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19.12.2006

Kultur der Kinderlosigkeit

Österreich beim Kinderwunsch europäisches Schlusslicht



Neueste Daten des Eurobarometers 2006 zeigen, dass österreichische Frauen und Männer die niedrigsten Kinderwünsche in Europa haben. Besonders bei den jüngeren Männern sagen mehr als ein Drittel, dass sie gar keine Kinder wollen. Lag vor zehn bis 15 Jahren die persönlich als ideal angesehene Kinderzahl noch bei über zwei Kindern, so beträgt sie heute im Durchschnitt nur noch 1,6 Kinder. Diese Daten können Vorzeichen einer weiteren deutlichen Abnahme der Geburtenzahl in Österreich sein.

Eine mögliche Erklärung für diese jüngste Abnahme des Kinderwunsches in Österreich und in den anderen deutschsprachigen Ländern kann die so genannte "Low Fertility Trap Hypothese" bieten. Diese am Wiener Institut für Demographie der ÖAW und dem Internationalen Institut für angewandte Systemforschung (IIASA) in Laxenburg entwickelte Hypothese besagt, dass der Kinderwunsch junger Menschen durch die Zahl der Kinder, die sie in ihrer Umgebung und den Medien erleben und sehen, beeinflusst wird. Erleben sie nur wenige Erwachsene mit Kindern, so spielen auch Kinder für ihre eigenen Lebensziele eine geringere Rolle. Es entwickelt sich eine Kultur der geringen Kinderzahl bzw. Kinderlosigkeit.

Deutschland und Österreich gehörten zu den ersten Ländern, die in den 1970-er Jahren eine steile Abnahme der Geburtenraten zu verzeichnen hatten. Jetzt, eine Generation später, scheint sich dies auf die zuvor stabil hohen Kinderwünsche auszuwirken. Wenn diese Hypothese richtig ist, dann bedeutet dies den Beginn einer sich selbst verstärkenden Abwärtsentwicklung in den Geburtenraten, gleichsam einer Spirale nach unten, die, wenn nicht massiv gegengesteuert wird, kaum mehr aufzuhalten ist.

Eine Möglichkeit diese Hypothese empirisch zu testen, liegt in der Beobachtung der Entwicklung des Kinderwunsches in anderen Ländern, die einen steilen Geburtenrückgang zirka zehn Jahre später hatten (wie Italien und Spanien) oder kontinuierlich relativ hohe Geburtenraten hatten (wie z.B. Frankreich, Schweden und England). Ein Vergleich der Eurobarometerdaten von 2001 und 2006 zeigt in der Tat, dass die persönlich ideale Kinderzahl in den letztgenannten Ländern konstant hoch ist, während sie in Spanien und Italien zu sinken beginnt.

Diese Entwicklung muss nicht unbedingt schicksalhaft hingenommen werden. Bis zu einem gewissen Grad können Sozial- und Familienpolitik gegensteuern, insbesondere solange der Kinderwunsch noch nicht zu weit gesunken ist. Ein Beispiel hierfür ist Frankreich, das seit Jahrzehnten explizit pronatalistische Politik betreibt, mit einer massiven Umverteilung von Kinderlosen und Kleinfamilien hin zu Grossfamilien, und heute die höchste Geburtenrate in Europa hat.

Aber auch nach der Einführung des Kindergeldes in Österreich 2002 ist die Fertilitätsrate geringfügig gestiegen. Das Thema explizit Geburten fördernder Politik ist allerdings in Österreich wie in zahlreichen anderen Ländern Europas ideologisch umstritten. Dies zeigt auch das jüngste offizielle Weißbuch der europäischen Kommission. Dort wird vor allem darauf hingewiesen, dass Regierungen helfen können, die Diskrepanz zwischen Kinderwunsch und realer Kinderzahl zu verringern.

Aber was, wenn der Kinderwunsch rapide sinkt? In Österreich sind ideale Kinderzahl und die um den verzerrenden Tempoeffekt bereinigte Geburtenrate bereits auf dem selben Niveau. Offizielle demographische Prognosen sind bisher davon ausgegangen, dass die Geburtenrate nicht mehr weiter sinkt, bzw. in Zukunft leicht ansteigen wird. Die Möglichkeit einer weiteren Abnahme schien undenkbar. Die neuesten Daten machen es aber durchaus zu einer berücksichtigungswürdigen Möglichkeit.

Nimmt man an, dass sich der Rückgang der Kohortenfertilität (endgültige Kinderzahl der Frauen eines Jahrganges) der letzten Jahrzehnte fortsetzt und die Geburtenrate langfristig auch unter ein Kind pro Frau fallen kann, dann wird der Alterungsprozess der Bevölkerung dadurch dramatisch beschleunigt. Bereits 2050 wären dann mehr als die Hälfe der Bevölkerung über 60 Jahre und bis zum Ende des Jahrhunderts würde sich die Bevölkerung Österreichs selbst bei moderater Zuwanderung halbieren. Bis 2100 könnte gar die Hälfte der Bevölkerung über 80 Jahre alt sein, sollte die Lebenserwartung weiter steigen und sich die Geburtenspirale weiter nach unter drehen.

Es bedarf nicht einmal solcher extremer Szenarien, um die Bevölkerungsentwicklung auch als ein Nachhaltigkeitsproblem zu sehen. Ohne entsprechenden Nachwuchs kann es in keinem Bereich Nachhaltigkeit geben, weder in der Forstwirtschaft, wo der Begriff der Nachhaltigkeit erstmals auftauchte, noch bei der Entwicklung der menschlichen Bevölkerung. Dies ist auch der Grund warum sich das FORUM Nachhaltiges Österreich 2006 mit diesem Thema beschäftigt hat.

Diese vorläufigen Analysen dürfen nicht zu vorschnellen und populistisch werbewirksamen politischen Forderungen führen, sondern müssen als Aufforderung zu einer ausgewogenen und breiten Auseinandersetzung mit der Tatsache ernst genommen werden: Warum wünschen sich heute junge Menschen keine Kinder mehr? Wir brauchen hier tiefer gehende Datenerhebungen und Studien zu den zukünftigen Geburtenraten und wir müssen verstehen lernen, warum Österreich beim Kinderwunsch europäisches Schlusslicht ist. Wie sehen die Folgen einer weiteren Abnahme der Geburtenrate beispielsweise für die ländlichen Regionen in Österreich aus? Welche Instrumente der Gegensteuerung könnten greifen, weil sie auf die Ursachen eingehen? Wir brauchen eine Politik der nachhaltigen Entwicklung, die von den nicht-nachhaltigen Trends zu positiven Zukunftsperspektiven führt.


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