Suche      Home      Kontakt      Sitemap      English

Ein etwas anderer Orientalismus

Internationales Symposion in Wien diskutiert Orient-Bilder in  Zentraleuropa



Wo beginnt der Orient bzw. wo endet Europa? Gibt es eine geografische Trennlinie oder werden Grenzen vielmehr in den Köpfen der Menschen gezogen? Diesen politisch hochaktuellen Fragen geht das Symposion "(Re)locating Orientalism between East and West" vom 3. bis 5. April 2011 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien auf den Grund. Die bisher kaum erforschten regionalen Ausprägungsformen des Orientalismus in Zentraleuropa dienen dafür als Ausgangspunkt.

Zwischen Furcht und Faszination prägte der Orient über Jahrhunderte hindurch die Vorstellungen über das kulturell "Andere" in Europa. Spätestens seit Edward Saids bahnbrechendem Werk "Orientalism" aus dem Jahr 1978 ist jedoch klar, dass diese Orient-Bilder wenig mit der Realität zu tun haben, sondern historisch gewachsene Konstrukte sind, die laut Said in erster Linie dazu dienten, den europäischen Kolonialismus zu stützen. Doch welche Rolle spielt der Orientalismus heute? "Während Said sich auf bestimmte westeuropäische Länder und deren Verhältnis zum Orient konzentrierte, widmet sich dieses Symposion dem Orientalismus in Zentraleuropa und stellt ihn in einen internationalen Zusammenhang. Dabei wird der 'etwas andere' Orientalismus dieser Region sichtbar", erklären Johann Heiss vom Institut für Sozialanthropologie und Johannes Feichtinger vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte (beide ÖAW) uni sono.

Von Grenzziehungen, Identitäten und Rassismen

Besonderes Augenmerk wird auf die geografische Verortung des Orients und die damit einhergehenden Grenzziehungen gelegt, wobei es den Veranstaltern vor allem um Prozesse der mentalen Grenzziehung geht. "Wie wird der Orient definiert? Wo beginnt er und weshalb verschiebt sich die Grenze je nach Standpunkt? Und wer soll Teil dieses Orients sein bzw. wer nicht? - Das sind die brennenden Fragen, die für Zentraleuropa mit seiner geografischen Nähe zum 'Orient', die oft als Grenze wahrgenommen wird, besonders relevant sind", betonen Heiss und Feichtinger. Sie weisen dabei auf die Widersprüchlichkeiten hin, die in Zentraleuropa und im Besonderen in Österreich anzutreffen sind. Darunter fallen strikte Abgrenzungsprozesse (der Orient als Bedrohung) ebenso wie die Aneignung von Wissen über den "orientalisierten" Anderen (der Orient als Herausforderung). Darüber hinaus spielte der Orientalismus bei zentraleuropäischen Identitätsstiftungsprozessen eine entscheidende Rolle.

In diesem Zusammenhang geht Andre Gingrich, Direktor des Instituts für Sozialanthropologie der ÖAW, der Frage nach, inwiefern sich der "Grenz-Orientalismus" Zentraleuropas von "klassischen" kolonialen Orientalismen unterscheidet bzw. wo es Überschneidungen gibt. Gingrich unterstreicht, dass - im Unterschied zum klassisch-kolonialen Orientalismus mit seinen Übersee-Bezügen - die spezifischeren Formen eines die Nähe und die Grenze thematisierenden "frontier orientalism" mitbestimmend waren für die Herausbildung regionaler Identitäten in Zentraleuropa und Österreich.

Der Orient in Literatur und Reiseberichten

Der Vergleich zwischen zentraleuropäischen und kolonialen Formen des Orientalismus wird vor allem durch Beiträge aus Indien bereichert. Gurpreet Mahajan von der Jawaharlal Nehru University in New Delhi gibt Aufschluss darüber, wie unterschiedlich die Vorstellungen in Großbritannien und Deutschland über das Indien der Kolonialära waren. Shaswati Mazumdar (University of Delhi) analysiert Orient-Bilder in den deutschsprachigen Ländern des 19. Jahrhunderts bezogen auf drei unterschiedliche Repräsentanten des Orients: Juden, Türken und Inder. Jyoti Sabharwal (ebenfalls University of Delhi) befasst sich mit der Exilliteratur des Autors und Kritikers Willy Haas, der sich mit den Unterschieden zwischen Orient und Okzident beschäftigte, um schließlich vor dem Nazi-Regime nach Bombay zu flüchten.

Wie unterschiedlich die Diskurse innerhalb Zentraleuropas sind, belegen die Beiträge von Margit Köves (University of Delhi) und Sarah Lemmen (Universität Wien). Köves untersucht - im Spannungsfeld der "orientalischen" Herkunft der Ungarn und ihrer Verortung in Europa - Darstellungen von Orient und Okzident in den Werken zeitgenössischer ungarischer Autoren. Lemmen hingegen fragt nach der Bedeutung eines "tschechischen Orientalismus" für den tschechischen Nationalismus der Zwischenkriegszeit und stützt sich dabei auf Berichte tschechischer Asien- und Afrikareisender.

"Occident and Orient Research Group"

Das Symposion "(Re)locating Orientalism between East and West" ist Teil einer Tagungsreihe der "Occident and Orient Research Group". Dieses innovative Forschungsnetzwerk umfasst das Department of Germanic and Romance Studies der University of Delhi, das Institute of Advanced Study and Center for Political Studies der Jawaharlal Nehru University, New Delhi, das Department of German Studies der University of Warwick (UK) sowie die ÖAW-Institute für Sozialanthropologie und für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. Österreichkoordinatoren des Netzwerkes sind Johannes Feichtinger und Johann Heiss.


Weitere Informationen zur Veranstaltung


Kontakt:
Dr. Johann Heiss
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6452
johann.heiss@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Mag. Dr. Johannes Feichtinger
Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte
Zentrum Kulturforschungen
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Postgasse 7-9/4/3, 1010 Wien
T +43 1 51581-3315
johannes.feichtinger@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/ikt

MMag.a Marion Gollner
Public Relations
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Apostelgasse 23, 1030 Wien
T +43 1 51581-6468
marion.gollner@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant


Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
T +43 1 51581-1218, 1219, 1229, 1235
F +43 1 51581-1227
public.relations@oeaw.ac.at