Biografien
Frauenleben
"Biografien sind die Wurzel und die Grundlage", sagt Lore Sexl von der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin der ÖAW. Anhand ihrer versucht die Physikerin bei Schülerinnen und Schülern die Neugierde für die Naturwissenschaften zu wecken. Besonderes Anliegen sind ihr die Frauen in den Naturwissenschaften. Lebensgeschichten davor zu bewahren, vergessen zu werden, ist einer der Ziele des ÖAW-Instituts Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation.

Als Lise Meitner im Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts bei Max Planck Physik hören wollte, durfte sie das nur mit seiner persönlichen Zustimmung. Denn Frauen waren damals in Deutschland als Studentinnen noch nicht zugelassen. Auch für ihre Arbeit mit Otto Hahn am Chemischen Institut der Universität Berlin durfte sie nur Hahns radioaktiven Versuchsraum, die so genannte "Holzwerkstatt", für ihre Arbeit benutzen. Dreißig Jahre sollten Otto Hahn und Lise Meitner zusammenarbeiten. Otto Hahn erhielt später einen Nobelpreis. Lise Meitner nicht - obwohl sie mehrfach dafür nominiert war. Nichtsdestotrotz gelang der 1878 in Wien geborenen und knapp 90 Jahre später in Cambridge verstorbenen Physikerin eine nicht nur für die damalige Zeit eine beeindruckende Karriere, deren Höhepunkt die Leitung der physikalisch-radioaktiven Abteilung am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem war.
Naturwissenschaftlerinnen als Role Models
"Will man bei den Schülerinnen und Schülern die Neugierde für die Naturwissenschaften wecken, sind Biografien die Wurzel und die Grundlage", ist Lore Sexl, Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin der ÖAW überzeugt. Dabei sind der Physikerin die Lebensgeschichten von Frauen in den Naturwissenschaften ein besonderes Anliegen. Denn sie fungieren als wichtige Role Models für Mädchen, denen durch sie eine naturwissenschaftliche Karriere als Option eröffnet werden kann. "Damals wie heute hatten es die Frauen schwerer als ihre männlichen Kollegen, sich in den 'harten' Naturwissenschaften wie Physik oder Chemie zu etablieren", betont Sexl. "Umso wichtiger ist es, besonders die Mädchen in diese Richtung zu fördern."
Auf Sexls Programm stehen Physikerinnen des auslaufenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie Lise Meitner oder Marietta Blau und Berta Karlik - Nachfolgerin von Stefan Meyer als Direktorin des Instituts für Radiumforschung in Wien und erstes weibliches Mitglied der ÖAW -, die Theoretikerin Maria Goeppert-Mayer (Nobelpreisträgerin für Physik 1963), Irene Joliot-Curie, eine geniale Chemikerin und Physikerin (Nobelpreis für Chemie 1935) sowie natürlich Marie Curie, Nobelpreisträgerin für Physik und Chemie. Ebenso wirft sie einen Blick auf hervorragende Naturwissenschaftlerinnen früherer Jahrhunderte wie die deutsche Astronomin Caroline Herschel oder die französische Physikerin, Mathematikerin und Philosophin Emilie du Chatelet, beide wichtige Forscherinnen des 18. Jahrhunderts.
Mit den Biografien will Sexl im Rahmen ihrer Schulprojekte nicht nur Role Models für Mädchen schaffen, sondern auch die Erforschung der Natur als lebendigen Prozess begreifbar machen. "Mit einer trockenen Formel an der Tafel, wird man die Neugier der Schülerinnen und Schüler kaum wecken können, erzählt man jedoch die Geschichte der Menschen, wie sie gelebt, geliebt und geforscht haben - ist sofort das Interesse da", weiß Sexl aus Erfahrung.
Eine Frage des fördernden Umfelds
Auf die Bedeutung der Lebensumstände - besonders für Frauen in den Naturwissenschaften - hinzuweisen ist Sexl ein besonderes Anliegen. So wurden die drei Physikerinnen Marietta Blau, Berta Karlik und Lise Meitner von ihrem Elternhaus wie ihrem wissenschaftlichen Umfeld sehr gefördert. Sexl: "Ihnen gemeinsam war ein intellektuell wie kulturell aufgeschlossenes Elternhaus und die persönliche Förderung und Fürsprache durch renommierte Physiker ihrer Zeit wie Max Planck oder Albert Einstein." Andere - wie die Astronomin Karoline Herschel - mussten darum kämpfen überhaupt Lesen und Schreiben zu lernen. Diese Differenzen arbeitet Lore Sexl in ihren Schulprojekten gezielt heraus: "So vergleiche ich beispielsweise mit den Schülerinnen und Schülern die Biografien von Caroline Herschel und Emilie du Chatelet, die ja aus einem sehr privilegierten Umfeld stammte."
