Stimmen hinter Stacheldraht
Kriegsgefangene als Forschungsobjekte
Während des Ersten Weltkriegs führten österreichische Wissenschafter Untersuchungen an Häftlingen in österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenenlagern durch mit dem Ziel, die Daten und Sprachen möglichst vieler "fremder Völker" festzuhalten. Die angefertigten Tonaufnahmen, Filme und Fotografien gerieten lange Zeit in Vergessenheit, überdauerten jedoch in Archiven. Beinahe einhundert Jahre später schenkt die Kulturwissenschafterin Britta Lange den "gefangenen Stimmen" nun Gehör und analysiert bisher unbearbeitete Audio-Quellen. Erste Ergebnisse ihrer Forschung - basierend auf der Rekonstruktion der Kriegsgefangenenstudien und der Aufarbeitung ausgewählter historischer Tonaufnahmen - wird sie am 1. Juli 2010 um 16:00 Uhr am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW, Seminarraum, Prinz-Eugen-Straße 8-10, 1. Stock, 1040 Wien, präsentieren.
Zwischen 1915 und 1918 produzierten österreichische Wissenschafter in den Kriegsgefangenenlagern der österreichisch-ungarischen Monarchie rund 250 Phonogramme mit Stimmen jener "fremden Völker", aus denen das Zarenreich Soldaten für die russische Armee rekrutiert hatte und die aus Sicht der Wiener Anthropologen vom Verschwinden bedroht waren, so etwa die von der russischen Regierung "entnationalisierten turktatarischen Völker". Die Tonaufnahmen entstanden für das Wiener Phonogrammarchiv der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, die die Forschungsprojekte auch maßgeblich finanzierte. Warum viele Aufzeichnungen bis heute unerforscht sind, versucht Britta Lange herauszufinden: "Ein Teil der Tonaufnahmen wurden nicht von Sprach- oder Musikwissenschaftlern oder Völkerkundlern hergestellt, sondern im Rahmen eines anthropologischen Forschungsprojektes in den Kriegsgefangenenlagern. Vermutlich ist das der Grund, warum weder Linguisten noch Ethnologen nach dem Weltkrieg auf die Tonbestände zugriffen."
Eine wissenschaftliche Lücke, die die derzeitige Gastwissenschafterin am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen ihres Lise-Meitner-Stipendiums (FWF) zu schließen bemüht ist: "Was mich jedoch besonders interessiert, sind jene Aufnahmen, die keine Folklore sind, sondern sich genau von diesem Anspruch befreien." In diese Kategorie fallen auch einige Aufnahmen des österreichischen Anthropologen und Ethnographen Rudolf Pöch, der in den Kriegsgefangenenlagern hauptsächlich physisch-anthropologische Untersuchungen vornahm. Die von ihm ausgewählten Sprecher trugen nicht nur "traditionelle" Texte vor, wie sie für ethnologische Fragestellungen interessant waren, sondern auch freie Erzählungen, indirekte politische Reflexionen und Gedichte. Als Beispiel nennt die 2005 an der Humboldt Universität Berlin promovierte Wissenschafterin eine Tonaufnahme in "Suomi", die am 18. September 1915 im Kriegsgefangenenlager Reichenberg (heute Liberec in der Tschechischen Republik) entstanden ist:
"Mit großem Vergnügen hätte ich dem Herrn Professor verschiedene Mitteilungen gemacht über das Leben der finnischen Völker, aber mein Leben hat sich so eingerichtet, dass ich in der Jugend mein Vaterland verlassen musste, und aus meinem Gedächtnis ist vieles verschwunden, was ich während meines Lebens im Vaterland gesehen und gehört habe. So muss ich mich zu meinem Bedauern mit diesen Worten bescheiden, aber ich bin zufrieden damit, dass diese Worte nicht ohne Nutzen für die Wissenschaft gesprochen sind."
Der Interviewte, ein 28-jähriger Russe namens Sergej Objedkov, der in Finnland geboren worden war und vor seiner Inhaftierung als Gefängnisdirektor nahe St. Petersburg gearbeitet hatte, bringt für Lange die Intention der Forscher auf den Punkt: "Er hat ziemlich genau verstanden, worum es in den Lagern ging: nicht um die transportierten Botschaften, sondern um ein Beispiel der Sprache als solches, in dem es nicht auf den Inhalt ankam."
Für einige Kriegsgefangene hatte der Inhalt der Texte aber sehr wohl eine wichtige, persönliche Bedeutung. Die folgenden selbstgedichteten Zeilen artikulieren die Leiden des armenischen Kriegsgefangenen Artasches Kamuljanz:
"Euer Sohn brennt ohne Feuer! Tag und Nacht weint und denkt er, und hat keine fröhliche Minute. Saget, dass in dieser Zeit euer Sohn in Gefangenschaft der Feinde ist, und hinter dem Stacheldrahtzaun sitzt, und schon lange Qualen leidet. Wenn ihr hinauffliegen werdet, nach meiner Heimat, gebet den Brief meinen Eltern, und sagt, dass sie mich nicht vergessen, und auf mein Grab nicht ein gewöhnliches Denkmal setzen. Also flieget, Schwalben, nach dem Kaukasus. Sagt den Eltern, dass ihr uns gesehen habt, und dass nichts Schrecklicher ist, als die Leiden der Soldaten, und vergesst nicht, was ich euch erzählt habe."
Lange Zeit, nachdem seine Stimme aufgezeichnet wurde, erfüllen nun die Forschungen von Britta Lange den Wunsch des Kriegsgefangenen, dass seine Worte nicht vergessen werden.
Jüngste Publikation:
"Archiv und Zukunft. Zwei historische Tonsammlungen Berlins für das Humboldt-Forum", in: Trajekte. Zeitschrift des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, Nr. 20 (Aus Berliner Archiven. Beiträge zum Berliner Wissenschaftsjahr), April 2010, S. 4-6.
CD-Edition:
Historische Aufnahmen von Rudolf Pöch aus Papua Neuguinea (1904-06) und der Kalahari (1908): Tondokumente aus dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Gesamtausgabe der Historischen Bestände 1899-1950. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien, Nr. 3 und Nr. 7.
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Kontakt:
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