Billroth & Co: Kein Platz für Frauen und Juden
Brüche in der Wissenschaftskultur der Medizinischen Fakultät Universität Wien / Neues Buch im Verlag der ÖAW
Die Wirtschaftskrise nach dem Börsenkrach von 1873 konfrontierte auch die renommierte Wiener Medizinische Schule mit rigorosen Einsparungen und ansteigendem Leistungsdruck. Sie versuchte ihr wissenschaftliches Niveau durch eine Konzentration auf eine "deutsche" Elite zu halten, die im Medizinstudium und bei Berufungen gegenüber anderen Ethnien der Habsburgermonarchie bevorzugt wurde. Interkulturalität wurde nicht mehr als intellektuelles Kapital genützt.
Diese These vertritt Felicitas Seebacher in ihrem neuen Buch "Das Fremde im 'deutschen' Tempel der Wissenschaften", das soeben im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschienen ist.
Den "Tempel der Wissenschaften", wie die Wiener Medizinische Fakultät genannt wurde, festigten strenge Hierarchien und patriarchalische Strukturen. Als Mitglieder von deutschnationalen akademischen Vereinen und Burschenschaften bezogen Professoren ihre Studenten in Machtkonflikte mit ein. Ostjüdische Medizinstudenten wurden mit Angriffen konfrontiert. In ihrem Streben nach sozialer Mobilität und höherer Bildung erschienen sie als bedrohliche Konkurrenz. Fremd sein wurde negativ kodiert. Die Reaktionen auf die Inhalte des Buches "Lehren und Lernen an den Universitäten Deutscher Nation", verfasst von Theodor Billroth, Professor für Chirurgie, lösten die ersten antisemitischen Ausschreitungen an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien aus. Entgegnungen und Protestaktionen wurden zu wenig ernst genommen. So konnte die "jüdische" Poliklinik ungehindert zur Projektionsfläche der Konkurrenz- und Existenzängste des gebildeten Bürgertums werden.
Als Frauen ihr Recht auf ein Medizinstudium einforderten, wehrte es die Medizinische Fakultät mit biologistischer Rhetorik ab. Der Eintritt in einen sakralen Raum, den "Tempel der Wissenschaften", wie Joseph Späth, Professor für Gynäkologie und 1872 Rektor der Universität Wien, seine Institution bezeichnete, wurde bewusst verhindert.
Doch der Versuch einer naturwissenschaftlichen Kategorisierung der Geschlechter und Ethnien misslang. Im Fin de Siècle enttarnten Wissenschaft und Kunst eine konservative Haltung gegenüber Juden und Frauen als Scheinwelt. So stellte Gustav Klimt im Fakultätsbild "Medizin" die Wissenschaft nicht "in ihrer lebensbeherrschenden Macht" dar, sondern "in ihrem ewig tragischen Kampf mit dem Leben" (Helmut Rumpler).
Im Judentum entstand ein neues ethnisches Bewusstsein. Die beginnende soziale, intellektuelle und sexuelle Emanzipation der Frau führte 1900 zur Legalisierung des Medizinstudiums für Frauen.
Dieses Buch stellt die Frage, welche Ziele die Bildungs- und Wissenschaftspolitik in ökonomischen Krisen verfolgt und wie dadurch Veränderungsprozesse in der Wissenschaftskultur gesteuert werden können.
Präsentation:
23. Jänner 2012, 17:00 Uhr, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Theatersaal, Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
Podiumsdiskussion zum Thema mit Ernst Bruckmüller, Helmut Denk, Alexandra Kautzky-Willer, Sonja Puntscher-Riekmann, Wolfgang Schütz, Peter Weinhäupl
Moderation: Elke Ziegler
Weitere Informationen
Autorin:
Felicitas Seebacher ist Pädagogin und Historikerin in Klagenfurt
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:
Der Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist einer der führenden geisteswissenschaftlichen Verlage in Österreich mit jährlich 100 Neuerscheinungen.
Bibliographie:
Felicitas Seebacher
Das Fremde im "deutschen" Tempel der Wissenschaften
Brüche in der Wissenschaftskultur der
Medizinischen Fakultät der Universität Wien
2011, 456 Seiten, 22,5x15cm, broschiert, EUR 69,--
ISBN 978-3-7001-7058-7
Link zur Publikation (ÖAW-Verlag)
Kontakt:
Mag. Herwig Stöger
Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
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