Wir fühlen uns immer mehr als Europäer
Publikation im Wissenschaftsmagazin "Science"
Das Entstehen von Europäischer Identität ist eine Frage der Zeit und des Generationenwechsels, ergibt eine Analyse unter Beteiligung des Instituts für Demographie der ÖAW in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science".
Dass die Europäische Union an einem Demokratiedefizit leidet und mit stetig sinkender Unterstützung der europäischen Bevölkerung auskommen muss, sind Entwicklungen, die in den Medien immer wieder aufgegriffen werden. Doch wie schaut es demgegenüber mit der Herausbildung einer Europäischen Identität aus?
Die Demographen Wolfgang Lutz und Vegard Skirbekk (Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften,ÖAW, und IIASA) sowie die Politikwissenschaftlerin Sylvia Kritzinger (Institut für Höhere Studien, IHS) haben sich mit dieser Frage mittels demographischer Analysemodelle für die 15 alten EU-Mitgliedsstaaten beschäftigt.
Die Ergebnisse, die auf Daten der Eurobarometer Stichprobenuntersuchungen beruhen, wurden in der aktuellsten Ausgabe von Science publiziert. ("The Demography of Growing European Identity", SCIENCE, Vol. 314, 20. Oktober 2006). Sie widersprechen dem gängigen Bild der skeptischen und europamüden Bürger und Bürgerinnen. Vielmehr deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die jüngere Generation weniger exklusiv national orientiert ist. Projektionen dieser Trends bis zum Jahr 2030 zeigen, dass eine Mehrheit der europäischen Bürger(innen) neben der nationalen Identität auch noch eine europäische Identität aufweisen werden.
Die Eurobarometer-Daten zeigen deutlich, dass jüngere Menschen in Europa in größerem Ausmaß auch eine europäische zusätzlich zu ihrer nationalen Identität haben. Die wissenschaftlich interessante Frage ist, ob es sich dabei um einen Alterseffekt handelt (d.h. ursprünglich Europa-offenere Menschen im Alter nationaler orientiert werden) oder um einen Kohorteneffekt (d.h. jüngere Jahrgange haben eine stärkere Europa-Identität und behalten dies auch wenn sie altern).
Durch das demographische Analysemodell konnten die Autoren ermitteln, dass es sich hier um einen hoch signifikanten Kohorteneffekt handelt, d.h. dass es zu einer Verschiebung in den Identitätsmustern der Mehrheit der Bevölkerung kommt, sobald die älteren, mehr national orientierten Kohorten die Bühne verlassen und durch jüngere ersetzt werden.
Insbesondere in der Altergruppe der 30- bis 44-jährigen werden in Zukunft dreimal so viele Personen sich als europäisch im Gegensatz zu rein national deklarieren. Diese Entwicklung hin zu einer weiteren Verbreitung von Europäischer Identität erklären sich die Wissenschafter(innen) damit, dass die jüngeren Generationen unterschiedlich sozialisiert werden, die EU in der medialen Kommunikation an Wichtigkeit gewinnt, die Arbeitsmobilität innerhalb der EU zunimmt sowie Studierende und Touristen mobiler werden und dadurch mehr über den nationalen Tellerrand schauen.
Aus diesen Ergebnissen können daher durchaus positive Schlussfolgerungen hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der Europäischen Integration gezogen werden: Obwohl die Politik der Europäischen Integration höchst unbeständig und unberechenbar bleibt, können diese langfristigen und langsamen Veränderungen in den Identitätsmustern der Bürger(innen) bedeutende und nachhaltige Auswirkungen auf die Zukunft der Integrationsbestrebungen haben: Durch die Internalisierung von Identitätsgefühlen gegenüber der EU wird langsam aber sicher auch die Legitimität und Akzeptanz der EU untermauert.
Weitere Informationen
Kontakt:
Prof. Dr. Wolfgang Lutz
Institut für Demographie
Österreichische Akademie der Wissenschaften
1040 Wien, Prinz Eugen Straße 8-10, 2.OG
T +43 1 51581-7718
und
World Population Program
International Institute for Applied Systems Analysis
2361 Laxenburg, Schlossplatz 1
T +43 2236 807-294
Dr. Sylvia Kritzinger
Institut für Höhere Studien (IHS)
1060 Wien, Stumpergasse 56
T +43 1 59991-176
Dr. Vegard Skirbekk
World Population Program
International Institute for Applied Systems Analysis
2361 Laxenburg, Schlossplatz 1
T +43 2236 807-378
Büro für Öffentlichkeitsarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
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F +43 1 51581-1227
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