„Die norisch-pannonische Tracht“ 


Die regionalspezifischen Tracht- und Bekleidungssitten in den Provinzen an der mittleren Donau während der römischen Kaiserzeit sind ein ergiebiges Forschungsfeld, mit dem sich seit Herbst 2015 drei Institutionen in einem Kooperationsprojekt auseinandersetzen: die Universität Innsbruck (Gerald Grabherr, Institut für Archäologien) und die ÖAW (Christian Gugl, Institut für Kulturgeschichte der Antike; Christoph Hinker, Österreichisches Archäologisches Institut). Neben antiquarischen Fragen spielt in diesem Projekt die Rekonstruktion der sozialen und ethnischen Hintergründe der TrachtträgerInnen eine wichtige Rolle. In Noricum und Pannonien verfügen wir über eine außergewöhnlich dichte Parallelüberlieferung, die nicht nur zahlreiche archäologische Kleinfunde, insbesondere aus Gräbern, sondern auch ergänzend eine große Anzahl von Steindenkmälern mit bildlichen Darstellungen, zuweilen in Kombination mit Grabinschriften, umfasst. Diese günstige Quellensituation bildet eine gute Grundlage für im weitesten Sinne bevölkerungsarchäologische Fragestellungen, zum Beispiel nach Identitätsausprägungen von Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen gesellschaftlichen und räumlichen Kontexten (Stadt – Land, Militär – Zivil, etc.).

Der Aufgabenbereich des IKANT in diesem Projekt fokussiert auf Aspekte der Digital Humanities und umfasst u.a. folgende Schwerpunkte:

  • 3D-Dokumentation von Artefakten: Entwicklung von Workflows für die 3D-Datenerfassung von Kleinfunden unter Anwendung unterschiedlicher Technologien (Photogrammetrie, Streifenlicht- und Lasertechnologie)
  • Distribution von 3D-Daten: Entwicklung einer Webdatenbank inkl. Online-3D-Datenvisualisierung, Integration von Metadatenstandards (Dublin Core, CIDOC CRM), Sicherung der Zitierfähigkeit der Daten, Langzeitarchivierung in Repositorien des Austrian Center for Digital Humanities (ACDH) an der ÖAW
  • 3D-Daten-Analyse: Klassifizierung von 3D-Objekten anhand statistischer Parameter

Für die Erfassung der Objektdaten wurde im ersten Halbjahr 2016 eine webbasierte Datenbank entwickelt, die ab Herbst 2017 unter der Domain www.cfir.science öffentlich zugänglich sein wird. Als kompetenter Projektpartner steht dafür die Multimedienagentur 7reasons zur Verfügung.

Die mittlerweile zügig durchführbare 3D-Erfassung von Artefakten und deren digitale Anreicherung mit Metadaten erschließt der Archäologie viele neue Möglichkeiten. Hochaufgelöste Artefakte können im Netz betrachtet oder heruntergeladen werden und sind somit eine ausgezeichnete Bestimmungsgrundlage. Keine Zeichnung kann die Dreidimensionalität eines Objekts und die Oberflächendetails vergleichbar repräsentieren. ArchäologInnen sind in der Lage, Größen- und Querschnittvergleiche durchzuführen, sodass erstmals auch seriös quantifizierbar Volumensabweichungen visualisiert werden können. Die Beschäftigung mit Werkstattfragen erhält damit eine neue Qualität.

Ein Online-Bestimmungstool soll ferner in die universitäre Lehre eingebunden werden. Ab dem Wintersemester 2016/17 sind – zunächst an der Universität Innsbruck (G. Grabherr), dann in Graz (C. Hinker) – Lehrveranstaltungen geplant, in denen sich Studierende mit römischen Fibeln auseinandersetzen und sich u.a. am Beispiel des Online-Bestimmungstools mit den Grundprinzipien archäologischer Typologie (Merkmalsdefinitionen, begriffliche Präzision, Hierarchisierung von Merkmalskombinationen, …) vertraut machen.

Dokumentation von Artefakten mit dem Breuckmann-Streifenlichtscanner (© Gugl / ÖAW-IKAnt)
Dokumentation von Artefakten mit dem Faro-Laserscanner (© Gugl / ÖAW-IKAnt)
3D-Modell einer Flügelfibel mit farblich differenzierter Visualisierung der Einzelscans (© Jansa / ÖAW-IKAnt)