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Moderne Nomaden, Kosmopoliten oder Vagabunden

Tuareg in der zentralen Sahara - Projektstart




Moderne Nomaden, Kosmopoliten oder Vagabunden? An der Forschungsstelle Sozialanthropologie der ÖAW startet ein Projekt, welches aktuelle Strategien und Ideologien der als Ishumar bezeichneten Tuareg in der zentralen Sahara untersucht.

"Ishumar" (= eine berberisierte Form der französischen Bezeichnung für Arbeitslose, chômeurs) werden jene Tuareg genannte, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ihre ursprünglichen Herkunftsländer Mali und Niger verlassen mussten und nach Libyen migriert sind. Sie bewegen sich im Grenzbereich zwischen Libyen, Algerien, Niger und Mali.

Durch ihre Grenzbewegungen überschreiten die Ishumar nicht nur territoriale, sondern auch soziale und gesellschaftliche Grenzen und Schranken. Charakteristisch für die Ishumar ist, dass sich bei ihnen alle sozialen Schichten der Tuareg mit geografisch unterschiedlichen Herkünften vermischen. Sie leben jenseits traditioneller Systeme, brechen alte Normen und Werte auf, nehmen sich spezielle Elemente heraus, verändern sie und stellen sie in einen neuen Kontext. So wird der tagelmust, der Gesichtsschleier des Mannes, von den Ishumar nicht mehr als Zeichen des Erwachsenseins, als Symbols der Zugehörigkeit und als Ausdruck von Respekt und Höflichkeit getragen, sondern ist zu einem modischen Accessoire der neuen Ishumar-Generation geworden: "Früher zogen Männer ihren tagelmust vor den Mund, sodass nur die Augen frei blieben und legten ihn selbst beim Essen und Trinken nicht ab. Heute tragen ihn junge Ishumar in rot, gelb, pink oder orange, kombinieren ihn mit Sonnenbrille, Jeans und Lederjacke, und schwingen ihn lässig um die Schultern", erläutert die Sozialanthropologin Ines Kohl.

In einem neuen Projekt an der Forschungsstelle Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersucht Ines Kohl gemeinsam mit ihrem Mann Akidima Effad, selbst einer dieser "modernen Nomaden", die aktuellen Strategien der transregionalen und transnationalen Grenzüberschreitungen der Ishumar in der zentralen Sahara.

Im Mittelpunkt des Projekts stehen folgende Fragen: Sind die Ishumar neue moderne Nomaden weil sie sich irregulär, situativ und dem individuellen Geschmack angepasst im libysch-algerisch-nigrisch-malischen Grenzland bewegen? Sind sie Kosmopoliten, weil sie eine Diaspora- oder eine Exilgemeinschaft verkörpern, die gleichzeitig jedoch Opfer der Moderne sind? Oder sind sie Vagabunden, weil ihre Moralvorstellungen jenseits der traditionellen Normen und Werte angesiedelt sind?
"Anhand der Untersuchung ihrer Formen von Mobilität, Territorialität, Netzwerkbildung, Ideologie und Zugehörigkeit wollen wir dem Verständnis nomadischer Gesellschaften in einer globalisierten Welt näher kommen", erklärt Ines Kohl das Ziel des Projekts. "Die binäre Gegenüberstellung von 'Nomaden und Sesshaften' ist überholt und muss durch ein strukturell fluides Konzept einer mobilen Gesellschaft ersetzt werden."

Forschungsfokus Tuareg

2007 startete die Forschungsstelle Sozialanthropologie der ÖAW in Zusammenarbeit mit der Universität Wien einen Fokus zur Tuaregforschung, der die langjährige Nahost- und Nordafrikakonzentration der Forschungsstelle mit dem neuen Element einer saharischen Gesellschaft erweitert. Das Projekt "Moderne Nomade, Kosmopoliten oder Vagabunden?" wird vom FWF - Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert und startet mit August 2008. Die Laufzeit beträgt ein Jahr.


Buchtipp:
Ines Kohl (2007), Tuareg in Libyen: Identitäten zwischen Grenzen. Reimer, Berlin
Das Buch beim Reimer-Verlag


Kontakt:
Mag. Dr. Ines Kohl
Forschungsstelle Sozialanthropologie
Zentrum Asienwissenschaften und Sozialanthropologie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Prinz-Eugen-Str. 8-10, 1.Stock, 1040 Wien
T +43 1 51581-6456
T +43 676 7891788
ines.kohl@assoc.oeaw.ac.at
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