Geschichte
Das Forschungsprojekt Tabula Imperii Byzantini (TIB) entstand am
Beginn der Sechzigerjahre dank der Initiative von Herbert Hunger. Er erkannte
die damals deutlich fühlbare Forschungslücke im Bereich der spätantiken
und mittelalterlichen Geographie, Siedlungsgeschichte und Demographie des
östlichen Mittelmeerraumes und wurde durch das ältere Vorhaben
der Tabula Imperii Romani zu einem chronologisch und systematisch an diese
anschließenden Projekt angeregt. Nach mehrjährigen Vorbereitungsarbeiten
stellte Hunger das Vorhaben beim XIII. Internationalen Byzantinistenkongreß
in Oxford 1966 vor. Im selben Jahr richtete die Philosophisch-Historische
Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als institutionelle
Basis die Kommission für die Tabula Imperii Byzantini ein. 1995 wurde
die Leitung der Kommission Johannes Koder übertragen, der das seit 2006 im
Institut für Byzanzforschung eingerichtete Bündelprojekt leitet.
Zielsetzung
Ziel der Tabula Imperii Byzantini ist die Erstellung eines Atlas des Byzantinischen Reiches. Dieser
besteht in Kartenblättern zu den Provinzen des Reiches im Maßstab
1:800.000. Auf diesen Karten sind die alten geographischen Namen in schwarzer
Schrift eingetragen. Die Zuordnung der Siedlungen, Festungen und kirchlichen
Anlagen zu einzelnen Epochen des Byzantinischen Reiches ist durch Füllung
der Signaturen mit Farben bzw. Farbmischungen dargestellt. Für Gebiete,
wo infolge der Dichte der Eintragungen der Kartenmaßstab 1:800.000
nicht ausreicht, werden zusätzlich großmaßstäbige
Sonderkarten angefertigt.
Den Kartenblättern sind umfangreiche Textbände
zugeordnet. Diese Bände enthalten als Hauptteil in alphabetischer
Reihenfolge die Namen von Orten, Fluren Siedlungen, Klöstern, Gewässern,
Bergen etc. mit Beschreibung ihrer Lage, Geschichte und Denkmäler.
Die Einleitungskapitel zu den TIB-Bänden geben Auskunft über
Grenzen, Verwaltung, Geschichte, Kirche, Wirtschaft, Bevölkerung,
Verkehr und Verteidigungsanlagen.
Die TIB betreibt die Erforschung der historisch-geographischen
Grundlagen des byzantinischen Reiches. Die zeitliche und räumliche
Abgrenzung des Projektes ergibt sich aus den besonderen Bedingungen der
politischen und kulturellen Entwicklung von Byzanz. Das Byzantinische Reich
ist jener Staat, der sich selbst als Staat der "Romäer" (der "Römer")
bezeichnete, da er sich bruchlos aus dem Römischen Reich der Spätantike
entwickelt hat. Seine zeitliche Existenz wird in der Regel mit der Epoche
umschrieben, in welcher die Stadt Byzantion / Konstantinupolis / Istanbul
als "zweites Rom" Hauptstadt des späten Römischen beziehungsweise
des Byzantinischen Reiches und Kaiserstadt war, also zwischen dem Beginn
des 4. Jahrhunderts n. Chr. und der Mitte des 15. Jahrhunderts. Wenngleich
die politische Entwicklung von Byzanz am Ende des Mittelalters abgeschlossen
war, ist seine räumliche Abgrenzung nicht einheitlich zu definieren.
Dies erklärt sich zum einen aus dem langen Zeitraum seiner Existenz,
in welchem das Byzantinische Reich gezwungen war, sich allseitig mit politischen,
wirtschaftlichen und kulturellen Kräften sehr unterschiedlicher Qualität
und Quantität auseinanderzusetzen, und zum anderen, damit zusammenhängend,
mit der — nach Epochen unterschiedlichen — Diskrepanz zwischen politischer
Realität und ideologischem Anspruch auf Territorialherrschaft. Eine
Übereinstimmung seiner politischen Grenzen, soweit sie für einzelne
Abschnitte fixierbar sind, mit solchen, die sich von der naturräumlichen
Gliederung her anbieten, ist nicht allzu häufig festzustellen. Als
Ausnahmen wird man beispielsweise die Flüsse Euphrat und Donau oder
die Gebirgskette des Taurus und Antitaurus anzusehen haben.
