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Biografien

Exil-Österreicher im Widerstand


Knapp vor Ende des Zweiten Weltkriegs sprangen acht Männer per Fallschirm über der Obersteiermark ab. Jahre zuvor hatten sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vor dem Nationalsozialismus ins Exil flüchten müssen. Nun kehrten sie als britische Agenten zurück. Am Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW haben Elisabeth Lebensaft und Christoph Mentschl ihren Schicksalen nachgespürt.

"Are you prepared to do a dangerous job?" Mit der Bejahung dieser Frage wurde Anton Walter Freud zum Agenten des britischen Geheimdienstes Special Operations Executive, kurz SOE. Nach hartem physischen Training und einer Ausbildung in Fallschirmspringen war er für seine erste Mission bereit. Er sollte im April 1945 gemeinsam mit sieben weiteren Männern über der Obersteiermark abspringen. Sein Auftrag: Die Sicherung des Flughafens Zeltweg.

Anton Walter Freud war kein gewöhnlicher britischer Agent. Er war nicht nur der Enkel des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sondern einer von mehreren Flüchtlingen aus dem Dritten Reich, die vom britischen Geheimdienst SOE angeworben wurden. Die SOE war ein 1940 von Winston Churchill installierter Geheimdienst, der unter dem Motto "sabotage and subversion" lokal den Widerstand in den von Deutschland und seinen Bündnispartnern besetzten Ländern unterstützen sollte.

Die Flucht

Freud war gerade 17 Jahre alt, als er seine Heimat Österreich nach dem "Anschluss" verlassen musste. "Wie viele andere österreichische Juden traf ihn der Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 in Wien unvorbereitet - mit dem anwachsenden Antisemitismus war er zuvor, wie er uns selbst in einem Interview bekräftigte, weder in der Schule noch in seinem sonstigen sozialen Umfeld konfrontiert worden", sagt Christoph Mentschl, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW. Der Historiker und Exilforscher hat sich gemeinsam mit Elisabeth Lebensaft, ehemalige stellvertretende Direktorin des Instituts, auf Spurensuche nach den acht Männern jenes Einsatzes in der Obersteiermark begeben. Ihre Ergebnisse sind unter dem Titel "'Are you prepared to do a dangerous job?' Auf den Spuren österreichischer und deutscher Exilanten im britischen Geheimdienst SOE" im Verlag der ÖAW erschienen.

Internierung, Hilfsdienst und Anwerbung

Das Schicksal des jungen Freud ist einzigartig wie beispielhaft. Mit einem von seinem berühmten Großvater besorgten Visum konnte er nach Großbritannien fliehen. Dort wurde er im Sommer 1940 als "enemy alien" verhaftet, per Schiff nach Australien deportiert und im Outback interniert. "Wie die Internierungen und Deportationen zeigen, waren die Flüchtlinge also auch in ihrem Aufnahmeland vor Diskriminierungen nicht gefeit", betont Mentschl. Um nach Großbritannien zurückkehren zu können, meldete Freud sich zum Auxiliary Military Pioneer Corps. Das unbewaffnete Pioneer Corps hatte vor allem infrastrukturelle Aufgaben und war die einzige Einheit, die Flüchtlingen vorerst offenstand.

Anfang 1943 änderte sich für Anton Walter Freud mit der Anwerbung für die SOE alles. Mentschl: "Die Phase des aktiven Widerstands gegen das nationalsozialistische Deutschland begann."

Der Einsatz

Für Operationen vor Ort wurden bevorzugt Flüchtlinge aus den jeweiligen Zielländern eingesetzt. "Die SOE ging davon aus, dass diese sich aufgrund ihrer Beherrschung der Sprache und ihrer Landeskenntnisse unauffälliger in ihren Einsatzgebieten bewegen könnten", erklärt Elisabeth Lebensaft.

