Limesforschungen

Der Tempelbezirk des Iuppiter Heliopolitanus in den Canabae von Carnuntum

Projektleitung: V. Gassner

MitarbeiterInnen:

Dr. N. Birkle (Votivbleche); Dr. P. Eschbaumer (Terra Sigillata); Mag. K. Fegerl (Archäozoologie); Dr. G. Kremer (Architektur u. Plastik); Dr. G. K. Kunst (Archäozoologie); Dr. U. Lohner-Urban (Stratigraphie); Dr. M. Pfisterer (Numismatik); Mag. E. Profant (Keramik/Stratigraphie); Mag. S. Radbauer (Terra Sigillata); Mag. J. Schlager (Bronzen, Lampen); Dr. E. Steigberger (Stratigraphie); Dr. B. Tober (Wandmalerei); Dr. H. Winter (Numismatik)

Forschungsgeschichte

Plan Carnuntum

In den Jahren 1978-1991 wurden auf den sogenannten Mühläckern im westlichen Bereich der Marktgemeinde Bad Deutsch-Altenburg anlässlich der Errichtung von Einfamilienhäusern Rettungsgrabungen erforderlich, die auf einer Fläche von rund 40.000 m 2 nicht nur einen wichtigen Ausschnitt der Carnuntiner Canabae, sondern auch zwei Tempelbezirke freilegten, von denen der kleinere dem Liber und der Libera, der größere dem Iuppiter Heliopolitanus geweiht war. Nach einer längeren Unterbrechung wurden im Jahr 2000 die Publikationsvorbereitungen für den Tempelbezirk des Iuppiter Heliopolitanus wieder aufgenommen und seitdem in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen fortgeführt.

Das FWF- Projekt (Projekt-Nr. 22902-G21) beschäftigt sich mit der Erforschung des Heiligtums des Iuppiter Heliopolitanus und seiner Stellung in der Kulttopographie Carnuntums. Dabei wird zum einen die bauliche Entwicklung des Heiligtums durch die Aufarbeitung der Stratigraphie und der Architekturzeugnisse erforscht, zum anderen soll die Bearbeitung der Tierknochen aus unterschiedlichen rituellen Deponierungen Aufschluss über Rituale und Kulthandlungen geben.

Der Tempelbezirk

Vergoldete Tabula ansata

Der dem ursprünglich aus Baalbek im heutigen Libanon stammenden Iuppiter Heliopolitanus geweihte Tempelbezirk stellt das einzige bekannte Heiligtum dieser Art nördlich der Alpen dar. Der Kult des Iuppiter Heliopolitanus und der gemeinsam mit ihm verehrten Venus Victrix und des Merkur/Bacchus ist durch Weihungen und inschriftliche Nennungen auf Altären, zwei tabulae ansatae aus Bronze sowie eine Ritzinschrift belegt. Auch die Fragmente von mehreren Votivblechen sind hier einzureihen.

Fragment eines Votivblechs

Der Heilige Bezirk bestand aus mehreren Tempeln, Kulträumen sowie einem Bad, welche durch Hallen und eine Umfassungsmauer zu einer größeren architektonischen Einheit zusammengefasst wurden. Sein Beginn fällt in die erste Hälfte des 2. Jhs. n. Chr., als der Tempel A und gleichzeitig mit ihm vielleicht auch schon die Halle H mit einer vorgelagerten Porticus errichtet wurde. Unklar ist, ob die heliopolitanischen Gottheiten schon zu dieser Zeit die Kultinhaber des Tempelbezirks waren, da ihre Verehrung in den nördlichen/Donauprovinzen erst ab der zweiten Hälfte des 2. Jh.s n. Chr. belegt ist, doch gibt es bis jetzt keine Anzeichen von Diskontinuität im Kult.

Blattvotiv

Die Blütezeit der Anlage ist in severische Zeit zu setzen: Der Tempel A wurde durch einen neuen Tempel (B) ersetzt, an der Südseite wurde an die Halle H die ebenfalls dreigeteilte Halle J angebaut und die vorgelagerte Südporticus erneuert. Auch die im Südosten gelegene Therme wurde in dieser Phase errichtet. 

Das Heiligtum wurde nach der Mitte des 4.Jahrhunderts durch das an mehreren Stellen von Carnuntum zu beobachtende, verheerende Erdbeben zerstört, doch ist derzeit unklar, ob es seine religiöse Funktion bis in diese Zeit beibehalten hat. Danach wurde das Gelände nicht mehr genutzt, sieht man von einer vereinzelten frühmittelalterlichen Bestattung im Bereich des Hofes C ab.  

Tempelbezirk auf den Mühläckern

Kult und Ritual

Proportionsstudie: Skulpturenfragmente

Die Rekonstruktion von Kult und Ritual des Heiligtums ist durch die oft tiefgreifenden antiken und nach-antiken Zerstörungen beeinträchtigt. Hinweise auf die hier verehrten Gottheiten können neben den epigraphischen Zeugnissen die Reste der statuarischen Ausstattung geben, unter denen vor allem mehrere Fragmente auffallen, die zu ein- und derselben Statuette gehören dürften (s. Proportionsstudie). Es könnte sich um eine Darstellung der Dea Syria oder der Venus victrix handeln.

Von besonderer Wichtigkeit für diese Frage der Kultrituale waren mehrere rituelle Deponierungen, die durch die Präsenz von mit Schlangen verzierten Kultgefäßen sowie einem ausgewählten Gefäßrepertoire kenntlich waren.

Grube mit ritueller Deponierung (L-29)
Keramik: Schlangenapplik
Gefäß m. Schlangenappliken
Osteologische Funde

Sie enthielten auch eine große Zahl von Tierknochen, deren Spektrum vor allem durch Rinderknochen mit einem Vorherrschen von Schädelteilen, Rippen und Langknochen (einschließlich Metapodien) charakterisiert war.
Daneben fanden sich Knochen von Schafen und Ziegen (10%) sowie ein signifikanter Anteil von Hausgeflügel (16%).

Sigillata-Spektrum aus der Grube (L-29)

Ferner stellen diese Deponierungen sgn. geschlossene Fundkontexte dar; die in ihnen enthaltenen Sigillata-Funde werden derzeit unter diesem Gesichtspunkt für die Überprüfung der Chronologie der Manufakturen von Rheinzabern und Westerndorf ausgewertet.

Abbildungsnachweis

Abb. 1: nach M. Kandler in: F. W. Putzger. E. Bruckmüller (Hg.), Historischer Weltatlas zur allgemeinen und österreichischen Geschichte 2. Aufl. (2000); Abb. 2-4: N. Gail; Abb. 5: Plan der Ausgrabungen 1978 – 1989; Abb. 6: G. Kremer, ÖAW; Abb. 7: V. Gassner; Abb. 8: N. Gail; Abb. 9: V. Gassner; Abb. 10: K. Kunst, VIAS; Abb. 11: V. Gassner.