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Gemeinschaftsvisionen

Interview mit Walter Pohl und Andre Gingrich


Am 1. März 2011 ist der Startschuss für den an der ÖAW und der Universität Wien angesiedelten FWF-Spezialforschungsbereich "Visions of Community" gefallen. Ziel ist, den Einfluss der Universalreligionen Buddhismus, Christentum und Islam auf die Herausbildung mittelalterlicher Gemeinschaften und Identitäten zu untersuchen. Dabei soll inhaltliches wie methodisches Neuland betreten werden. Der Mittelalterhistoriker Walter Pohl und der Sozialanthropologe Andre Gingrich im Interview mit Martina Gröschl.

Welche Kernfragen verfolgen Sie im Rahmen von "Visions of Community"?

Pohl: Bisher hat man umfassende soziale Phänomene zu sehr in voneinander abgegrenzten, binären Strukturen gedacht. Man hat zum Beispiel zwischen Religion und einem weltlichen Bereich von Gesellschaften klar unterschieden. Natürlich ist mit diesem Ansatz sinnvolle Forschung möglich, jedoch entgleiten einem leicht übergreifende Zusammenhänge beziehungsweise fallen gar nicht auf.
In meinen eigenen Forschungen über ethnische Prozesse in Europa im frühen Mittelalter habe ich zunehmend erkannt, dass ich mit solchen Trennungen nicht mehr wirklich arbeiten kann. Auch hier ist immer ein starkes Gegensatzpaar angenommen worden: Einerseits gibt es das Christentum als universale Religion - jede/r unabhängig von seiner, ihrer Herkunft kann Christ werden und gehört dann einer einzigen Gemeinschaft an, die auf die Herkunft keine Rücksicht nimmt -, andererseits die ethnischen Identitäten, die die Menschen nach ihrer Herkunft unterscheiden und trennen.
Dieses Modell ist aber begrenzt: In der mittelalterlichen Gesellschaft sind Religion und weltliche Zugehörigkeit nicht zu trennen, da die Religion wesentliche Erklärungsmodelle, Identifikationsmuster und motivierende Mechanismen bereitgestellt hat, wie man sich bei der Bildung partikularer Gemeinschaften verhalten und durchsetzen kann. So begann ich mich immer mehr dafür zu interessieren, wie religiöse Identitäten und Zugehörigkeiten mit partikularen, ethnischen, regionalen, städtischen, sozialen Identitäten zusammenhängen und diese Frage wollen wir ebenfalls im Rahmen von "Visions of Community" näher verfolgen.

In "Visions of Community" wird diese Fragestellung über Europa und das Christentum hinaus ausgeweitet?

Gingrich: So ist es. Viele historische Forschungen, die sich bisher mit ähnlichen Fragestellungen befasst haben, sind sehr stark im Lokalen und Regionalen aufgegangen. Hingegen ist ein ganz wichtiger innovativer Aspekt bei "Visions of Community" der systematische Vergleich, der an verschiedene Kulturen und Gesellschaftsformen ungefähr desselben Zeitrahmens ähnliche Fragestellungen richtet sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeitet. Das ist in dieser Form und mit dieser Konsequenz, die außerhalb Europas fragt und von außerhalb Europas nach Europa fragt, neu. Das wurde in den internationalen Gutachten von allen Seiten unterstrichen- und insofern ist das nicht nur unser Selbstverständnis, sondern mehrfach durch die Beurteilungen sehr bestätigend an uns zurückgekommen.
Dieser Ansatz bedeutet, dass wir hier viele Fragen neu aufwerfen können, die sich erst durch den Kontrast der Befassung - etwa: christliche Traditionen im Gegensatz zu muslimischen oder buddhistischen Traditionen - auftun. Eines unter mehreren Beispielen wäre die Frage: Was integriert auf der sozialen Ebene eine Gesellschaft mit Hilfe des Glaubens und mit Hilfe der Religion, wenn es keine Zentralinstanz wie den Papst oder wenn es keine Klöster gibt, wie es im Islam der Fall ist? Was hilft einer Gesellschaft stattdessen, ihre horizontalen und ihre vertikalen Reibungsflächen auszugleichen? Wie entsteht der innere Zusammenhalt, wo zeigen sich Spannungen?

