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Wohnen integriert

Wohnpolitik für Migranten von New York bis Wien



Durch die Wohnung erhalten Zuwanderer einen physischen Platz in der Gesellschaft und durch das Wohnumfeld werden Lern- und Erfahrungsorte geschaffen. Gemischte Wohngebiete fördern die Integration besser als monostrukturierte Wohngebiete, das zeigt eine internationale Studie unter Mitwirkung des Instituts für Stadt- und Regionalforschung (ISR) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf.

Gemischte Wohngebiete eröffnen Kontaktmöglichkeiten zwischen den Zugewanderten und der schon anwesenden Bevölkerung, sie schaffen Orte der täglichen Begegnung und mindern auch im schulischen Bereich das Problem von ethnischen und sozialen Konzentrationen. Dabei erweisen sich das Vorhandensein eines öffentlichen Wohnungssektors, ein Wohnungsbau mit vielfältigen Wohnungsgrundrissen und rechtlichen Wohnverhältnissen sowie Investitionen in das Wohnumfeld (Stadterneuerung) als förderlich für durchmischte städtische Wohngebiete und beugen damit einer Ghettobildung vor. Diese Meinung vertreten internationale Experten in einer von Heinz Fassmann und Yvonne Franz herausgegebenen Studie, die soeben im Verlag der ÖAW erschienen ist.

Die Forscher haben dabei die Erfahrungen in fünf unterschiedlichen Städten, die ein weites Spektrum an geographischer und politischer Vielfalt abdecken, analysiert. Es handelt sich dabei um New York, Minneapolis-St. Paul, Antwerpen, Stuttgart und Wien. Die Ergebnisse sind in einem Sammelband der Forschungsberichte des ISR veröffentlicht.

In dem Sammelband berichtet die bekannte Wohnforscherin Jerilyn Perine von der aktuellen Situation in New York. Der "Big Apple" ist im Gegensatz zu anderen Großstädten der USA demographisch wachsend und die Wohnungsfrage aktueller denn je. New York verfügt jedoch über einen nennenswerten Anteil an Wohnungen, die sich im Besitz der Stadt befinden und von der New York City Housing Authority (NYCHA) verwaltet werden (5,4 Prozent am gesamten Wohnungsbestand und 8,3 Prozent am Mietwohnungsbestand) und ein signifikanter Anteil der Wohnungen unterliegt speziellen Formen von Mietkontrolle (40.000 Wohneinheiten sind mietpreisgebunden, über 1 Million mietpreisstabilisiert). Letztlich sorgt auch eine ausgesprochen aktive Selbstorganisation der Bevölkerung vor Ort für einen strukturell gemischten Wohnungsneubau. Großräumige Segregationsprozesse sind kleinräumigen Konzentrationen gewichen, die Vorstellung von Harlem oder der Bronx als "schwarze" Viertel längst überholt.

Minneapolis-St. Paul ist eine zweite US-amerikanische Stadt, über die in dem Sammelband berichtet wird und die nicht dem Vorurteil einer ausschließlich marktmäßigen Steuerung des Wohnungsmarktes folgt. Die deutsche Geographin Eva Dick analysiert die vielfältigen Maßnahmen der Stadt, um Ghettoisierungstendenzen nach Einkommen oder Rasse zu mindern. In Minneapolis-St. Paul werden ebenfalls stadteigene Wohnbauprojekte, errichtet in sozial aufgewerteten Gebieten, als gezielte Antisegregationsmaßnahmen betrachtet. Dazu kommen Wohngutscheine (Voucher), die Haushalte mit niedrigen Einkommen in die Lage versetzen, Wohnungen zu suchen, die sie sonst nicht nachfragen würden. Eva Dick berichtet auch über die Limitierungen der Antisegregationspolitik, die letztlich soziale Interaktionsprozesse nur erleichtern, aber nicht garantieren kann.

Sonja Gsir, Forscherin an der Universität Liège, präsentiert die lokale Integrationspolitik von Antwerpen und die damit verbundenen Maßnahmen, den sozialen und ethnischen Mix in der Innenstadt wieder herzustellen. "Bring the middle class back" lautet die auf den einfachen Nenner gebrachte Formel.

In eine sehr ähnliche Richtung zielt auch die Politik in Stuttgart ab, über die Ayse Özbabacan, Mitarbeiterin der Integrationsabteilung der Stadt Stuttgart, berichtet. Verbesserung der Wohnqualität, Aufwertung des Wohnumfeldes, aber auch Quoten bei der Besiedlung von Wohnungen des sozialen Wohnungsbaues sind dabei angewandte Maßnahmen.

Schließlich werden von den beiden ISR-Mitarbeitern Josef Kohlbacher und Ursula Reeger politisch-planerische Maßnahmen der wohnungsbezogenen Integration in Wien vorgestellt. Der im internationalen Vergleich außerordentlich hohe Anteil an Gemeindewohnungen verschafft der Stadt dabei vergleichsweise große Gestaltungsmöglichkeiten. Dazu kommen Maßnahmen der sanften Stadterneuerung und gezielte Maßnahmen der öffentlichen Hand in die soziale und technische Infrastruktur (Hauptbibliothek, U-Bahn), die langandauernde und einseitige Konzentrationen verhindern. Darüber hinaus werden ausgewählte Pilotprojekte zum multikulturellen Wohnen angeführt.

Die Studie wurde vom German Marshall Fund of the United States (GMF), der unter anderem die Intensivierung des transatlantischen Dialogs zum Ziel hat, gefördert. Die Studie stellt eine Weiterentwicklung des EU-finanzierten Projekts "Cities and Local Integration Policies" (CLIP) dar.

Zu den Herausgebern

Heinz Fassmann ist Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien und Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Yvonne Franz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien.

Zum Institut für Stadt- und Regionalforschung

Das Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wurde 1989 gegründet und ist das einzige außeruniversitäre raumwissenschaftliche Forschungsinstitut Österreichs, welches vornehmlich der wissenschaftlichen Grundlagenforschung verpflichtet ist. Es befasst sich hauptsächlich mit einer interdisziplinären Stadt- und Regionalentwicklung im nationalen und europäischen Maßstab.


Bibliographie:
Heinz Fassmann - Yvonne Franz (Eds.)
Integration Policies at the Local Level: Housing Policies for Migrants
Examples from New York City, St. Paul, Antwerp, Vienna and Stuttgart
2010, Institut für Stadt- und Regionalforschung - Forschungsberichte 36, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), 112 Seiten, 24x16,5cm, broschiert, EUR 15,--, ISBN 978-3-7001-6853-9


Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW
Das Buch auf der Verlagswebsite


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