Das Byzantinische Reich entwickelte sich nicht
aus dem "Nichts". An seinem Beginn stand nicht die Expansion eines ursprünglichen
kleinen Gemeinwesens, sondern eine allmähliche (nur teilweise bewußt
vollzogene) Umformung aus dem den Großteil der Ökumene der Alten
Welt, den gesamten Mittelmeerraum umspannenden Imperium Romanum, zum bedeutendsten
mittelalterlichen christlichen Staat des Ostens. Der ideologische und geographische
Fixpunkt innerhalb der elfhundertjährigen Geschichte von Byzanz ist
das Reichszentrum Konstantinopel, eine Stadt, die durch Konstantin den
Großen am Beginn des 4. Jahrhunderts als "neues" oder "zweites Rom"
definiert und im Verlauf mehrerer Generationen zur Hauptstadt ausgebaut
wurde; etwa 1500 Jahre war Konstantinopel die einzige Großstadt des
ägäischen Großraumes.
Es sind drei größere Interessenräume
des Byzantinischen Reiches festzustellen, deren äußere, von
der Hauptstadt jeweils entfernteste Grenzen bis zu einem gewissen
Ausmaß variabel waren. Ein zumindest teilweiser Besitz dieser Interessenräume
war aber für das Byzantinische Reich existenznotwendig. Die für
den Bestand des Reiches wesentlichen Regionen sind im folgenden mit dem
Begriff Kernräume bezeichnet.
1. Die östliche Hälfte des Mittelmeeres
und das Schwarze Meer, samt den Küsten, Hinterländern und Inseln;
Kernräume sind: die Ägäis mit etwa sechzig, zumeist kleinen,
ständig bewohnbaren Inseln und das Marmarameer samt den Meerengen
und dem Eingang des Schwarzen Meeres;
2. Kleinasien und die östlich anschließenden
Teile Armeniens, des Zweistromlandes und der Levante; Kernräume sind:
das westliche Kleinasien sowie die sich daran schließenden nördlichen
und südlichen Küstenzonen dieser Halbinsel;
3. die Balkanhalbinsel etwa bis zu den Flußgrenzen
von Save und Donau; Kernräume sind: Thrakien, die der Ägäis
zugewandten Teile von Festlandsgriechenland und die Peloponnes.
Von diesen drei Großräumen darf man
dem ersten — und hier insbesondere der Ägäis — vor den beiden
anderen eine vorrangige Bedeutung zusprechen, die der besonders starken
Beziehung des Byzantinischen Reiches zum Meer entspricht. Diese „Maritimität“
erreicht zwar nicht das Ausmaß des Extremfalles Venedig, da sich
das Byzantinische Reich ja auch über große Binnenräume
erstreckte, doch war sie hinsichtlich der meisten historisch vergleichbaren
Staaten Europas (etwa der Reiche der Bulgaren, der Avaren, des Karolingischen
Imperiums) und Asiens (z.B. Sasanidenreich, der Abbasiden-Kalifat) sehr
stark ausgeprägt. Die „Maritimität“ des Byzantinischen Reiches
war nicht auf eine passive Akzeptanz der geographischen Gegebenheiten des
Staatsterritoriums beschränkt (wie dies zeitweise beim Osmanischen
Reich als dem direkten Nachfolger des Byzantinischen Reiches der Fall war,
das bei vergleichbarer räumlicher Situation in seinem gesamten politischen
Agieren wesentlich binnenländischer orientiert war), sondern wies
eine aktive Einbeziehung aller Möglichkeiten von Meer, Küsten
und Inseln in die Gestaltung des byzantinischen Lebens- und Kulturraumes
auf. Im Früh- und Hochmittelalter umfaßten die byzantinischen
Interessenräume somit ein Gebiet von etwa 1,300.000 km2.
Neben den genannten Interessenräumen spielen
Italien (speziell Süditalien) und Sizilien, die sogenannte "Italia
byzantina" also, sowie die Länder der südlichen Mittelmeerküste,
besonders Ägypten, und weiters einige Küstengebiete im Süden
Spaniens in unterschiedlichem Ausmaß die Rolle von Randinteressengebieten;
sie gehörten – ausgenommen Teile Italiens – lediglich in frühbyzantinischer
Zeit dem Byzantinischen Reich an.
Arbeitsweise
Die historisch-geographische Forschungsarbeit
baut auf vier Kategorien von Quellen auf. Es sind dies: 1) die schriftlichen
Quellen (literarische und nichtliterarische Texte, sowie Inschriften, in
griechischer, lateinischer, syrischer, armenischer, arabischer, osmanisch-türkischer
Sprache sowie in slawischen Sprachen), 2) die archäologischen Quellen
(Denkmäler, Denkmalsreste, Keramik etc.), 3) die onomastischen Quellen
(Namen von Fluren, Siedlungen, Gewässern, Gebirgen etc. als Informationsträger)
und schließlich 4) die physischen Quellen (naturräumlichen Gegebenheiten).