Warum ist gerade das Mittelalter für die Fragestellung nach dem Einfluss der Religionen auf die Herausbildung von Gemeinschaften und Identitäten interessant?

Pohl: Viele historische Entscheidungen, die im Mittelalter gefallen sind, haben bis heute ihre Nachwirkungen. Dass es zum Beispiel im Europa der Jetztzeit konsolidierte moderne Nationen gibt, die den Konsens der Mehrheit der Bevölkerung haben, während das in der islamischen Welt viel weniger der Fall ist, geht genau auf diese Zeit und auf die noch kaum erforschten divergierenden Entwicklungen im postantiken Mittelmeerraum bis hin in den mittlere Osten zurück. Hier ist aus einer im Wesentlichen gemeinsamen historischen Situation etwas Unterschiedliches herausgewachsen und das wollen wir erklären.
Gleichzeitig kann diese Zeit eine Art historisches Laboratorium für das Studium langfristiger, historischer Veränderungen bieten. Unsere heutige Zeit ist als Forschungsgegenstand wunderbar, weil man eine unendliche Fülle an Material zur Verfügung hat, aber sie ist aus genau demselben Grund furchtbar. Das ist wie wenn man mit fünf Zentimeter Abstand vor einem sehr komplizierten Gemälde steht - da ist es schwer, den Gesamtüberblick über das Bild zu bekommen. Das heißt, historische Phänomene aus der Distanz von Jahrhunderten zu erforschen, kann dazu beitragen, genau durch diese Distanz wesentliche Zusammenhänge, grundlegende Veränderungstendenzen oder die Dynamik von Gesellschaften besser wahrzunehmen. Dabei muss man jedoch besonders darauf achten, heutige Vorstellungen von Begriffen wie beispielsweise "Religion" nicht in die Vergangenheit zu projizieren. Das Christentum des Mittelalters ist zum Beispiel nicht identisch mit dem Christentum, das in der Auseinandersetzung zwischen Reformation und Gegenreformation entstanden ist. Desgleichen ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, welche unterschiedlichen Gegenstandsbereiche der Begriff "Religion" in verschiedenen Gesellschaften umschreiben kann.

Und aus der asiatischen Sicht?

Gingrich: Aus "asiatischer Sicht" ist die Erforschung des Mittelalters in Europa besonders interessant, weil es jenes Europa betrifft, welches noch nicht in seinen Sonderweg der Säkularisierung eingetreten ist - das noch nicht begonnen hat sich zu "entzaubern", wie es Max Weber genannt hat. Umgekehrt ist das jene Zeit, in der noch nicht die eine Hälfte inklusive Europas den Rest der Welt eindeutig zu dominieren begonnen hat - wie dies nach 1492 zunehmend passiert. Wir befinden uns daher, wenn wir das Mittelalter untersuchen, in einer globalen Situation, in der sowohl in Tibet wie in Arabien und auch im Iran eigenständige Entwicklungspotenziale noch ausprobiert werden konnten, ohne auf den erbitterten Widerstand europäischer Mächte zu stoßen, die versuchen, diese Entwicklungswege zu versperren - was dann letztendlich viel später oft in den Kolonialismus mündete.

Was können wir aus der Erforschung des Mittelalters für unsere heutige Sicht auf die Welt lernen?

Pohl: Um zu verstehen wie Gesellschaften sich entwickeln, ist es zuerst notwendig, die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten von Gesellschaften abschätzen zu können. Wir neigen immer noch viel zu sehr dazu, diejenige historische Entwicklung, die der westliche Teil Europas in den letzten Jahrhunderten genommen hat als DIE folgerichtige und unausweichliche gesellschaftliche Entwicklungsrichtung anzusehen. Wir nennen sie Fortschritt und verlangen im Grunde von der ganzen Welt, dass sie diesem Fortschritt nachkommt, geben vor in welche Richtung dieser Fortschritt verlaufen soll und das ist eine wesentliche Verengung des Blicks, die es uns einfach schwerer macht, die Welt zu begreifen.