Freuds Aufgabe war es, den strategisch wichtigen Flughafen Zeltweg vor einer etwaigen Zerstörung durch die Deutschen zu schützen, aber auch dafür zu sorgen, dass er nicht von der Roten Armee, also den eigenen Verbündeten besetzt wird. "Zeltweg war nicht nur als Nachschubbasis für die Briten, sondern auch im Zusammenhang mit dem Kriegsgefangenenlager in Wolfsberg von Bedeutung, das man von dort aus leichter zu evakuieren hoffte", ergänzt Lebensaft.

Die Mission glückte nur bedingt. Lebensaft: "Aufgrund eines Pilotenfehlers landete er weit abseits der anderen, musste sich ohne Ortskenntnis durch winterlich unwegsames, gebirgiges Terrain durchschlagen und einige Tage versteckt halten." Anfang Mai gelangte Freud endlich zum Flugplatz Zeltweg, wo er den Kommandanten beherzt zur Übergabe aufforderte. Dieser schickte Freud - laut Lebensaft und Mentschl wohl um die Verantwortung los zu werden - mit einer Eskorte in das Hauptquartier von Generaloberst Rendulic, die ihn unterwegs einfach den bereits in Steyr eingetroffenen Amerikanern übergab. Am 8. Mai 1945 war Freud wieder in London.

Die Suche nach Kriegsverbrechern

Nach Ende des Krieges leisteten die jüdischen Flüchtlinge in der britischen Armee einen wichtigen Beitrag bei der Jagd nach Kriegsverbrechern im Nachkriegsdeutschland und -österreich. "Von ihnen wurde eine besondere Motivation für diese schwierige und belastende Aufgabe erwartet, hatten doch viele von ihnen Verwandte und Freunde in der Shoah verloren", hebt Lebensaft hervor. So gelang es Anton Walter Freud unter anderem, die Verantwortlichen der Hamburger Firma "Tesch & Stabenow", die Auschwitz-Birkenau und andere Vernichtungslager der Nationalsozialisten mit dem für den Massenmord an den Insassen verwendeten Giftgas Zyklon B versorgte, dingfest zu machen und eine Verurteilung zu ermöglichen.

Exilanten im Widerstand - eine unbeachtete Geschichte

Dass die Geschichte der acht Exilanten im britischen Geheimdienst dem Vergessen entrissen werden konnte, verdankt sie einem Fund, den die Autoren bei Recherchen im Public Record Office in Kew, London - heute The National Archives - gemacht haben: "Wir entdeckten zwei Berichte über den Einsatz, die uns sofort fasziniert haben".

Zwei Berichte, die eine bis dahin weitgehend unbekannte wie unbeachtete Geschichte erzählten: "Wir wollten mit unserer Arbeit nicht nur acht Persönlichkeiten aus der Vergessenheit holen, sondern auch zeigen, dass das von der nationalsozialistischen Propaganda geschürte und bis weit in die Zweite Republik latent vorhandene Vorurteil, die Exilanten hätten in sicherer Entfernung abgewartet, zu Unrecht bestand", unterstreichen Lebensaft und Mentschl. "Sie waren bereit, zum Kampf gegen den Nationalsozialismus ihren persönlichen Beitrag auch unter Inkaufnahme großer Gefährdung zu leisten. Ihr Einsatz, wie der vieler anderer vom Nationalsozialismus Vertriebenen, fand nach dem Krieg keine Würdigung durch das offizielle Österreich."





Elisabeth Lebensaft - Christoph Mentschl
"Are you prepared to do a dangerous job?"
Auf den Spuren österreichischer und deutscher Exilanten im britischen Geheimdienst SOE
2010, 296 Seiten, zahlr. SW-Abb., broschiert, EUR 25,90
ISBN 978-3-7001-6964-2


Kontakt:

Mag. Christoph Mentschl
Institut Österreichisches Biographisches Lexikon
und biographische Dokumentation
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Kegelgasse 27/2, 1030 Wien
T +43 51581-2604
christoph.mentschl@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/oebl


Jänner 2011