Dabei setzt die Physikerin auf einen fächerübergreifenden Zugang, der alle Sinne ansprechen soll. In ihrem aktuellen Projekt "100 Jahre Institut für Radiumforschung in Wien - Geschichte der Radioaktivität 1898-1938" erarbeitet Sexl mit Schülerinnen und Schülern des Akademischen Gymnasiums in Wien eine Ausstellung, für die Kurzbiografien erstellt, Briefe von Ernest Rutherford aus dem Englischen oder Marie Curie aus dem Französischen übersetzt und diskutiert sowie Porträts der Forscherinnen und Forscher gemalt werden.

Vor der Vergessenheit bewahren
Lise Meitner oder Marie Curie, Karoline Herschel oder Emilie du Chatelet haben es als Forscherinnen zu Ansehen und Ruhm gebracht und sind mittlerweile Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden. Am Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW suchen die Forscherinnen und Forscher nach Lebensspuren, die drohen in der Vergessenheit zu versinken.
So erforscht die Medizinhistorikerin Daniela Angetter anhand von Biografien den Wissenstransfer auf den Gebieten der Medizin und Pharmazie zwischen Lemberg und den Kronländern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zwischen 1784 und 1918. Eine der Biografien erzählt die bewegte und bewegende Lebensgeschichte der bisher völlig unbekannten Medizinerin Theodosia Tuna-Nadraga (1893-1976), die nicht nur als erste Frau Mitglied der Ukrainischen Ärztlichen Gesellschaft werden durfte, sondern auch die erste Kinderärztin in Galizien war. Ihr Lebensweg war geprägt von schwerer Krankheit - sie erkrankte im Zuge ihrer Arbeit als Militärärztin in der ukrainischen Armee an Typhus - und politischer Verfolgung - sie wurde 1947 mit ihrer Familie aus politischen Gründen nach Sibirien deportiert und durfte erst 1959 in die Ukraine zurückkehren. Die endgültige Rehabilitation ihrer Familie erfolgte erst nach ihrem Tod mit dem Zerfall der Sowjetunion.
"Wir wollen gerade jene Personen erforschen, die nicht im allgemeinen Blickpunkt des Interesses standen und daher nicht zu den ganz großen und bekannten Vertretern ihres Faches zählten, sondern in oftmals bescheidenem Umfeld oder sogar unter schwierigsten Bedingungen bedeutende oder nachhaltige Leistungen vollbracht haben", unterstreicht Angetter das erklärte Ziel des Projekts.
Dass "jene Personen" trotz hervorragender Leistungen gerade in den Naturwissenschaften oft die Frauen sind, zeigt ein kurzer Blick auf die Statistik. Von den insgesamt 188 Nobelpreisträgern und -trägerinnen für Physik sind gerade einmal zwei Frauen. "Dass 1957 der Nobelpreis für Physik nicht an Lee, Yang und Chien-Shiung Wu ('Madame Wu') gemeinsam verliehen wurde, ist eigentlich ein Skandal", so Sexl. Nicht viel besser sieht es mit vier Frauen von insgesamt 159 Laureaten in der Chemie aus. Unter den 196 Nobelpreisträger(inne)n für Medizin und Physiologie befinden sich zehn Frauen. Stand: 2010.
- Drei Frauenleben: die Physikerinnen Marietta Blau, Berta Karlik und Lise Meitner [PDF]
- 100. Geburtstag des Instituts für Radiumforschung
Kontakt:
Dr. Lore Sexl
Kommission für Geschichte der
Naturwissenschaften, Mathematik und Medizin
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 51581-2450
lore.sexl@assoc.oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kgnmm
Dr. Daniela Angetter
Institut Österreichisches Biographisches Lexikon
und biographische Dokumentation
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Kegelgasse 27/2, 1030 Wien
T +43 51581-2609
daniela.angetter@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/oebl
Jänner 2011

