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13.06.2002

Die Suche nach den Ursprüngen: Von der Bedeutung des frühen Mittelalters

Symposium der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der ÖAW 14.-16. Juni 2002



Die Frage "Woher kommen wir?" ist in allen Epochen gestellt worden; die Antwort sollte zugleich auf die nächste Frage Auskunft geben: "Wer sind wir?". Die moderne Geschichtsforschung stellte sich dieser Suche nach den Ursprüngen. Damit etablierte sie sich zugleich als Instanz, die modernen Identitäten eine Grundlage in der Tiefe der Zeit geben konnte. Die modernen Nationen strebten nach wissenschaftlicher Legitimierung ihrer Ansprüche auf Souveränität und territoriale Expansion. Das Frühmittelalter spielte bei der Begründung nationaler Ansprüche, aber auch anderer Identitäten eine Schlüsselrolle; Chlodwig für Frankreich, die Angelsachsen für England, die Westgoten für Spanien, die Ottonen für Deutschland, die slawische und magyarische Expansion in Osteuropa, Byzanz für Griechenland, zuletzt auch Karl der Große für die Europäische Gemeinschaft sind Kernbestände solcher Gründungsmythen. Für die Frühgeschichts- und Mittelalterforschung waren die Folgen zwiespältig; einerseits rückte sie seit der Romantik ins Zentrum nationaler Aufmerksamkeit, andererseits verstrickte sie sich in moderne Projektionen und Ideologien, deren Folgen teils noch immer auf ihr lasten.

Heute wissen wir, dass die Frage nach dem Ursprung falsch gestellt ist, weil sie eine breite und vielfältige Entwicklung auf die Vorgeschichte des Bestehenden (oder eines Scheiterns) hin zuspitzt. Schon Nietzsche hat bemerkt, dass die Antwort auf diese Frage immer die Barbarei ist (und nicht, wie die Historiker seiner Zeit glaubten, das "Wesen" eines Volkes oder einer sozialen Gruppe). Auch wenn in manchen Ländern Europas noch immer nach nationalen Ursprüngen gesucht wird: Längst hat eine Gegenbewegung eingesetzt, die den Erklärungswert des früheren Mittelalters insgesamt eher gering einschätzt. Was zuvor als falsch verstandene "Ursprünge" verengt und verdinglicht wurde, wird nun, nicht zuletzt mit dem Argument des ideologischen Missbrauchs, überhaupt verworfen.

Das Symposion will einen dritten Weg suchen, um der Bedeutung des frühen Mittelalters für die weitere Entwicklung Europas gerecht zu werden. In vielen Gebieten fielen in jener Zeit Entscheidungen, die für spätere Identitäten wichtig blieben. Dass Europa überhaupt ein Europa der Völker wurde, liegt nicht zuletzt an der frühmittelalterlichen Verbindung von Herkunftssage, klassischer Ethnographie und biblischer Geschichte. Damals entstand nicht nur die ethnische Geographie Europas, sondern auch die Sprache, in der man sich darüber verständigte. Dazu kamen andere folgenreiche Identitäten, etwa im kirchlichen Bereich: das katholische Kirchenvolk, monastische Gemeinschaften oder Diözesen, eine ausgedehnte Topographie des Heiligen. Dynastien und Adelsfamilien suchten ihre Herkunft ebenfalls im frühen Mittelalter. In all diesen Fällen beruhen unsere Informationen freilich nicht zuletzt auf späterer Wahrnehmung und auf der jeweiligen Erinnerungskultur späterer Generationen, was besondere methodische Anforderungen an die Geschichtswissenschaften stellt. Wie gehen wir mit der sozialen Erinnerung des Mittelalters und an das Mittelalter um? Wie bildeten sich Identitäten im frühen Mittelalter, wie wurden sie später umgedeutet, und was war dabei der Beitrag der modernen Historiographie? Diese Fragen stehen im Zentrum der Tagung; sie knüpfen vor allem am Werk Herwig Wolframs an, der Wien zu einem Zentrum der internationalen Frühmittelalterforschung gemacht hat.

Programm des Symposions


Kontakt:
Doz. Dr. Walter Pohl
Leiter der Forschungsstelle für Geschichte des Mittelalters der ÖAW
Prinz-Eugen-Straße 8-10, 1040 Wien
Tel.: (+43 1) 51581/7200
E-Mail: Walter.Pohl@oeaw.ac.at