Die aus Quellen, historischer und archäologischer Fachliteratur sowie
Reiseliteratur festgestellten Orte werden dann soweit möglich im Zuge
von Bereisungen aufgesucht, sodaß persönliche Beobachtungen,
die genauen Ortslagen, ihre Vernetzung und der aktuelle Zustand des Denkmalsbestandes
in den jeweiligen Bänden der TIB dokumentiert werden können.
Überdies dienen die Gebietsbereisungen dem Aufbau eines Bildarchivs,
das derzeit etwa 30.000 Dias umfaßt.
Die wissenschaftliche Bedeutung der TIB liegt
– abgesehen von der umfangreichen Sachinformation – besonders in der methodischen
Zusammenführung unterschiedlicher Fächer (wie Geschichte, Geographie,
Landeskunde, Topographie, Toponomastik, Paläobotanik, Paläozoologie,
Klimakunde, Archäologie, Kunstgeschichte, Keramikforschung, Architektur,
Numismatik, Wirtschaftsgeschichte, Demographie etc.) und der Umsetzung
der daraus gewonnenen Ergebnisse in Text und Landkarte.
Dem Ziel, daß die Arbeit der TIB den aktuellen
wissenschaftlichen Standards entspricht, dienen internationale Fachsymposien,
die von Mitarbeitern des TIB-Projekts veranstaltet
werden. Ein erstes derartiges Symposion hat von 11. bis 13. Dezember 1997
stattgefunden. Das Thema lautete: Byzanz als Raum – Zu Methoden und Inhalten
der historischen Geographie des östlichen Mittelmeerraumes im Mittelalter
und die Schwerpunkte lagen intendiertermaßen auf Methodenfragen,
der Darstellung neuer Methoden und deren Verknüpfung mit traditionellen
Methoden (Neue Wege der Interpretation schriftlicher Quellen; Toponyme
als topographische, klimatologische, soziale, wirtschaftliche und ethnographische
Informationsträger; Feindatierung von Keramik, deren Produktionsstätten
und Handelswege; quantifizierende flächendeckende Erfassung aller
Bodenfunde einer Region als Basis für die Siedlungs-, Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte; methodenübergreifende historische Geographie).
Eine zweite, von hochrangigen internationalen Spezialisten besuchte Tagung fand
im Oktober 2005 statt; das Thema lautete:
Handelsgüter und Verkehrswege. Aspekte der Warenversorgung im östlichen Mittelmeerraum (4. bis 15. Jahrhundert).
Die Akten der Tagung sollen 2007 veröffentlicht werden.
Neue Methoden (zu Projekt "Tabula Imperii Byzantini")
In den vergangenen 30 Jahren zeigt sich im Rahmen der Geisteswissenschaften verstärkt die Tendenz,
technische Neuerungen aus dem Bereich der Geoinformatik in die tägliche wissenschaftliche Arbeit einfließen zu lassen.
Mittlerweile sind Abkürzungen wie GPS (Global Positioning System), GIS (Geographic Information System),
DEM (Digital Elevation Model) etc. in der geisteswissenschaftlichen Sekundärliteratur allgegenwärtig.
Es wurde schnell deutlich, dass eine Anwendung bzw. technische Umsetzung der obengenannten Innovationen gerade
im Rahmen der Byzantinistik eine Vielzahl unterschiedlicher Datenbausteine erfordert. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Arbeit
der Tabula Imperii Byzantini (TIB) als geradezu ideales Fundament für weiterführende Forschungen unter Zuhilfenahme der Geoinformatik geeignet.
So können sowohl Mikro- als Makrotoponyme aus den schriftlichen Quellen zunächst dazu herangezogen werden,
Siedlungsstrukturen historischer Landschaften auf der Basis der modifizierten Central Place Theory zu erforschen.
Ausgehend von der Theorie Walter Christallers konnte Johannes Koder anhand einiger Beispiele zeigen,
dass für das Byzantinische Reich ein System von zwei Siedlungsebenen [Central Market Town (CMT) +
Intermediate Market Town (IMT) bzw. Standard Market Town (SMT)] anzunehmen ist. Provinzhauptstädte bzw.
administrative Zentren (CMT+IMT) konnten Berechnungen zufolge zwischen 39 und 46 km voneinander entfernt sein,
während die Distanz eines "Standard Market Town (SMT)" zur Provinzhauptstadt bzw. zum administrativen Zentrum (CMT+IMT)
zwischen 13 und 15 km betragen konnte.
