaften nachzuvollziehen und die - zum (politischen) Zusammenhalt motivierende - Macht religiöser Überzeugungen herauszuarbeiten. Es gilt zu analysieren, warum sich der Buddhismus mit seinem universalistischen Anspruch im Tibetischen Hochland erst nach der imperialen Phase tatsächlich durchgesetzt hat. Nicht unerheblich dabei ist, dass unter dem Einfluss des Buddhismus die Idee einer gemeinsamen Geschichte als Identität stiftendes Element verwendet wird. Es ist deshalb wichtig, die prägenden Erzählweisen zu verstehen, die aus den ursprünglich segmentierten, regionalen Welten eine "Nation" formten. Darüber hinaus scheint den beiden Forschern die Beachtung der vielfach noch Klan organisierten Gemeinschaften am Rande des tibetischen Hochlands wichtig, weil jene - fernab der Zentren - volksreligiöse Traditionen viel länger beibehalten haben.
Das Projekt im Kontext
Das auf vier Jahre angelegte Projekt zu Tibet ist eingebettet in einen Spezialforschungsbereich zum Thema "Visions of Community". Im Rahmen dieses Großprojektes wird die politisch motivierte Übernahme der drei universalistischen Religionen, Christentum, Islam und Buddhismus im mittelalterlichen Europa und Asien verglichen.
Community ist ein facettenreiches Phänomen, bei dem - selbst in der Einschränkung auf den politischen Aspekt - mehr mitschwingt als kurz und prägnant formuliert werden kann. Helmut Krasser und Guntram Hazod sind in ihrem Projekt deshalb auch darum bemüht, die unterschiedlichen Aspekte Disziplinen übergreifend verständlich darzustellen: Was bedeuten Klan, Reich, Volk, Identität im mittelalterlichen Tibet in einem historischen beziehungsweise einem sozialanthropologischen Forschungskontext? Der vergleichende Forschungsansatz zwischen Geschichte und Sozialanthropologie ist neu und verspricht neue Wege zur Analyse und Rekonstruktion komplexer Gesellschaften. Krasser und Hazod und ihre Kollege(inne)n werden Primärquellen analysieren (politische Programme, klösterliche Regeln, Texte zur Familienstruktur, über Rituale und Weltbild, über Kriterien von Zughörigkeit und Fremdsein) sowie archäologische und ethnografische Feldforschungen mit einbeziehen. "Wir werden durch unsere Arbeit allgemein Gültiges in den oft verwickelten und überlagerten Wechselwirkungen zwischen religiösen und politischen 'Visions of Community' besser erkennen", sind Krasser und Hazod überzeugt.
Kontakt:
Doz. Dr. Helmut Krasser
Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens
T +43 1 51581-6420
helmut.krasser@oeaw.ac.at
Doz. Dr. Guntram Hazod
Institut für Sozialanthropologie
T +43 1 51581-6450
guntram.hazod@assoc.oeaw.ac.at
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
1030 Wien, Apostelgasse 23
www.zas.oeaw.ac.at
ikga.oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant
März 2011

