ÖAW stellt sich ihrer Rolle unter der NS-Herrschaft
Symposium, Gedenktafel, Publikation und Ausstellung im Dienste der Aufarbeitung

- Stefan Sienell (Leiter Archiv der ÖAW), Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und ÖAW-Präsident Helmut Denk (v.l.n.r.) geben den Startschuss zur Ausstellung. Bild: Rudolf Handl/timeline.at.
„Offen und schonungslos“: Die Aufarbeitung der Rolle der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) während des NS-Regimes förderte nach Ansicht von ÖAW-Präsident Helmut Denk unangenehme, aber wichtige Erkenntnisse zutage. Den 75-jährigen Jahrestag des „Anschlusses“ Österreichs an Nazi-Deutschland nahm die ÖAW zum Anlass, diese Ergebnisse im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren, die bis 15. Mai im Hauptgebäude der ÖAW zu besichtigen und zu der auch ein Ausstellungskatalog erhältlich ist. Den Startschuss lieferte ein Symposium am 11. März, bei dem der neueste Forschungsstand zum Thema vorgestellt und unter reger Beteiligung der Besucher intensiv diskutiert wurde.
Mit der Enthüllung einer Gedenktafel durch Barbara Prammer, Präsidentin des Österreichischen Nationalrats, ehrte die Akademie dabei zugleich jene Mitglieder und Mitarbeiter(innen), die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Die Akademie 1938
Man bestimmte binnen weniger Monate eine neue Führung, verlor oder verdrängte Mitglieder wegen „rassischer“ Gründe, erließ eine neue Satzung und stellte ganze Disziplinen in den Dienst der nationalsozialistischen Ideologie: Die Gleichschaltung der Akademie der Wissenschaften in Wien nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 ging zwar etwas langsamer vonstatten als bei den meisten heimischen Universitäten – weniger gründlich war sie jedoch nicht. Noch im Frühjahr 1938 wurde der für seine deutschnationale Gesinnung bekannte Historiker Heinrich von Srbik zum neuen Präsidenten gewählt, im Juli desselben Jahres wurde eine neue Satzung erlassen, mit der einerseits die Nürnberger Rassengesetze auch in der Akademie zur Anwendung kamen und andererseits ihre Autonomie weitgehend verloren ging. In den Jahren des NS-Regimes mussten sechs wirkliche und 15 korrespondierende Mitglieder die Institution verlassen.
Forschung im Dienst der Ideologie
Es folgte eine Anpassung der Forschungsaktivitäten an die Vorgaben des Nationalsozialismus, das Phonogrammarchiv etwa widmete sich nun unter anderem der Aufnahme deutscher Mundarten, die Ost- und Südosteuropa-Forschung sollte dem Regime für die Balkanpolitik nützliches Wissen liefern und der Akademie damit im gesamten Reich zu Geltung verhelfen. Sieben Jahre der NS-Herrschaft in Österreich hinterließen im Wissenschaftsbetrieb Österreichs tiefe Spuren.
Die Aufarbeitung dieser Epoche dauerte dennoch Jahrzehnte – nicht zuletzt, weil die Entnazifizierung 1945 höchst lückenhaft war. „Der Umgang mit der Vergangenheit in der NS-Zeit ist noch problematischer als die NS-Zeit“, stellte Herbert Matis, Historiker und Mitherausgeber des Ausstellungskatalogs „Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945“, fest. Es dauerte bis in die 1980er Jahre, bis kritische Studien zur Rolle im Nationalsozialismus erschienen – übrigens nicht nur an der ÖAW. Die nun erfolgten und noch keineswegs abgeschlossenen eingehenden Forschungsarbeiten an der ÖAW sollen dazu beitragen, diese Versäumnisse aufzuholen. Auch wenn, wie sich alle Beteiligten einig sind, noch viel Forschungsbedarf besteht - eine Notwendigkeit, der nachzukommen sich die ÖAW mit der Ankündigung weiterer Forschungsaktivitäten in den kommenden Jahren verpflichtet hat. Zum Gedenken der Mitarbeiter(innen) und Mitglieder, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, setzte die Akademie bereits ein dauerhaftes Zeichen: Die Gedenktafel, die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer vor dem Festsaal der ÖAW enthüllte, soll den Angehörigen jene Würdigung erwiesen, die ihnen bisher verwehrt geblieben ist.
- Mehr zur Akademie der Wissenschaften 1938-1945 lesen Sie im Thema des Monats 03/2013
- Erschienen im Verlag der ÖAW: Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945
- Begrüßungsrede von ÖAW-Präsident Helmut Denk im Wortlaut

