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Nobles Blaugrau statt Rot-Dunkelgrau

Schweizertor in der Wiener Hofburg als Trägermedium für politische  Propaganda




Das Schweizertor in der Wiener Hofburg besaß ursprünglich eine ganz andere Farbigkeit und enthielt ein eindeutig politisches Manifest: Das repräsentative Tor zum Schweizerhof, das sich dem Besucher heute in Rot und Dunkelgrau präsentiert, wurde im Auftrag von König Ferdinand I. als Hauptzugang zu seiner Residenz 1552-53 errichtet. Ursprünglich wies die Portalarchitektur jedoch keinen farblichen Anstrich auf, sondern war in der Eigenfarbe des Steins, einem kühlen Blaugrau, belassen. Zu diesem Ergebnis gelangte Restauratorin Susanne Beseler bei neuesten Bauforschungen im Zuge des großangelegten Forschungsprojekts zur "Bau- und Funktionsgeschichte der Wiener Hofburg". Das "Hofburgprojekt" wird an der Kommission für Kunstgeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) durchgeführt und vom Wissenschaftsfonds (FWF) finanziert. Die Bauforschungen werden von Bundesdenkmalamt und Burghauptmannschaft unterstützt.

Foto: Das Schweizertor heute, © BDA

Unzerstörte Renaissance-Architektur unter barocker Vermauerung

Im Vorfeld der Untersuchungen hatten die Wissenschafter kaum mit derart spektakulären Ergebnissen gerechnet. Zahlreiche und oft zu gut gemeinte Reparaturen der vergangenen 150 Jahre und vor allem die umfassenden Renovierungen von 1853, 1927 und 1949 ließen von der originalen Renaissancegestaltung und Oberfläche scheinbar nichts übrig. Die Renaissancespezialistin Renate Holzschuh-Hofer aus der Projektgruppe zum 16./17. Jahrhundert des "Hofburgprojekts" unter der Leitung von Herbert Karner versuchte ihr Entdeckerglück daher an einer Stelle, an die bisher noch niemand gedacht hatte: Eine Stelle des Portals, die heute durch eine Vermauerung der Barockzeit verdeckt ist. "Die Hoffnung, dass sich unter dieser Abmauerung ein Stück unzerstörter Renaissance-Architektur, ein durch die Mauer gleichsam konservierter Rest des originalen Schweizertores befände, hat sich bestätigt. Die Gestaltung aus der Bauzeit und die originale Vergoldung kamen ebenso zum Vorschein wie alle späteren Renovierungsschichten bis zum 18. Jahrhundert", erklärt Renate Holzschuh-Hofer.

Besonders erstaunlich ist die Erkenntnis, dass die Portalarchitektur zur Bauzeit in der Eigenfarbe des Steins, dem kühlen Blaugrau des Sandsteins aus dem Dornbacher Steinbruch am westlichen Stadtrand von Wien, belassen war und ursprünglich keinerlei farbigen Anstrich aufwies. Dieser heute nicht mehr existierende Steinbruch wurde von König Ferdinand I. intensiv genutzt: Nicht nur sein Schweizertor, sondern viele andere der von ihm in der Hofburg in Auftrag gegebenen Bauten, wie die Stallburg oder das nicht erhaltene Kaiserspital (im Bereich Schauflergasse in unmittelbarer Nähe der Hofburg, 1903 abgebrochen), wurden aus diesem Stein erbaut.

Eine Rekonstruktionszeichnung zeigt die renaissancezeitliche Optik des Schweizertores im zurückhaltend noblen Blaugrau-Gold der Renaissance-Zeit. Mit dieser Farbgebung spielte Ferdinand I. indirekt auf seinen Herrschaftsanspruch in Burgund als habsburgische Erbschaft an. Wie sich nun herausgestellt hat, geht die heutige Sichtfassung in Rot-Dunkelgrau auf eine barocke Gestaltung, angebracht nach 1763 und vor 1828, zurück.

Kunst zum Zweck politischer Propaganda

Die ursprüngliche Farbgebung der Renaissance in Blaugrau-Gold ist - ebenso wie die Reliefdarstellungen - kein Zufall. Alle Details an den beiden Seiten des Portals und an der Wandmalerei in der Durchfahrt sind bis ins Detail durchdacht und stellen symbolhaft den politischen Triumph von König Ferdinand I. über seinen mächtigen kaiserlichen Bruder Karl V. dar: Ferdinand konnte 1552 endgültig durchsetzen, dass das Kaisertum auf die österreichische Linie der Habsburger übertragen wurde. Nach dem Rücktritt Kaiser Karls V. (1556) wurde er 1558 zum Kaiser proklamiert.

Das Schweizertor als Hauptzugang zur Residenz Kaiser Ferdinands I. wurde als hochrangiges Trägermedium für politische Propaganda genutzt - eine triumphale Mitteilung in der Sprache der Kunst mit antiken kaiserlichen Sieges-Symbolen und Trophäen in den Reliefs. Es steht rückblickend als Zeichen für den Beginn der österreichischen Donaumonarchie, in der bis zu ihrem Ende die Stadt Wien mit kurzen Unterbrechungen kontinuierlich die kaiserliche Residenz darstellte.

Der Name "Schweizertor" ist seit Maria Theresia gebräuchlich: Ihrem Gemahl, Kaiser Franz I. Stephan war es nicht gestattet, die königlichen und erzherzoglichen Garden seiner Gemahlin in Anspruch zu nehmen, also engagierte er eine Schweizer Garde. So bürgerte sich seit dem späten 18. Jahrhundert der Name "Schweizertor" als Zugang zum sog. "Schweizerhof" ein, der sich bis heute erhalten hat.

Eine ausführliche Darstellung der Forschungsergebnisse ist in der aktuellen Ausgabe der Österreichischen Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege (Juni 2009), herausgegeben vom Bundesdenkmalamt, erschienen.


Bilder (© BDA):
Hofburg/Schweizertor: Rekonstruktion
Hofburg/Schweizertor: aktuelle Ansicht
Hofburg/Schweizertor: Detail


Kontakt:
Dr. Renate Holzschuh-Hofer
Bundesdenkmalamt Wien
T +43 1 534 15 115
renate.holzschuh-hofer@bda.at
www.bda.at

Dr. Herbert Karner
Kommission für Kunstgeschichte
Österreichische Akademie der Wissenschaften
T +43 1 51581-3545
herbert.karner@oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/kunst


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