Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Biografien

Schicksale jüdischer Ärzte in Wien


Demütigung, Berufsverbot, erzwungene Mittäterschaft - das Schicksal während des Dritten Reiches in Wien verbliebener jüdischer Ärzte aufzuarbeiten ist Ziel eines Projekts am Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW.

Das Sanatorium Fürth in der Josefstädter Schmidgasse war vor allem für seine Geburtshilfestation international bekannt. Nach dem "Anschluss" 1938 wurde es arisiert. Der Besitzer Lothar Fürth und seine Frau Susanne wurden öffentlich zum Aufwaschen des Straßenpflasters vor dem Sanatorium gezwungen. Am darauffolgenden Tag nahmen sie sich das Leben.

Ein Schicksal, das auch andere teilten. 1938 verloren die jüdischen Ärzte in Wien ihre Kassenverträge. Wohnungen und Ordinationen wurden beschlagnahmt, private Sanatorien und Heilanstalten arisiert. Nur einer Handvoll der Ärzte war es gestattet, als so genannte "Krankenbehandler", Fach- oder Zahnbehandler zur medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung weiter zu praktizieren.

"Der Ärztestand sowie die medizinische Versorgung der Bevölkerung wurden nach dem Anschluss völlig umstrukturiert", sagt Daniela Angetter vom Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW. Die Medizinhistorikerin leitet ein Projekt, welches das Schicksal jener jüdischen Ärzte aufarbeiten will, die während des Dritten Reiches in Wien verblieben sind.

Von diesen "Umstrukturierungen" betroffen waren praktizierende Ärzte ebenso wie die medizinische Forschung: Auch an der medizinischen Fakultät der Universität Wien wurden die jüdischen Professoren, Dozenten und Ärzte entlassen. "Forscher von Weltrang, aber auch der medizinische Nachwuchs gingen der Wiener Medizin mit einem Schlag verloren", so Angetter.

Wichtigstes Auffangbecken für viele aus ihrer Position entfernten Ärzte wie für den medizinischen Nachwuchs war zumindest zu Beginn das renommierte Rotschild-Spital am Währinger Gürtel, welches von der Israelitischen Kultusgemeinde betrieben wurde. Das Rothschild-Spital war eines der modernsten Spitäler seiner Zeit. Heute prominenter Leiter der Neurologie war von 1940 bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Jahr 1942 der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, Viktor Frankl.

Im Oktober 1942, als die jüdische Bevölkerung durch die Deportationen bereits stark dezimiert war, musste das Spital jedoch in den 2. Bezirk umsiedeln und wurde zum "Notspital" - im weiteren Verlauf zunehmend für nach Wien als Zwangsarbeiter verschleppte Juden, die an Mangelerscheinungen und den Folgen von Misshandlungen litten. "Die ärztliche Tätigkeit in dieser und ähnlicher Versorgungseinrichtungen vollzog sich unter dem Terror der SA, die Razzien unter Patienten und Besuchern durchführte", beschreibt Angetter die Arbeitsbedingungen der Ärzte.

Im Zuge der Massendeportationen wurden nach und nach die Einrichtungen zur medizinischen Versorgung der jüdischen Bevölkerung geschlossen. Die noch praktizierenden jüdischen Ärzte gerieten selbst in die Vernichtungsmaschinerie oder wurden gezwungen, zu Mittätern zu werden. "Jüdische Ärzte wurden direkt bei den Massendeportationen eingesetzt, beispielsweise als Gutachter in den Sammellagern, um die Transportfähigkeit der Internierten zu prüfen", erläutert Angetter.

"Angesichts dieser Bedingungen kann nicht genug betont werden, dass Ärzte nichtsdestoweniger versucht haben, sich den diskriminierenden Vorschriften und der Ausgrenzung zu widersetzen", unterstreicht Angetter. Einige Ärzte setzten ihre Praxis illegal fort beziehungsweise verstießen gegen die für sie geltenden Vorschriften. Ärzte des Rothschild-Spitals nahmen Menschen in die Spitalspflege auf, um sie der drohenden Deportation zu entziehen. Viktor Frankl erstellte falsche Diagnosen, um Patienten vor dem nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programm zu bewahren. Paul Klaar, Chefarzt der Sammellager Sperlgasse und Malzgasse, versuchte durch gefälschte Gutachten Menschen vor der Deportation zu retten. Wie Viktor Frankl wurde er später nach Theresienstadt deportiert. Andere Ärzte wie Ernst Pick behandelten so genannte U-Boote, also untergetauchte Juden.

Bereits über 2600 - größtenteils bisher unbekannte - Namen umfasst die bisherige Liste jüdischer Ärzte in Wien, die auch schon in die Datenbank des Österreichischen Biographischen Lexikons (ÖBL) eingepflegt wurde. "Bei der Ausschaltung der jüdischen Ärzteschaft handelte es sich um ein folgenschweres Zerstörungswerk an der Wiener Medizin - wir wollen mit unserer Arbeit dokumentieren, unter welchen schwierigen, unmenschlichen und teils unwürdigen Bedingungen die Mediziner hier leben und arbeiten mussten", betont Angetter.

Das Projekt "Das Schicksal der in Wien verbliebenen jüdischen Ärzte 1938-1945 und die Versorgung ihrer jüdischen Patienten" startete 2009 und soll bis 2012 abgeschlossen sein.



Kontakt:
Dr. Daniela Angetter
Institut Österreichisches Biographisches Lexikon
und biographische Dokumentation
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Kegelgasse 27/2, 1030 Wien
T +43 51581-2609
daniela.angetter@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/oebl


Jänner 2011