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„Nach Schwarz kommt keine andere Farbe“

Barzan Tal, Nord-Irak. Ca. 800 männliche Angehörige des Barzan-Stammes wurden im Zuge von „Anfal“ verschleppt, die meisten von ihnen ermordet.

Wiener Sozialanthropologin erkundet Erinnerungsformen in der kurdischen Gesellschaft

Das    kurdische    Sprichwort „Nach     Schwarz     kommt     keine     andere Farbe“,  wobei  hier  die  Farbe  Schwarz  mit Unglück gleichgesetzt wird, veranschaulicht die      Themen,      zu      denen      Maria      Six-Hohenbalken     vom     Institut     für     Sozialanthropologie    der Österreichischen    Akademie  der  Wissenschaften  forscht.  Die  vom Wissenschaftsfonds    FWF    ausgezeichnete Elise    Richer-Stipendiatin    untersucht,    wie die traumatischen Ereignisse der jüngeren kurdischen Geschichte von der kurdischen Bevölkerung erinnert werden.     

Vor 25 Jahren, am 16. März 1988, wurde die im Nord-Irak gelegene kurdische Stadt Halabja mit Giftgas bombardiert. 5000 Personen starben sofort, 7 000 wurden schwer verletzt und leiden heute noch an den Spätfolgen. Ein Großteil der Opfer waren ZivilistInnen, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Der Giftgasangriff war Teil des Vernichtungsfeldzuges, der unter dem Codenamen „Anfal“ (wörtlich „Beute“) von Saddam Husseins‘ Baath Regime zwischen 1988 bis 1989 gegen die Kurden im Nord-Irak und gegen Schiiten im Süden geführt wurde.

Die Operation „Anfal“ bedeutete Massenhinrichtungen, Deportationen, das Verschwindenlassen von Personen, die Zerstörung von über 4000 Dörfern und die Vernichtung der Lebensbedingungen. Internationale Experten schätzen, dass über 180 000 Personen im Zuge von „Anfal“ ermordet wurden.

Die boomende Stadt Erbil im Nord-Irak.

Heute ist die Autonome Region Kurdistan, in der Six-Hohenbalken forscht, eine prosperierende und relativ sichere Region im gewalt und krisengeschüttelten Irak. Die kurdische Regionalregierung hat im letzten Jahrzehnt begonnen staatliche Strukturen zu etablieren, die Infrastruktur (Grundversorgung, Gesundheitswesen, Bildungswesen) und die Wirtschaft neu aufzubauen. „Anfal“ ist jedoch für die Kurden im Irak nicht Geschichte, sondern die Erinnerungen der Menschen an diese Vernichtungsfeldzüge prägen das gesellschaftliche Leben bis heute.

In den nächsten drei Jahren wird Maria Six-Hohenbalken als Elise-Richter-Stelleninhaberin im Rahmen ihres Forschungsvorhabens „Memoryscapes of multiple modernities“ über Erinnerungen an Verbrechen gegen die Menschheit in kurdischen Gesellschaften arbeiten. In dem Forschungsprojekt werden Erinnerungsprozesse in der kurdischen „Transnation“, das heißt: in den unterschiedlichen Nationalstaaten in denen Kurden leben, wie auch in der Diaspora untersucht. Im letzten Jahrhundert war die kurdische Gesellschaft geprägt von genozidalen und ethnozidalen Prozessen, Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen sowie die Leugnung ihrer ethnischen Identität und ihrer nationalen Bestrebungen in all den Nationalstaaten in denen sie heute leben. Kriege, Deportationen und Verfolgung sind Teil der sozialen Erinnerung den kurdischen Gemeinschaften und sind Bezugspunkte für das Selbstverständnis, für Identitätsprozesse und Zugehörigkeiten. Archivstudien sollen neue Dokumente zu diesen Menschenrechtsverletzungen zu Tage bringen und im Zuge von Feldforschungen wird untersucht, wie Menschen mit offizieller  Verleugnungspolitik dieser Verbrechen fertig geworden sind, welche Bewältigungsstrategien sie entwickelt haben und wie sie ihre individuellen Erfahrungen vermitteln können. Hierbei wird besonders auf die Bedeutung von Neue Medien für die Entstehung von kollektiven Erinnerungen und somit von „Erinnerungslandschaften“ in der globalen kurdischen Gemeinschaft fokussiert.

Die kurdische Diaspora in Österreich und eine „vergessene“ österreichische
Forschungstradition

Moschee in Amedia, Kurdistan, Irak, erbaut vom Emir von Bahdinan im 15. Jahrhundert.

Seit 1975 ist Österreich ein Zielland von flüchtenden KurdInnen aus den unterschiedlichen Herkunftsstaaten. Schätzungen zufolge sind es über 60.000 Personen und ihre Nachfolgegeneration, die in Wien und in anderen österreichischen Großstädten diasporische Organisationen mit weit verzweigten kulturellen und politischen Netzwerken aufgebaut haben. Aber nicht erst seit den 1970er Jahren sind Kurden und „Kurdistan“ in Österreich ein Begriff. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren die kurdischen Siedlungsgebiete Ziel von Expeditionen und zahlreichen Forschungsreisen aus Österreich. Maria Six-Hohenbalken hat sich den damaligen breitgefächerten Forschungsinteressen im Rahmen eines von der ÖAW und der Stadt Wien (MA 7) finanzierten Projekts „Hidden Histories: Wiener Beiträge zur Kurdologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ gewidmet, die von ethnographischen und linguistischen über archäologische, geographische und botanische Untersuchungen reichten. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges kamen diese Forschungen jedoch zu einem jähen Ende und wurden danach auch kaum publik. Die von Six-Hohenbalken betriebene Zusammenstellung dieser „vergessenen“ Forschungsarbeiten bzw. eine Veröffentlichung deren Ergebnisse sind nicht alleine für die Wissenschaft, sondern auch für die KurdInnen, die heute in Österreich und in den kurdischen Gebieten leben, von besonderem Interesse.

Fotos: Dr. Maria Six-Hohenbalken. Die Fotos können gerne in Berichten unter Angabe des Copyrights verwendet werden.

Kontakt:
Dr. Maria Six-Hohenbalken
Institut für Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien
Tel.: (+43 1) 51581 /6463
Mail: Maria.Six-Hohenbalken@oeaw.ac.at
Web: http://www.oeaw.ac.at/sozant

Dr. Martin Slama
Institut für Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Apostelgasse 23, 1030 Wien
Tel.: (+43 1) 51581 /6464
Mail: Martin.Slama@oeaw.ac.at
Web: http://www.oeaw.ac.at/sozant