Biografien
Interview mit Ernst Bruckmüller
"Es sind immer Menschen, die die Geschichte machen", sagt Ernst Bruckmüller, Direktor des Instituts Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation der ÖAW. Hauptaufgabe des Instituts ist die Herausgabe des Österreichischen Biographischen Lexikons (ÖBL). Im Gespräch mit Martina Gröschl gibt der Historiker einen Einblick in die Arbeit am ÖBL und erklärt, warum es sich von anderen biographischen Lexika unterscheidet.
Vor über 50 Jahren ist der erste Band des Österreichischen Biographischen Lexikons (ÖBL) erschienen. Mittlerweile enthält es fast 18.000 Biografien. Wie wählen Sie die Personen für das Lexikon aus?
Bruckmüller: Unser Lexikon enthält in der ersten Auflage Biografien von Menschen, die im 19. Jahrhundert - beginnend mit 1815 nach dem Wiener Kongress - und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im jeweiligen österreichischen Staatsverband gelebt und gewirkt haben. Dabei versucht das Lexikon ein möglichst breites Spektrum an Lebenswelten abzudecken. Wir bilden die "großen Namen" aus Wirtschaft, Politik, Technik, Wissenschaft und Kultur ebenso ab, wie jene Personen aus der "zweiten" manchmal auch "dritten Garnitur", die nicht so prominent sind, aber für die Entwicklung trotzdem sehr wichtig waren.
Sie versuchen also, das Umfeld hinter den prominenten Persönlichkeiten mitzuerfassen?
Bruckmüller: Genau - wir nehmen nicht nur die absoluten Spitzenleute in unser Lexikon auf, sondern auch die Mitglieder der jeweiligen Funktionselite. Hinter Beethoven stehen zum Beispiel die modernen Klaviere seiner Zeit, also ebenso die Familie Streicher, die diese Klaviere entwickelt und gebaut hat. Das ist der große Unterschied zwischen unserem Lexikon und anderen biografischen Lexika. Bei uns finden Sie Personen, die sonst nirgendwo vorkommen.
18.000 Biografien können viel über die Vergangenheit erzählen. Wie sehen Sie die Bedeutung von Biografien für die Erforschung der Geschichte?
Bruckmüller: Die Bedeutung ist sehr groß. Gleichgültig, welche Theorie in der Geschichtswissenschaft gerade vorherrscht, ob es eine strukturalistische, oder eine personalistische ist - es sind immer Menschen, die die Geschichte machen, indem sie sich mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, innovativ oder weniger innovativ sind. Es ist nie so, dass alles die Umwelt oder alles die geniale Person diktiert, aber die Person darf nie verschwinden, der Mensch ist immer das handelnde Element in der Geschichte. Eine biografiefreie Geschichte gibt es nicht.
In rund zehn Jahren wird die erste Auflage des ÖBL abgeschlossen sein. Parallel dazu startet das ÖBL bereits jetzt in seine zweite Auflage...
Bruckmüller: Die erste Auflage des ÖBL startete in den 1950er Jahren und es wurde - was aus damaliger Sicht durchaus vernünftig war - festgelegt, dass nur Personen ins Lexikon aufgenommen werden, die bis 1950 gestorben sind. Das heißt Karl Renner, der am 31. Dezember 1950 gestorben ist, ist angeführt, wäre er nur einen Tag später gestorben, wäre er das nicht mehr. Damit konnten wir aber nicht einmal die Politiker der Ersten Republik abdecken: Kurt Schuschnigg ist beispielsweise nicht zu finden. Mit der zweiten Auflage wollen wir bis 2005 aufschließen, also zeitlich näher an die Gegenwart rücken.
Außerdem müssen die bisherigen Bände überarbeitet und ergänzt werden. Das ist vor allem beim ersten Band notwendig, da er noch mit einer anderen Intention gestaltet wurde - mit mehr Einträgen, aber dafür weniger ausführlich.
