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05.02.2008

Mozart aus dem Automaten

Virtuelle Rekonstruktion von Mozarts Adagio und Allegro KV 594



Eigentlich sollte Mozarts Adagio und Allegro KV 594 auf einem Orgelautomaten eines opulenten Schaubildes erklingen, das 1791 zum Angedenken des Feldmarschalls Laudon von Graf Deym in Wien präsentiert wurde. Doch den Quellen zufolgen kam die Komposition wahrscheinlich nie zum Einsatz. Auch das Orgelwerk selbst ist schon im 19. Jahrhundert verloren gegangen. Eine neue CD des Phonogrammarchivs der ÖAW erweckt die Musik als virtuelle Rekonstruktion wieder zum Leben. Sie erscheint im Rahmen der Serie "mechanische Musik".

Die Aufführungspraxis früherer Zeiten entschlüsseln

Bereits seit 1980 widmet sich das Phonogrammarchiv der ÖAW der Dokumentation von Musikautomaten. Diese waren von der Rennaissance bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet. Die wissenschaftliche Forschung hat sie jedoch die längste Zeit kaum beachtet. Eine Lücke, die das Phonogrammarchiv schließt.

Das aktuelle Projekt, dem die Rekonstruktion der F-Moll Fantasie Mozarts KV 608 im Jahre 2006 vorausging, wurde insbesondere durch eine Anfrage des Chicago Symphony Orchestra angeregt, das für die Aufnahme dieses Werkes in sein Konzertprogramm des Jahres 2007 zu aufführungspraktischen Problemen eine eingehende Beratung vom Phonogrammarchiv einholte. "Mit unserer langjährigen Erfahrung zur Dokumentation von Musikautomaten ließ sich eine klingende Rekonstruktion dieses Werkes erarbeiten, die den ursprünglichen Intentionen des Bestellers und Mozarts wohl sehr nahe kommen dürfte", erklärt Helmut Kowar vom Phonogrammarchiv der ÖAW.

Musikautomaten sind nicht nur die einzige klingende Überlieferung für die Zeit vor der Erfindung der Tonaufnahme durch Edison sondern Klangdenkmäler, die das musikalische Repertoire bewahrt haben und die Rezeption in ihrer Zeit spiegeln. Kowar: "Gerade mit den Automaten als Modeartikel öffnet sich ein direkter Einblick in die musikalischen Vorlieben früherer Zeiten, da der jeweilige Geschmack des Publikums eben nicht nur von den berühmten und bleibenden Erfolgsstücken, sondern auch von zahllosen kurzlebigen Erscheinungen in der Musikwelt geprägt war." Die beigefügten Tonbeispiele sollen daher vor allem heute kaum mehr bekannte Musik vorstellen.

Da die Automaten die Musik in der gerade aktuellen Vortragsweise festgehalten haben überliefern sie auch die zeitgenössische Aufführungspraxis in einer Unmittelbarkeit, wie sie kein Notentext und keine schriftliche Nachricht ausdrücken kann. Bisweilen stellt ein mechanisches Musikinstrument sogar die einzige Quelle dar, auf der ein Musikstück erhalten geblieben ist. Darüber hinaus haben die Automaten eine eigene Welt eröffnet, die es erlaubte in musikalisch-klangliche Dimensionen jenseits der Möglichkeiten des ausübenden Künstlers vorzustoßen.

"Mit der neuen CD und der Beratung von Interpreten gewinnt die musikhistorische Bedeutung dieser Forschungen auch hinsichtlich einer Verwertbarkeit und praktischen Umsetzung des gesammelten Materials", sagt Kowar. Am Phonogrammarchiv werden die Automaten auch auf Video festgehalten. Das erlaubt die - etwa für eine Transkription der Musikstücke aussagekräftige - Aufzeichnung der Bewegungsabläufe der Mechanik, beziehungsweise die Dokumentation der oft mit den Musikautomaten in Verbindung stehenden animierten Szenen.

Aufruf zum Blick in Prunkräume, Depots, Keller und Dachboden

Ein Großteil der Arbeit der Forscher am Phonogrammarchiv liegt im Auffinden von Musikautomaten. Kowar: "Es ist uns ein Anliegen, Besitzer derartiger Automaten verstärkt auf das Projekt aufmerksam zu machen". So mancher Dachboden birgt hier einen unerwarteten Schatz. Werfen Sie einmal einen Blick hinein: Sollten Sie ein altes Glockenspiel, ein Orchestrion, eine Drehorgel oder gar eine Flötenuhr entdecken, bittet das Phonogrammarchiv um Kontaktaufnahme.


Bildbeispiele
Für eine Vergrößerung bitte auf das jeweilige Bild klicken. © Helmut Kowar.


Bilderuhr mit Automaten und eingebautem Kammspielwerk, Wien 1. Hälfte 19. Jh., Privatbesitz Wien.
Sekretär mit eingebautem Flötenwerk, Wien, frühes 19. Jh., Privatbesitz London.
Welte Concert Orchestrion IV, 1895, Museum Schloss Ettlingen, Musikkabinett.
Kammspielwerk, Wien, 1. Hälfte 19. Jh., Privatbesitz Wien. (v.l.n.r.)

Tonbeispiele
Jules Massenet: Ballet de Scenes pittoresques (1874). Welte Concert Orchestrion IV, 1895, Museum Schloß Ettlingen, Musikkabinett.
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Johann Strauss (Vater): Bouquets, Walzer op 197 (1847). Kammspielwerk von Franz Rzebitschek (Prag) in einer Bilderuhr, Mitte 19. Jh., Dorotheum Wien.
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François Adrien Boieldieu: Arie "Welche Lust gewährt das Reisen" aus der Oper "Jean de Paris" (1812). Flötenwerk von Anton Bayer, Wien 1818, Privatbesitz Oberösterreich.
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Videobeispiele
Biedermeieruhr mit Automat im Zifferblatt, D&S Antiquitäten Wien.
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Kammspielwerk von Franz Einsidl, Wien ca. 1860. Privatbesitz Wien. Die videographische Dokumentation des Abspielvorganges ermöglicht - ohne weitere Beanspruchung des Spielwerks - eine vollständige Transkription der Musik, wie sie vom Abhören der Tonaufnahme allein nicht möglich ist.
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Vogelautomat, Ende des 19. Jahrhunderts, Dorotheum Wien.
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Kontakt:
Univ.-Doz. Dr. Helmut Kowar
Phonogrammarchiv
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Liebiggasse 5, 1010 Wien
T +43 1 4277-29604
F +43 1 4277-9296
helmut.kowar@oeaw.ac.at
www.pha.oeaw.ac.at


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