Wissenschaftliche Kooperation EU-Lateinamerika
Zusammenfassung der KEF-Podiumsdiskussion am 11. Mai 2006
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Research for Development - Roundtables" lud die Kommission für Entwicklungsfragen (KEF) an der Österreichischen Akademie für Wissenschaften gemeinsam mit dem Lateinamerika-Institut zu einer Podiumsdiskussion über die Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Kooperation zwischen Europa - insbesondere Österreich - und Lateinamerika. Die Veranstaltung fand anlässlich des IV. EU-Lateinamerika-Karibik-Gipfels (EU-LAC) in Wien statt.
Im Mittelpunkt der Diskussion, die sich in erster Linie an Wissenschafter(innen) und Entscheidungsträger(innen) aus Politik und Verwaltung richtete, standen Fragen über mögliche Barrieren für eine effiziente wie transparente Zusammenarbeit zwischen europäischen und lateinamerikanischen Forscher(inne)n, über eine mögliche Verbesserung des Informationsflusses sowie über ungenutztes Potenzial und neue Chancen der wissenschaftlichen Kooperation zwischen den beiden Weltregionen. Am Podium diskutierten Dr. Andrés Musacchio, Direktor des Centro de Estudios Internacionales y Latinoamericanos an der Universidad de Buenos Aires, Mag. Barbara Weitgruber, in der Sektion VI im Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (BMBWK) verantwortlich für wissenschaftliche Forschung und internationale Angelegenheiten und Dr. Gudrun Lettmayer, KEF-Mitglied und Mitarbeiterin am Institut für Nachhaltige Techniken und Systeme Joanneum Research. Es moderierte Robert Prazak vom Wirtschaftsblatt.
Fachsitzung in Salzburg: Schwerpunktthemen für Kooperationen
Barbara Weitgruber gab einen Einblick in die Ergebnisse der jüngsten Fachsitzung von Beamt(inn)en aus dem Forschungs- und Wissenschaftsbereich, die im Zuge der Vorbereitung des EU-LAC-Gipfels im Februar 2006 in Salzburg stattgefunden hatte und an der Vertreter(innen) von 19 EU-Staaten und 13 Staaten Lateinamerikas und der Karibik teilgenommen hatten. Die Schwerpunkte dieser Fachsitzung lagen auf der Zusammenarbeiten zwischen den Regionen, besonders aber auch innerhalb der Regionen. Schwerpunktthemen für Forschungskooperationen seien unter anderem Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft, Energie, Telekommunikation und Innovationen im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs).
Interesse von neuen EU-Mitgliedern an Lateinamerika
"Allgemein bekannt ist, dass Spanien und Portugal oft die Vorreiterrollen innerhalb der EU einnehmen, wenn es um Kooperation mit Lateinamerika geht. Weniger bekannt ist, dass auch andere EU-Staaten, besonders Polen und die baltischen Staaten, verstärkt Interesse an einer biregionalen Zusammenarbeit zeigen. Das eröffnet Chancen für eine neue Dynamik der Beziehungen für die gesamte EU", sagte Weitgruber. Sie warb für mehr Verständnis für die Unterschiede zwischen den Ländern Lateinamerikas: Insbesondere bei der Mobilität von Wissenschafter(inne)n und der gegenseitigen Anerkennung von akademischen Qualifikationen bestünden zwischen den lateinamerikanischen Staaten oft noch Mängel, was nicht nur für die interregionale, sondern auch für die biregionale Zusammenarbeit hinderlich sei.
Plädoyer für komplementäre Zugänge
Gudrun Lettmayer bestätigte dies und plädierte für komplementäre Zugänge: Es sei wichtig, die biregionale Kooperation im Wissenschafts- und Bildungsbereich zwischen EU und Lateinamerika-Karibik voranzutreiben, es sei aber auch wichtig, die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und Sub-Regionen in Kultur, Wirtschaft und Landesnatur anzuerkennen. "Diese Unterschiede werden weiter bestehen, weshalb auch bilaterale Kooperationen zwischen EU-Staaten und lateinamerikanischen Staaten weiterhin Sinn machen", betonte Lettmayer. Optimal wäre auf jeden Fall die Einrichtung einer Art "Förderplattform" für Wissenschaftskooperationen, um die Finanzierung von Forschungsprojekten zu erleichtern und Doppelgleisigkeiten zu vermeiden.
Entwicklungsperspektiven im Vordergrund
Andrés Musacchio stellte den Begriff der Entwicklung in den Vordergrund und nahm die lateinamerikanischen Staaten in die Verantwortung: "Die Staaten Lateinamerikas können und müssen selbst Ideen formulieren, wie eine bessere Zukunft für ihre Einwohner aussehen soll, in welche Richtung Entwicklung gehen soll. Erst dann ist ein Dialog über Forschung für Entwicklung auch mit Europa möglich. Ein Dialog zwischen Vertreter(inne)n beider Weltregionen, in dem es nur um Freihandel geht, ist kein Dialog über Entwicklung", bekräftigte der argentinische Wissenschafter. Man müsse sich klar darüber werden, welche Art von Forschung in welcher Region Sinn mache, wo welche Schwerpunkte gesetzt werden sollten.
Capacity building, nicht nur Elitenaustausch
Barbara Weitgruber stellte fest, dass es auch in der EU-Kommission Verständnis dafür gebe, dass wissenschaftliches "capacity building" mit EU-Mitteln nicht nur in den vier Staaten Lateinamerikas erfolgen sollte, die bereits Abkommen mit der Kommission unterzeichnet hätten (Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko). Es sei ein ehrliches Bemühen festzustellen, auch die Forschung in anderen Staaten der Region einzubinden. "Es kann ja nicht nur darum gehen, sozusagen nur die Elitenbildung und den Elitenaustausch zwischen einigen wenigen Staaten zu finanzieren. Wirkliches "capacity building" muss weiter gefasst sein." Gerade die neuen EU-Staaten in Mittel- und Osteuropa und manche Staaten Lateinamerikas hätten viel gemeinsam und sollten stärker zusammenarbeiten, ergänzte Musacchio.
Informationen zur Veranstaltung
Kontakt:
Mag. Birgit Habermann, MSc
Kommission für Entwicklungsfragen (KEF)
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