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Was hält unsere Gemeinschaften zusammen?

Historiker und Sozialanthropologen starten Großforschungsprojekt



Österreichs Bundeshauptstadt wird Zentrum eines neuen, internationalen Großforschungsprojektes. Unter dem Titel "Visions of Community (VISCOM)" gehen Historiker/innen, Sozialanthropolog/inn/en und Kulturwissenschaftler/innen in dieser Form erstmals gemeinsam und vergleichend der Frage auf den Grund, was Gemeinschaften zusammenhält. Das Projekt wurde am 10. Dezember 2010 bei einer internationalen Tagung in Wien öffentlich vorgestellt.

Wie haben Universalreligionen die Herausbildung einzelner Gemeinschaften und Identitäten beeinflusst? Diese Frage steht im Zentrum des ab 2011 bis 2015 laufenden Forschungsvorhabens. Untersucht werden bei dem international in seiner Form einzigartigen Projekt Auswirkungen christlicher, islamischer und buddhistischer Gemeinschaftsvisionen im Mittelalter. Dies ist international ein ganz neues Forschungsfeld. VISCOM wird als "Spezialforschungsbereich (SFB)" vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF mit 3,4 Mio. Euro für vier Jahre gefördert.

Beitrag zur Entschärfung aktueller Konflikte

"Alle drei Religionen, konnten zur Legitimierung imperialer Herrschaft dienen. Sie unterstützten auch lokale, regionale, städtische oder ethnische Gemeinschaftsformen. Ethnizität, die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, allerdings spielte in den drei Kulturbereichen eine ganz verschiedene Rolle. Wenn wir daher diese dynamischen und komplexen Prozesse besser verstehen, leisten wir auch einen Beitrag zum verbesserten Verständnis unserer Gegenwart, damit auch zur möglichen Entschärfung aktueller religiöser sowie ethnischer Konflikte. Ebenso können wir dabei zeigen, wie unabdingbar die Geisteswissenschaften im Verständnis einer komplexen Gesellschaft sind", das erklärten Univ.-Prof. Dr. Andre Gingrich und Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl.

Die zwei renommierten Forscher präsentierten das internationale Großforschungsvorhaben bei der vom 9. bis 11. Dezember 2010 laufenden dreitägigen Konferenz "Ethnic Identities in Early Medieval Europe" in Wien. Diese Tagung ist die "Final Conference" des gleichnamigen Wittgenstein-Projektes unter Leitung Walter Pohls. In dem neuen Projekt "Visions of Community: Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism" wird der Zeitraum ab 400 n. Chr. bis 1600 n. Chr. untersucht. Sprecher des SFB sind die beiden Wittgenstein-Preisträger Walter Pohl (Geschichte des Mittelalters) und Andre Gingrich (Sozialanthropologie). Als Leiter von Teilprojekten sind Florian Schwarz (Iranistik), Helmut Krasser (Tibetologie), Christina Lutter (Österreichische Geschichte) und Oliver Schmitt (Südosteuropäische Geschichte) beteiligt.

Insgesamt bündelt der SFB das Know-how von derzeit 20 hochkarätigen Expert/inn/en. Besonderheit des neuen Großforschungsvorhabens ist laut den Forschern unter anderem, dass im Zuge des Projektes eine "best practice" für Interdisziplinarität entwickelt werden wird. "Ein Grund dafür ist, dass sich zwar unser Geschichtsbild schrittweise globalisiert hat. Die Methoden und Modelle konnten damit aber bisher nicht Schritt halten", so Gingrich.

Verknüpfte Anfänge

In der hellenistisch-römischen Mittelmeerwelt liegen die verknüpften Anfänge der gemeinsamen Geschichte des islamischen und westlichen Kulturraumes. Die Reiche der Franken, Angeln, Dänen, Ungarn und viele andere, Staaten, die nach Völkern benannt sind und bis heute die politische Landkarte Europas prägen, entstanden in der Epoche nach dem Ende Roms. Die christliche Religion hat diese Staatenvielfalt legitimiert. Im östlichen Mittelmeerraum dagegen behauptete Byzanz in der Nachfolge des Römischen Reiches die Herrschaft über viele Völker. Der Kaiser beanspruchte zugleich religiöse Autorität und wollte damit über den ethnischen Gruppen stehen.

Die arabischen Stämme, die in wenigen Generationen in weitem Raum zwischen Spanien und Afghanistan die Macht ergriffen, taten dies nicht im Namen ihrer ethnischen Identität. Es war der Islam, der die Grundlage des neuen Weltreiches schuf. Im islamischen Kalifat war die höchste Autorität weltlich und religiös zugleich. Der tibetanische Buddhismus wiederum legitimierte zunächst ebenfalls ein Imperium, doch daneben blieben Clans und Stämme bestehen, die sich mehr oder weniger der religiös fundierten Vorstellung einer Gemeinschaft der Tibeter unterordneten. Erst der systematische Vergleich wird es laut Gingrich und Pohl ermöglichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Gemeinschaftsvisionen zu verdeutlichen.


Weitere Informationen zur Konferenz


Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl
Institut für Mittelalterforschung
Zentrum Mittelalterforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 1040 Wien
T +43 1 51581-7240
office.gema@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/gema

Univ.-Prof. Dr. Andre Gingrich
Institut für Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Prinz-Eugen-Straße 6-10, 1040 Wien
T +43 1 51581 6451
andre.gingrich@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/sozant

Mag. Gabriele Rampl
Public Relations Wittgenstein-Projekt
Kurzgasse 3/10, 1060 Wien
T +43 650 2763351
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