Gingrich: Die Erforschung des Mittelalters lehrt uns darüber hinaus, die Jetztzeit prägende Phänomene mit mehr historischer Tiefe zu verstehen. Ein gutes Beispiel ist hier die Globalisierung: Globalisierung beginnt nicht plötzlich im Jahr 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer, sondern hat eine Reihe von langfristigen historischen Voraussetzungen. Zu denen zählen unter anderem, dass die großen Religionen Christenrum, Islam und Buddhismus schon sehr frühzeitig und über die Kontinente hinweg zueinander auch in Wechselverhältnissen gestanden und einander sowohl beeinflusst, als auch miteinander rivalisiert haben. Insofern behandeln wir also eine Epoche, die wenigstens im Sinn der großen Weltreligionen jener Jahrhunderte bereits auf eine andere Weise als heute "globalisiert" war. Nicht rund um den ganzen Globus, denn den kannte man so noch nicht, aber doch über mehrere Kontinente hinweg stand man miteinander im Austausch.

Warum wurde in der bisherigen Forschung auf überregionale und -religiöse Aspekte so wenig eingegangen?

Gingrich: Es ist wahrscheinlich ein Privileg der heutigen Phase von Globalisierung, dass sie uns verstärkt anregt und veranlasst, den Blick auf die Vergangenheit so weit zu öffnen und neue Fragen an sie zu stellen. Man wäre vor etwa 100 Jahren - in einer Phase des damals ansteigenden Nationalismus vor dem ersten Weltkrieg - wohl nicht so leicht auf die Idee gekommen, sich das Mittelalter im überkontinentalen Vergleich anzusehen. Abgesehen davon hatte man damals noch nicht all die Quellen zur Verfügung, die wir heute nutzen können.
Außerdem ermöglichen erst die heutigen Mittel der Kommunikation, ein so großes und vor allem international weit vernetztes Projekt durchzuführen. Es sind ja lokale Forscherinnen und Forscher aus den betreffenden Regionen Asiens ebenso eingebunden wie amerikanische Kolleginnen und Kollegen von mir und Walter Pohl.

Im Rahmen des Spezialforschungsbereiches werden mehrere Doktorats- und Post-Doc-Stellen vergeben. Welche Chancen eröffnet die Mitarbeit an "Visions of Community" dem wissenschaftlichen Nachwuchs?

Pohl: Durch das Zusammenwirken von Universität, ÖAW und FWF ist es möglich etwas aufzubauen, das international sehr stark wahrgenommen werden kann. Und das führt natürlich dazu, dass Nachwuchsforscher/innen, die in "Visions of Community" durch ihre Schule gehen, sehr gute Chancen haben, auch international Fuß zu fassen.

Gingrich: Für die Weichenstellungen in der eigenen Karriere ist es auch entscheidend, an Forschungsthemen zu arbeiten, die kein Mauerblümchen-Dasein fristen, sondern zumindest in absehbarer Zeit internationales Potenzial enthalten. Auf "Visions of Community" trifft das meiner Meinung nach zu.


Zu den Personen:





Andre Gingrich leitet das Institut für Sozialanthropologie am Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie der ÖAW und ist Professor für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Seine Spezialgebiete sind der arabisch-islamische Nahe Osten, Nationalismus, komparative Methoden und die Wissenschaftsgeschichte der Anthropologie. Er erhielt den Wittgensteinpreis 2000, ist auch Mitglied der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften und seit 2008 Panel Chair im European Research Council.





Walter Pohl ist Direktor des Instituts für Mittealterforschung am Zentrum Mittelalterforschung der ÖAW und Professor für Geschichte des Mittelalters und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien. Sein zentrales Forschungsinteresse gilt den ethnischen Prozessen im Europa des vierten bis elften Jahrhunderts. 2004 wurde er mit dem Wittgensteinpreis ausgezeichnet. 2010 erhielt er einen ERC Advanced Grant, den wichtigsten europäischen Forschungspreis. Walter Pohl ist gemeinsam mit Andre Gingrich Sprecher des neuen FWF-Spezialforschungsbereichs "Visions of Community".

Kontakt:
Prof. Dr. Andre Gingrich
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
andre.gingrich@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Prof. Dr. Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
Zentrum Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 14, 1040 Wien
walter.pohl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/gema


März 2011