Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Auf den Spuren Jan Sobieskis

Internationale Tagung in Krakau zum Türkengedächtnis   in Zentral- und Osteuropa



Die Grenzlage zum Osmanischen Reich und die damit verbundenen, in das kollektive Gedächtnis eingegangenen militärischen Konfrontationen haben in Zentral- und Osteuropa maßgeblich zur Konstruktion nationaler Identitäten beigetragen. Und auch heute noch lässt sich das Feindbild "Türke" jederzeit für politische Zwecke verwenden. Auf den Spuren des Polenkönigs Jan Sobieski, der als "Retter Wiens" bzw. des gesamten christlichen Abendlandes in die Geschichte eingegangen ist, findet vom 27. bis zum 29.September 2011 eine hochkarätige internationale Konferenz in der einstigen polnischen Residenzstadt Krakau statt. Die in Kooperation zwischen der Österreichischen und Polnischen Akademie der Wissenschaften an der Pädagogischen Universität Krakau veranstaltete Tagung untersucht die Instrumentalisierungen des Türkengedächtnisses und stellt zugleich den Abschluss eines dreijährigen, in Wien verankerten Forschungsprojekts dar.

Dass die zweitgrößte Stadt Polens als Konferenzort gewählt wurde, hat auch historische Gründe. Unter Jan III. Sobieski, der den Oberbefehl über das christliche Entsatzheer innehatte, konnte das belagerte Wien am 12. September 1683 von den Türken befreit und die osmanische Expansion Richtung Westen gestoppt werden. Seither wird der in Krakau beigesetzte König sowohl in Polen als auch in Österreich als "Retter Wiens" gefeiert und in Form von Denkmälern gewürdigt. "Da dieses Ereignis aber bereits mehr als 300 Jahre zurückliegt, kann sich niemand mehr daran erinnern, man muss daran erinnert werden", erklärt Johann Heiss vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der die Tagung in Krakau gemeinsam mit Johannes Feichtinger vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (ebenfalls ÖAW) organisiert. "Politische und religiöse Akteure rufen die Erinnerung daran ständig wach und verformen sie mit ihrer Rekonstruktion immer wieder neu. Der entscheidende Faktor ist dabei der gegenwärtige Nutzen von Erinnerung. Denn es wird meist nur das übernommen, was sich auch für heutige Zwecke verwenden lässt - sei es zur Abgrenzung nach außen oder zur Mobilisierung innerhalb der Gesellschaft", betonen Heiss und Feichtinger.

Die vom Wissenschaftlichen Zentrum der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Wien mitveranstaltete interdisziplinäre Tagung an der Pädagogischen Universität Krakau widmet sich der Frage, wie das Feindbild "Türke" in den unterschiedlichen Regionen Zentral- und Osteuropas zur Herausbildung bzw. Aufrechterhaltung von lokaler bzw. nationaler Identität eingesetzt wurde bzw. wird. Die Tagung diskutiert damit Abgrenzungsprozesse, die mit der Heroisierung eigener Heldentaten und der Herabsetzung und Dämonisierung der anderen Seite Hand in Hand gehen. Folgende Fragen stehen im Zentrum des wissenschaftlichen Vergleichs: Ist das Motiv von Sieg und Bedrohung in Ost- und Zentraleuropa gleichermaßen einsetzbar? Wie wirken historische Siege, aber auch Niederlagen identitätsstiftend? Inwiefern brachten die damals maßgeblichen gesellschaftlichen Akteure wie Kirche, Adel und Bürgertum unterschiedliche Erinnerungsformen hervor und wie wurden diese massenwirksam eingesetzt?

