Österreich und die Wirtschaftskrise der 1930er
Österreich im Zentrum der Mitteleuropapläne
Neuer Band der ADÖ-Reihe soeben erschienen
Die 18 Monate zwischen September 1931 und Februar 1933 stellten für die Republik Österreich erste Katastrophenmonate dar, denen noch viele weitere folgten. Wie reagierte in dieser Zeit die österreichische Außenpolitik auf die andauernde schwere Wirtschaftskrise in Mitteleuropa? Diese Frage steht im Mittelpunkt des soeben im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erschienenen 8. Bandes der "Außenpolitischen Dokumente der Republik Österreich 1918-1938" (ADÖ).
"Österreich im Zentrum der Mitteleuropapläne" dokumentiert anhand von außenpolitischen Amtserinnerungen, Amtsvermerken, Berichten, Erklärungen, Erlässen, Memoranden, Schreiben, Stenographischen Protokollen, Telegrammen und Zirkularerlässen aus dem Österreichischen Staatsarchiv und dem Parlamentsarchiv in Wien die österreichische Außenpolitik in der Zeit vom 12. September 1931 bis 23. Februar 1933.
Österreich im Spannungsfeld der mitteleuropäischen Politik
"Die Wirtschaftskrise der 1930er ließ auch Österreich nach neuen Partnerschaften suchen", erklärt Klaus Koch von der Historischen Kommission der ÖAW und Mitherausgeber der ADÖ-Reihe. "Dabei geriet es ins Spannungsfeld der mitteleuropäischen Politik." Um eine deutsch-österreichische Zollunion, die einem Anschluss Österreichs an Deutschland nahe gekommen wäre, zu verhindern schlug der französische Ministerpräsident André Tardieu Anfang 1932 ein Wirtschaftsabkommen zwischen der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien, Österreich und Ungarn vor. Ein Plan, der schließlich von Deutschland und Italien zu Fall gebracht wurde.
Mitte 1932 verpflichtete sich Österreich mit der Unterzeichnung einer Völkerbund-Anleihe über 300 Millionen Schilling, der so genannten Lausanne-Anleihe, 20 Jahre lang von einer Zollunion mit beziehungsweise Anschluss an Deutschland abzusehen. Diese Sanierungspläne Österreichs wurden jedoch von der so genannten Hirtenberger Waffenaffäre konterkariert, bei der Waffen im großen Stil von Italien über Österreich nach Ungarn geschmuggelt werden hätten sollen. Denn dieser Waffenschmuggel wurde von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges als Bruch des Vertrags von St. Germain gesehen.
Die Position des Ballhausplatzes zum Tardieu-Plan, die Diskussion um die Lausanner Anleihe und die diplomatischen Interventionen im Zuge der Hirtenberger Waffenaffäre bilden die Kernthemen der im neuesten Band der ADÖ-Reihe veröffentlichten Dokumente.
Unerwartetes Bild von Österreich
Die Dokumente zeichnen ein für Koch unerwartetes Bild der österreichischen Außenpolitik: "Österreich hat weder seine Position als Hoffnungsgebiet für Deutschland noch als französischer Teil eines Cordon sanitaire gegen Deutschland und Italien für den Kampf gegen die Wirtschaftskrise instrumentalisiert", so der Zeithistoriker. "Im Gegenteil: Österreich scheint - und das zeigen auch die anderen Bände der Reihe - andauernd international geknebelt worden zu sein."
Vor dem Hintergrund der Lausanner Anleihe relativieren sich auch die klassischen (Selbst)bilder der österreichischen Parteien, nämlich das der christlich-soziale Partei als Anti-Schulden-Partei und der Sozialdemokraten als Anti-nationalsozialistische Partei: "In der Diskussion um die Lausanner Anleihen waren die Christlichsozialen die Kreditpartei und die Sozialdemokraten jene, die vor einer zu starken Bindung an Frankreich warnten", betont Koch.
Vorboten der kommenden Entwicklung
Über die Dokumente werden auch die Vorboten der kommenden Entwicklung sichtbar. Koch: "Die Fronten zwischen der sozialdemokratischen Opposition und der christlich-sozialen Regierungspartei versteinerten endgültig. Die Christlichsozialen folgten der anschlussfeindlichen Kampfansage 'Österreich erwache', das nationale Lager radikalisierte sich in Richtung NSDAP, seitens der Parteien herrschte ein generelles Misstrauen gegenüber dem Parlament."
ÖAW-Editionsprojekt "Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918-1938"
Das an der Historischen Kommission der ÖAW angesiedelte Editionsprojekt "Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918-1938" startete 1990. Ziel ist, ein umfassendes Bild der parlamentarischen Prozesse dieser Zeit zu geben. Dazu werden nicht nur die offiziellen Akten des Auswärtigen Amtes editiert, sondern auch parlamentarische Akten und andere Dokumente wie Nachlässe. Die Themen der bisher erschienen Bände reichen von der Gründung der Republik über die Pariser Vorortekonferenz, die Positionierung Österreichs im System der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie, den drohenden Staatsbankrott und die Genfer Sanierung bis zur Finanzkontrolle des Völkerbundes und schließlich den wenigen Jahren einer außenpolitischen "Souveränität" der jungen Republik Österreich. Der nächste Band wird sich dem Thema "Österreich im Banne des Faschismus" widmen und den Zeitraum März 1933 bis Juli 1934 abdecken.
Publikation:
KOCH, Klaus - RAUSCHER, Walter - SUPPAN, Arnold - VYSLONZIL, Elisabeth (Hg.): Außenpolitische Dokumente der Republik Österreich 1918-1938 (ADÖ). Band 8 - Österreich im Zentrum der Mitteleuropapläne 12. September 1931 bis 23. Februar 1933. Wien: Verlag der ÖAW, 2009
Zum Buch
Kontakt:
Dr. Klaus Koch
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