Von der Gelehrtengesellschaft zur Trägerin moderner Forschungseinrichtungen
Geschichte
1713 hatte G. W. von Leibniz die Errichtung einer Akademie der Wissenschaften in Wien nach dem Vorbild der Royal Society in England und der Académie des Sciences in Frankreich angeregt. Unter Maria Theresia gab es weitere Vorschläge für eine wissenschaftliche akademische Trägerorganisation (etwa durch J. C. Gottsched, 1750), doch erst eine Bittschrift zwölf namhafter Gelehrter im Jahr 1837 führte nach langen Beratungen zur Gründung der "Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien" durch das kaiserliche Patent vom 14. Mai 1847. Im Jahr 1857 erhielt die als Gelehrtengesellschaft und Hort wissenschaftlicher Freiheit geschaffene Institution als ständigen Sitz die alte, 1753-1755 nach den Plänen des französischen Architekten Jean Nicolas Jadot erbaute Universitätsaula im Zentrum von Wien.
Erste Errungenschaften in den Geistes- und Naturwissenschaften
Bald schon übernahm die Akademie weitgesteckte Forschungsaufgaben. Im Bereich der Geisteswissenschaften begann sie mit der Erforschung und der Herausgabe wichtiger österreichischer Geschichtsquellen (wie etwa das Archiv für österreichische Geschichte, die Quellenedition "Fontes rerum Austriacarum" (ab 1849) oder das "Biographische Lexicon des Kaisertums Österreichs" (von C. Wurzbach). Seit 1875 gab sie gemeinsam mit den Akademien von München und Berlin die "Monumenta Germaniae Historica" heraus. Forschungsreisen führten nach Kleinasien, nach Süd-Arabien und Nubien. Die Akademie leitete archäologische Ausgrabungen entlang des römischen Limes an der Donau in Ober- und Niederösterreich (Carnuntum, Mautern) und begann um die Jahrhundertwende mit den berühmten Grabungen in Ägypten und in Ephesos in der Türkei, an letzterer war sie über 90 Jahre beteiligt. Dazu kamen sprachwissenschaftliche Forschungen auf dem Balkan und im Vorderen Orient. 1899 gründete die Akademie das erste Phonogrammarchiv Europas.
Breit gestreut war auch die Forschungstätigkeit im Bereich der Naturwissenschaften. 1857 übernahm die Akademie die wissenschaftliche Betreuung bei der Erdumsegelung der "Novara" und, aufbauend auf den bei der Payer-Weyprecht-Polarexpedition gewonnenen Erfahrungen, förderte sie das Projekt eines "Ersten Internationalen Polarjahres" sowie die österreichische Expedition nach Jan Mayen (1882/83). Auch am "Zweiten Internationalen Polarjahr" 1932/33 war die Akademie beteiligt. Gerade in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens trat die Akademie mit Pionierleistungen hervor: Sie initiierte die Gründung der Zentralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus im Jahr 1851, die Errichtung der Observatorien auf dem Sonnblick und dem Obir und gründete 1909 das Institut für Radiumforschung in Wien. Darüber hinaus unterstützte sie geologische Exkursionen, ozeanographische Forschungen im Mittelmeer, im Marmarameer und im Roten Meer und widmete sich geophysikalischen Beobachtungen (Erdbeben), der Rohstoffforschung (Kohle) sowie hochalpinen Forschungen. Die Akademie ist eines der Gründungsmitglieder des Kartells der deutschen Akademien (1893) und der Internationalen Assoziation der Akademien (1899).
Entwicklungen im 20. Jahrhundert
Ein Bundesgesetz aus dem Jahr 1921 sicherte die rechtlichen Grundlagen der Akademie in der Ersten Republik. Im Laufe des 20. Jahrhunderts trug die Akademie mit der Einbeziehung neuer Forschungsrichtungen der wissenschaftlichen Entwicklung Rechnung. Vor allem ab Mitte der Sechzigerjahre begann mit der Gründung zahlreicher Institute in fast allen Bundesländern und durch die Mitarbeit bei internationalen Organisationen und Forschungsprogrammen der Aufstieg zur heute führenden grundlagenorientierten außeruniversitären Forschungsinstitution Österreichs. Auf den Gebieten der Sozial- und Geisteswissenschaften lieferten Forschungen der Akademie nicht nur international beachtete Beiträge zur Wissenschaftsentwicklung (z. B. in der Byzantinistik, Iranistik, Numismatik, Sprach- und Literaturwissenschaft), sondern auch wichtige Grundlagen für die Regionalpolitik und Raumordnung beziehungsweise zur Bewertung gesundheits-, familien- und sozialpolitischer Maßnahmen der öffentlichen Hand (z. B. durch die Institute für Demographie und für Stadt- und Regionalforschung). Die systematische Erfassung des Alltagslebens und der materiellen Kultur des MA und der frühen Neuzeit durch das Institut für Realienkunde (Krems) eröffnet neue Perspektiven der Geschichtsbetrachtung.
In der mathematischen-naturwissenschaftlichen Klasse lagen die Forschungsschwerpunkte der Akademie im 20. Jahrhundert verstärkt bei den physikalischen, biologischen, medizinischen und umweltbezogenen Wissenschaften. Von den herausragenden Leistungen sind besonders zu erwähnen: die Mitarbeit am UA1-Experiment (Nachweis der W- und Z-Bosonen), das 1984 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, die Beteiligung am DELPHI-Experiment (Detektor für Lepton-, Photon- und Hadron-Identifizierung), der Bau von Magnetometern für Weltraumflüge (Venus, Mars, Projekt VEGA), die Beiträge zur Aufklärung der Genstruktur und Genregulation, der Alzheimerschen Krankheit, der Denkvorgänge beim Menschen mittels Elektroenzephalogramm, schwerer Blutkrankheiten usw.
Als Gelehrtengesellschaft zählte und zählt die Akademie führende Wissenschaftler des Landes zu ihren Mitgliedern. Viele von ihnen sind untrennbar mit bahnbrechenden Leistungen verbunden. Stellvertretend für viele seien einige hervorragende Persönlichkeiten der Vergangenheit genannt. Der erste Präsident der Akademie war der berühmte Orientalist Joseph Frh. v. Hammer-Purgstall, eines ihrer ersten Mitglieder der Physiker Christian Doppler. Der Chirurg Theodor Billroth, der Geologe Eduard Suess, dem Wien seine Hochquellwasserleitung verdankt, der Physiker Ludwig Boltzmann, Karl Auer v. Welsbach, der das Gasglühlicht entwickelte, gehörten ihr ebenso an wie der Sprachwissenschaftler Paul Kretschmer und der Nationalökonom und Reformer des Steuerwesens, Eugen v. Böhm-Bawerk. Zu ihren Mitgliedern zählten aber auch die Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg (Malariatherapie der progressiven Paralyse), Victor Hess (Erforscher der Höhenstrahlung), Erwin Schrödinger (Wellenmechanik) und Konrad Lorenz (Vergleichende Verhaltensforschung).

