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Gemeinschaftsvisionen

Die Frage nach dem "Warum"


Damit Gemeinschaften sich bilden und bestehen können, brauchen sie auch verbindende Visionen wie religiöse Lebenskonzepte oder ideelle Integrationsfaktoren wie die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gemeinschaft. Der Einfluss solcher "Gemeinschaftsvisionen" auf die Entwicklung mittelalterlicher Gesellschaften in Europa und Asien steht im Mittelpunkt eines neuen Großforschungsprojekts, das die ÖAW gemeinsam mit der Universität Wien durchführt.

Das christliche Abendland und die Islamische Welt entstanden beide aus dem spätantiken Mittelmeerraum. Trotzdem nahmen ihre jeweiligen Entwicklungen einen hochgradig unterschiedlichen Verlauf. Warum? Und wie sieht es im Vergleich dazu in buddhistisch dominierten Kulturräumen aus? Bei diesen Fragen setzt der neue Spezialforschungsbereich des FWF "Visions of Community" an, der mit März 2011 an der Universität Wien und der ÖAW gestartet ist. Im Mittelpunkt des Großforschungsvorhabens steht die Untersuchung des Einflusses der drei großen Universalreligionen Christentum, Islam und Buddhismus auf die Herausbildung jener mittelalterlichen Gemeinschaften, die einen Grundstein für unsere heutige Welt legten.

Religion versus Ethnizität

Insbesondere dem Wechselspiel zwischen Religion und Ethnizität (das heißt den unterschiedlichen Formen kultureller Zugehörigkeit zu bestimmten Gemeinschaften oder Völkern), gilt das Interesse der Forscherinnen und Forscher - dürfte doch in der jeweiligen Stärke des Einflusses eine wesentliche Ursache für die divergierenden Entwicklungen liegen.

"In den drei Kulturräumen spielt Ethnizität eine unterschiedliche Rolle", erklärt Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW, das ebenso wie das Institut für Sozialanthropologie und das Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens seitens der ÖAW am Großprojekt beteiligt ist. Im lateinischen Europa wurden die Staaten zwar von der christlichen Religion legitimiert, entwickelten sich jedoch zugleich auf ethnischer Grundlage. In Westasien hingegen war der Islam ab dem 7. Jahrhundert die Grundlage des neuen Weltreiches. Auch der Buddhismus, dessen Einfluss im Zuge des Projekts am Beispiel des frühen Tibet untersucht wird, diente dort der globalen Legitimation, lokale Clans und Stämme blieben jedoch parallel dazu als unabhängige Gemeinschaften bestehen und hatten einen entsprechenden Einfluss auf die Identitätsentwicklung.

Interdisziplinarität als Schlüssel

Verschiedene Religionen, unterschiedliche geografische Gebiete: Die bisherige Forschung zum Thema erfolgte disziplinär weitgehend getrennt. "Trotzdem haben sich ähnliche Fragenstellungen herauskristallisiert und sogar gleichartige Positionen entwickelt", sagt Pohl. Das ergibt eine gute Ausgangslage für interdisziplinäres Arbeiten: "Gerade das Wechselspiel zwischen religiösen und ethnischen Identitäten lässt sich nur interdisziplinär in seiner ganzen Tiefe erfassen", ist Pohl überzeugt.

"Wir profitieren dabei nicht nur von der regionalen, sondern auch von der disziplinären Diversität", ergänzt Andre Gingrich, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie. Hier wird die Analyse historischer Quellen der Mittelalterforschung verbunden mit der ethnografischen Feldforschung der Sozialanthropologie. Gingrich: "Für die Sozialanthropologie ist es nicht so selbstverständlich wie für die Mittelalterforschung, mit historischen Quellen zu arbeiten. Zugleich aber kann die Sozialanthropologie aus der ethnografischen Feldforschung heraus sehr genau frühere Perioden befragen, wenn sie anthropologisch gut bearbeitet sind - wie es in Südwestarabien und Tibet der Fall ist, wo der Großteil der modernen Geschichtsschreibung im Wesentlichen von der Anthropologie betrieben worden ist."

Quer durch Orte und Zeiten

Im Rahmen des Projekts werden exemplarische Tiefenstudien quer durch Orte und - da das Mittelalter doch über 1000 Jahre umfasst - Zeiten durchgeführt. Die dabei behandelten Themen reichen von der Herausbildung der ethnischen, politischen und religiösen Identitäten im europäischen Frühmittelalter über das spätmittelalterliche Österreich und seine Nachbarländer bis zum Fallbeispiel Dalmatien. Das bereits erwähnte frühe Tibet steht ebenso auf dem Programm wie Südwestarabien von der vorislamischen Spätantike über die Frühphasen des Islam (einschliesslich erster Spaltungen und Abkehr-Bewegungen) und das Hochmittelalter mit ausgeprägter arabischer Geschichtsschreibung bis zur frühen Neuzeit, also den ersten Kontakten mit Osmanen und Portugiesen.

Eine Frage der Terminologie
So unterschiedlich wie die Disziplinen und ihre Forschungsgebiete sind auch die Terminologien, die sich im Zuge der jeweiligen Forschungsarbeit im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Diese sollen in "Visions of Community" ebenfalls reflektiert und zur Diskussion gestellt werden.

"Es ist dezidiert Teil unseres Projektes, dass wir nicht nur konkrete Forschungen durchführen, sondern uns ebenso intensiv mit unserer Methodik auseinander setzen - methodisch-theoretische Texte lesen und diese in der Anwendung auf unsere konkreten Fragestellungen diskutieren", unterstreicht Pohl. "Wir wollen uns sozusagen selbst dabei beobachten, wie wir zu unseren Ergebnissen kommen und welche Wege wir dabei einschlagen."

Denn die Reflexion der Terminologie der Erforschung schärft den Blick für die Feinheiten der historischen Entwicklung. So ist in der Mittelalterforschung die Bezeichnung als "Stamm" zum Beispiel für Franken, Goten oder Langobarden nicht mehr zeitgemäß, da er im europäischen Kontext einen abwertenden Unterton hat - stattdessen wird von "Völkern" gesprochen. Bei der Erforschung der islamischen Welt aber auch des frühen Tibet ist es genau umgekehrt: Hier macht die Verwendung des Stammesbegriffs Sinn und verweist auf relative Freiheiten vom Staat, während mit dem Begriff "Volk" wenig anzufangen ist.

Ebenso gilt es klar herauszuarbeiten, was Begriffe wie "Religion", "Ethnizität" oder "Identität" für unterschiedliche Regionen und Zeiten bedeuten können. Denn je differenzierter die Betrachtung des Gestern ist, desto mehr lässt sich für das Heute lernen. "Man befreit sich am besten von Vorurteilen, indem man die andersartige Situation in einer entfernten Vergangenheit betrachtet und diese neue Sicht wiederum auf die Gegenwart anwendet", sind Gingrich und Pohl überzeugt.


Zur ethnografischen Feldforschung siehe auch das Interview mit Andre Gingrich anlässlich des Thema des Monats März 2009 , bei dem die Feldforschung im Mittelpunkt stand.


Kontakt:
Prof. Dr. Andre Gingrich
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
andre.gingrich@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Prof. Dr. Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
Zentrum Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 14, 1040 Wien
walter.pohl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/gema


März 2011