An der Konferenz nehmen SozialanthropologInnen, KulturwissenschaftlerInnen,(Kunst- und Kultur)HistorikerInnen, PolitikwissenschafterInnen, PhilosophInnen und SoziologInnen aus Österreich, Polen, Deutschland, Ungarn, Serbien und der Slowakei teil. Der renommierte österreichische Historiker und Kulturwissenschaftler Moritz Csáky wird zudem am 28. September 2011 sein soeben erschienenes Werk "Das Gedächtnis der Städte. Kulturelle Verflechtungen - Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa" vorstellen. Darin zeigt Csáky, dass "Fremden" - obwohl sie das wirtschaftliche, kulturelle und soziale Leben der europäischen Metropolen bereits im 19. Jahrhundert entscheidend beeinflussten - Skepsis und ähnliche Abwehrstrategien wie heute entgegengebracht wurden.

"Monumentales" Projekt an der ÖAW

Die Konferenz in Krakau ist gleichzeitig auch die Abschlussveranstaltung des seit 2009 laufenden interdisziplinären Forschungsprojekts "Shifting Memories - Manifest Monuments. Memories of the 'Turks' and Other 'Enemies'". Dieses dreijährige, vom österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierte Projekt ist an der ÖAW in Wien am Institut für Sozialanthropologie und am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte angesiedelt, wo es von Johann Heiss und Johannes Feichtinger geleitet wird. Zwischenergebnisse des Projekts wurden bereits letztes Jahr im Rahmen einer internationalen Tagung im steirischen Bad Radkersburg vorgestellt und diskutiert.

Im Zentrum des Forschungsvorhabens stehen so genannte "Türkendenkmäler". Ziel ist es, sowohl die politischen und gesellschaftlichen Machtkämpfe bei der Entstehung dieser Monumente freizulegen als auch deren Bedeutungswandel im Laufe der Zeit zu analysieren. Die damit einhergehende Konstruktion von Feind- und Selbstbildern lässt sich anhand der Türkendenkmäler besonders gut ablesen:"So wurde das 'Feindbild Türke' - den politischen Machtverhältnissen der jeweiligen Epoche entsprechend - symbolisch dazu verwendet, gegen unterschiedlichste Gegner mobil zu machen: Beim 100-jährigen Jubiläum des Entsatzes von Wien 1783 waren es beispielsweise die Aufklärer, gegen die gehetzt wurde. 1883 waren es Liberale und Konservative, die sich gegenseitig durch den Vergleich mit den Türken herabsetzten. Im Austrofaschismus wurden zum 250. Jahrestag Bolschewiken und Nationalsozialisten als aktuelle Bedrohung für den Staat gesehen. Bei den 'Türkenbefreiungsfeiern' von 1983 war wiederum der real existierende Sozialismus das erklärte Feindbild. Seit den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 sind es erneut die Türken als Muslime", erklärt Feichtinger.

Interaktive Webpage lädt zur Denkmalsuche ein

Die für das Projekt konzipierte Webpage www.tuerkengedaechtnis.oeaw.ac.at macht diese Prozesse sichtbar und will zu einer kritischen und konstruktiven Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Erbe anregen. "Im Moment beschränkt sich die interaktiv gestaltete Homepage noch auf Türkendenkmäler im Raum Wien. Eine Ausweitung des Projekts auf die Bundesländer Niederösterreich, Burgenland und die Steiermark sowie die östlichen Nachbarländer Ungarn, Polen, Slowakei, Slowenien u.a. ist bereits in Arbeit", gibt Heiss bekannt. Welche regionalen Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten sich dabei auftun, ist Gegenstand der diesjährigen Konferenz in Krakau.


Weitere Informationen zur Konferenz
Thema des Monates September 2011 "Kulturelles Erbe": Österreich und die Türken


Kontakt:
Dr. Johann Heiss
Projektleiter, Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6452
johann.heiss@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Mag. Dr. Johannes Feichtinger
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T +43 1 51581-3315
johannes.feichtinger@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt

MMag.a Marion Gollner
Public Relations, Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
T +43 1 51581-6468
marion.gollner@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant


Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
T +43 1 51581-1331, 1332, 1333, 1334
F +43 1 51581-1340
public.relations@oeaw.ac.at