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03.03.2004

Falsche Politik durch fehlende Stadtforschung: Wissenschaftler kritisieren EU

Vor dem Hintergrund der EU-Erweiterung fordern Wissenschaftler eine  Intensivierung der Stadtforschung / ÖAW-Institut koordiniert  österreichische Aktivitäten



Gemäß der Erklärung von Lissabon soll Europa bis 2010 zum "wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt" werden. Obwohl Stadtregionen als Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung gelten, ist im 6. EU-Forschungsrahmenprogramm (Laufzeit 2002 bis 2006) das Thema Stadtforschung nicht mehr gefragt. Axel Borsdorf, Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gibt zu bedenken, dass "bis heute zwei Drittel der europäischen Fördergelder in den Agrarraum gehen, obwohl 80 % der Europäer in Städten wohnen. Wenn Europa im globalen Wettbewerb bestehen wolle, müssen die Prioritäten vor dem Hintergrund der Osterweiterung neu überdacht werden", meint Borsdorf.

Vor kurzem fanden in sechs europäischen Ländern Tagungen statt, bei denen Wissenschaftler forderten, dass die Stadtforschung wieder zu einem Schwerpunkt europäischer Projektförderung werden müsse, um das Ziel von Lissabon zu erreichen. Bei der, vom ÖAW-Institut organisierten Wiener Tagung waren Teilnehmer aus österreich, Polen, der Slowakei, Tschechien, Belgien und Nordirland vertreten. "Während westeuropäische Metropolen schon seit Jahrzehnten mit Phänomenen wie Suburbanisierung, soziale Segregation, Stadtverfall, Schrumpfung oder Deindustrialisierung konfrontiert sind, werden diese Problemkreise für Großstädte in Osteuropa erst allmählich relevant. Die besondere Herausforderung besteht darin, ähnliche städtische Probleme gemeinsam zu analysieren und entsprechende Gegenstrategien zu entwickeln", resümiert Axel Borsdorf.

Im Besonderen sparten die Forscher nicht mit Kritik an der offiziellen Raumentwicklungspolitik. Die Europäische Union ließe völlig offen, inwieweit sich die von ihr proklamierte "polyzentrische Raumentwicklung" mit den Zielen des territorialen und sozialen Zusammenhalts der Menschen vertrage. Die Stadtforscher befürchten, dass sich durch die von der EU angestrebte Entwicklung der Verkehrsbedarf zwischen den urbanen Knotenpunkten des Städtenetzes enorm verstärken wird. Wissenschaftliche überprüfung, konstruktive Kritik und die partnerschaftliche Suche nach Lösungen in Zusammenarbeit mit Politikern, Planern und Bürgern sei deshalb ein Gebot der Stunde. Vor diesem Hintergrund werde es entscheidend sein, dass die europäische Stadtforschung wieder von der EU gefördert wird.

Die Wissenschaftler fordern daher die Europäische Kommission energisch auf, mit neuen Forschungsprogrammen Lösungen für die vielen anstehenden Probleme, Antworten auf die offenen Fragen und die Suche nach Alternativen für die negativen Trends der Gegenwart zu fördern.


Rückfragehinweis:
Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW
Prof. Dr. Axel Borsdorf
E-Mail: Axel.Borsdorf@oeaw.ac.at
Tel: 01-51581-3526
http://www.oeaw.ac.at/isr/
http://www.oeaw.ac.at/isr/super/