Zu guter Letzt ist das Publikationsmedium der Wahl heute ein anderes als vor 50 Jahren: Die zweite Auflage erscheint voll digitalisiert nur mehr im Internet.
Das ÖBL ist ein reines Textlexikon. Ist in der zweiten Auflage auch angedacht, die Biografien durch Bilder zu ergänzen?
Bruckmüller: Bei unseren Biografien gibt es zahlreiche Überschneidungen mit Beständen aus dem Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Wir planen hier einen Datenabgleich mit dem Ziel, kongruente Bestände gegenseitig zu verlinken und somit einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Das Kaisertum Österreich bzw. danach die Österreichisch-Ungarische Monarchie umfasste ein gewaltiges Territorium. Wie recherchieren Sie die Biografien außerhalb des heutigen Österreichs?
Bruckmüller: Wir haben ein breites Netz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im gesamten ehemaligen Staatsgebiet der Habsburgermonarchie. Unsere Autorinnen und Autoren kommen unter anderem aus Polen, der Ukraine, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Italien, der Slowakei und Tschechien. Die besondere Herausforderung ist hier, dass die Beiträge in der Regel übersetzt werden müssen. Die wenigsten Übersetzer sind jedoch gleichzeitig Historiker und wissen schon gar nicht, wie die Termini technici der jeweiligen Bereiche - beispielsweise der altösterreichischen Rechtssprache - lauten. Das führt immer wieder zu falschen bzw. missverständlichen Formulierungen, welche von unserer Redaktion hier in Wien ausgefiltert und korrigiert werden.
Arbeiten Sie auch mit anderen biografischen Lexika zusammen?
Bruckmüller: Seit 2009 ist das Biographie-Portal online, basierend auf einer internationalen Kooperation des ÖBL mit dem Historischen Lexikon der Schweiz, der Neuen Deutschen Biographie und der Bayrischen Staatsbibliothek. Das Portal befindet sich in einem lebhaften Prozess der Ausweitung: 2011 werden neben regionalen deutschen Lexika auch das Slowenische Biographische Lexikon sowie das Biographisch portaal von Nederland dazukommen. Auch Italien hat sein Interesse angemeldet. Das Portal ist also auf dem besten Weg ein wahrhaft europäisches zu werden - was ja von Anfang an die Intention war.
Für das ÖBL ist natürlich Slowenien besonders interessant, weil es bis 1918 praktisch zur Gänze im damaligen österreichischen Staatsgebiet lag. Und umgekehrt - vieles von dem, was wir gemacht haben, ist auch für die slowenischen Kollegen von hohem Interesse. Abgesehen davon wurde der "Urvater" der österreichischen Biografik, Constantin von Wurzbach, auf dessen Arbeit auch das ÖBL aufbaut, in Laibach (Ljubljana) geboren.

Zur Person:
Ernst Bruckmüller (geb. 1945) habilitierte 1976 für das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 1977 wurde er zum außerordentlichen Universitätsprofessor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien ernannt, 2000 zum ordentlichen Universitätsprofessor. 2003 wurde der Historiker zum korrespondierenden, 2006 zum wirklichen Mitglied der ÖAW gewählt. Bruckmüller ist Vorstand des Instituts für Geschichte des ländlichen Raumes in St. Pölten und seit 2009 geschäftsführender Direktor des Instituts Österreichisches Biographisches Lexikon der ÖAW. Seine Forschungsgebiete umfassen Sozialgeschichte, Agrargeschichte, Geschichte des Bürgertums sowie historische Biographik.
Kontakt:
Prof. Dr. Ernst Bruckmüller
Institut Österreichisches Biographisches Lexikon
und biographische Dokumentation
Zentrum Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Kegelgasse 27/2, 1030 Wien
T +43 1 51581-2602
ernst.bruckmueller@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/oebl
Jänner 2011