Die Einteilung der erwähnten Toponyme nach diesen Kriterien lässt ein lebhaftes Siedlungsbild byzantinischer Zentren in
Radienform entstehen und macht gleichzeitig die Interaktion einzelner Zentren sowie deren Berührungspunkte deutlich.
In einem nächsten Schritt können im Zuge von Forschungsreisen und Surveys die quellenbasierenden Toponyme verortet und
mit GPS-Koordinaten eingemessen werden. Diese wiederum lassen sich auf vektorisierte Karten übertragen oder z. B. in
Google Earth einspielen. Gleichermaßen können alte Verkehrswege mit GPS-Tracks im Gelände aufgezeichnet und danach z. B. in Google Earth übertragen werden.
Surveys vor Ort erlauben es zudem, die einzelnen sichtbaren Kulturschichten einer historischen Landschaft mit
den Mitteln der Historic Landscape Characterisation (HLC) aufzuschlüsseln, wie dies bereits erfolgreich in Großbritannien unter Beweis gestellt wurde.
Nach Studium auf Quellenbasis, Lokalisierungen bzw. GPS-Einmessungen vor Ort und Übertragung der Daten in
bearbeitungsfähige Formate ermöglichen GIS-Anwendungen die Erstellung von 3D-Modellen unter Einbeziehung konkreter
wissenschaftlicher Fragestellungen. Aus historisch-geographischer Perspektive nimmt z. B. die Frage nach dem
Verlauf überregionaler Verkehrsverbindungen ein wichtiges Desiderat ein. Selten sind archäologische Zeugnisse greifbar und
wenn, dann meistens in Form von Brücken oder befestigten Straßenresten (d. h. Pflasterung), die in der einschlägigen
Sekundärliteratur als sogenannte "Zwangspunkte" bezeichnet werden. Zwischen diesen "Zwangspunkten" verlief die jeweilige
Verkehrsroute je nach topographischen Gegebenheiten in einer mehr oder weniger großen Bandbreite
(sogenannte "Transportzonen"), was mit Hilfe von Luftbildern je nach Region bzw. Bebauung deutlich zu erkennen ist.
An diesem Punkt bilden die erwähnten 3D-Modelle samt GIS eine sinnvolle Ergänzung, da sie gemeinsam die Programmierung
eines "least-cost path" erlauben. Dieser berechnet mit spezifischen Algorithmen den "direktesten" und mit geringstem Kraftaufwand
verbundenen Weg zwischen zwei Punkten im Digital Elevation Model, wobei diese Funktion sowohl zur Vorhersage (prediction)
als auch zur Nachbildung (replication) von Wegen herangezogen werden kann.
Auf diese Art und Weise werden neue Erkenntnisse im Gelände sowie auf der Basis der Geoinformatik gewonnen,
die zu einem besseren Verständnis der jeweiligen historischen Landschaft und zu einer Bereicherung
der einzelnen Bände des Großprojektes Tabula Imperii Byzantini beitragen.
Projektschritte
Das Projekt TIB wird in der Weise vorangetrieben,
daß in einzelnen Projektschritten jeweils ein Gebiet bearbeitet wird,
das im allgemeinen einer oder mehreren früh- oder mittelbyzantinischen
Provinzen (Themen) entspricht. Die Ergebnisse dieser Forschungen werden
in jeweils einem TIB-Band publiziert.
Mitarbeiter
Univ.-Doz., Dr.
Dr.
Univ.-Prof., Mag. Dr.
Mag. Dr.
Mag. Dr.
Projekte
laufend
(P. Soustal)
(K. Belke)
(F. Hild)
(K.-P. Todt, B.A. Vest)
(M. Popovic)
(A. Külzer)
(A. Külzer)
(M. Popovic)
abgeschlossen
(J. Koder, F. Hild): abgeschlossen
(F. Hild, M. Restle): abgeschlossen
(P. Soustal, J. Koder): abgeschlossen
(K. Belke, M. Restle): abgeschlossen
(F. Hild, H. Hellenkemper): abgeschlossen
(P. Soustal): abgeschlossen
(K. Belke, N. Mersich): abgeschlossen
(F. Hild, H. Hellenkemper): abgeschlossen
(K. Belke): abgeschlossen
(J. Koder, P. Soustal, A. Koder): abgeschlossen
(A. Külzer): abgeschlossen /
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