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10.09.2010

Auswirkungen der künftigen Alterung der Bevölkerung bisher überbewertet

Publikation in "Science"



Der politische Dialog im Hinblick auf die (Über-)Alterung der Bevölkerung und die damit verbundenen Belastungen der Sozialsysteme hat sich bisher auf irreführende Daten gestützt, die vor allem aus Informationen der Vereinten Nationen und verschiedener statistischer Ämter stammen. Diese basieren jedoch ausschließlich auf dem biologischen Lebensalter und deklarieren meist Menschen spätestens dann als alt, wenn sie das 65. Lebensjahr erreicht haben. Nicht berücksichtigt wurde dabei bisher die tatsächliche Erwerbsunfähigkeit in Beziehung zur steigenden Lebenserwartung. Das zeigt eine Studie von Warren Sanderson, Stony Brook University (USA) und Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg, und Sergei Scherbov, Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und IIASA, in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Science" (10.September 2010).

Die Fortschritte im Gesundheitswesen und der damit verbundenen höheren Lebenserwartung der Menschen, stellen Demografen vor Probleme, weil sich die Bedeutung des Lebensalters ändert. In Westeuropa haben zum Beispiel um 1800 weniger als 25 Prozent der Männer das 60. Lebensjahr erreicht; heute werden über 90 Prozent der Männer 60 Jahre alt. Heutzutage kann ein 60 Jahre alter Mann in Westeuropa ungefähr dieselbe Anzahl verbleibender Lebensjahre erwarten wie ein 43-jähriger Mann im Jahre 1800. Ein Mensch, der heute 60 Jahre alt ist, wird als Person mittleren Alters angesehen; im Jahre 1800 gehörten die 60-Jährigen bereits zur alten Bevölkerung. Ältere Menschen leiden heute unter weniger Einschränkungen als Menschen desselben Alters vor einigen Jahrzehnten, und es wurde sogar nachgewiesen, dass sich die Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit inzwischen verzögert hat. Die Medien haben diese Veränderungen ebenfalls wahrgenommen. Wir lesen jetzt häufig: "40 is the new 30". Diese Feststellung fordert die Demografen heraus, zu überdenken, wie Bevölkerungsalterung gemessen werden sollte.

Traditionell wird der "old-age dependency ratio" (= Altersabhängigkeitsquotient, OADR), der die Anzahl der Menschen über 65 Jahren mit der Anzahl der berufstätigen Menschen in Beziehung setzt, dazu benutzt, die finanzielle Belastung der Gesellschaft durch den Unterhalt der älteren Generationen zu definieren. Da der "old-age dependency ratio" kontinuierlich zugenommen hat, wurde und wird davon ausgegangen, dass dieser die Zunahme der Belastung der Pensionssysteme reflektiert. Diese Schlussfolgerung ist inzwischen allerdings veraltet, weil die Menschen länger leben und jemand, der das 65. Lebensjahr erreicht hat, keine alte Person ist. In den USA liegt das reguläre Pensionsalter bei 66 Jahren, es ist vorgesehen dieses auf 67 Jahre anzuheben, um das Sozialsystem aufrecht zu erhalten. Deutschland, England und andere Ländern sehen ebenfalls vor, das Pensionsalter anzuheben. Je stärker das reguläre Pensionsalter jedoch angehoben wird, desto verzerrter stellt der "old-age dependency ratio" die finanzielle Belastung der Pensionssysteme dar.

Eine ähnliche Verzerrung entsteht, wenn politische Entscheidungsträger den "old-age dependency ratio" als Indikator für die Belastung des Gesundheitssystems durch die Alterung der Bevölkerung verwenden. Die meisten dementsprechenden Kosten treten in den letzten Lebensjahren auf und verschieben sich folglich mit der steigenden Lebenserwartung.

Tatsächliche Belastung durch Erwerbsunfähigkeit messen

Die traditionelle Berechnung des "old-age dependency ratio" nimmt an, dass alle Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, als abhängig von denen gezählt werden können, die zum arbeitenden Teil der Bevölkerung gehören. Allerdings sind viele Menschen, die älter als 65 Jahre sind, nicht erwerbsunfähig und bedürfen folglich auch nicht der finanziellen Hilfe anderer; im Gegenteil, häufig sind sie fähig, andere zu unterstützen. Andererseits sind einige Menschen unter 65 Jahren arbeitsunfähig und benötigen Unterstützung. Im aktuellen "Science"-Artikel stellen die Autoren eine neue Methode vor, Abhängigkeitsverhältnisse zu messen, die die Beziehung zwischen denen, die Hilfe benötigen und denjenigen, die diese geben können, berücksichtigen. Sie wird "adult disability dependency ratio" (ADDR) genannt. Die Studie zeigt, dass sich die Geschwindigkeit des Alterungsprozesses bei Verwendung der ADDR verglichen mit der konventionellen "old age dependency ratio" um vier Fünftel reduziert.

Bereits 2005 haben Sanderson und Scherbov in einem "Nature"-Artikel neue Möglichkeiten aufgezeigt, Alterung zu messen, die die gestiegene Lebenserwartung berücksichtigen. Anschließend wurden mithilfe der neuen Methoden für die Jahre 1955 bis 2045 Alterungsindikatoren für alle Länder der Welt auf Grundlage der UN Bevölkerungsprognosen berechnet. In der neuen Science-Publikation verwenden Sanderson und Scherbov international harmonisierte Daten und entwickeln ein Computermodell, das Berufsunfähigkeitsprognosen für OECD Länder mit hohen Einkommen darstellt.

Fazit: Unter Berücksichtigung der gestiegenen Lebenserwartung und in diesem Zusammenhang der in Gesundheit verbrachten Lebensjahre stellt sich der Alterungsprozess der Gesellschaft weit weniger dramatisch dar, als wenn die implizite Annahme gemacht wird, dass Verbesserungen im Gesundheitsbereich plötzlich zum Stillstand kommen.


Kontakt:
Warren Sanderson
Stony Brook University (USA) und Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg
Warren.Sanderson@stonybrook.edu
Skype:wsanderson_work

Sergei Scherbov
Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA), Laxenburg
Sergei.Scherbov@oeaw.ac.at
Skype: sergei1308


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